Coming Out im Profi-Fußball: "Ich glaube, wir wären soweit"

Interview mit Christian Linker vom queeren Fanclub 'Green Hot Spots'

Christian Linker engagiert sich seit Jahren für Vielfalt und Diversität (Foto: WERDER.DE).
Fankurve
Mittwoch, 27.01.2021 / 08:55 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Christian Linker, 41, Sprecher des Werder-Fanclubs Green Hot Spots, ist seit 2015 Geschäftsführer des Rat&Tat-Zentrums, für das er bereits seit über 20 Jahren aktiv ist. Er hilft ehrenamtlich am Tresen der Vereinskneipe Kweer, bringt sich beruflich und als Ostkurvensteher aus Leidenschaft für die Themen Fußball und Homosexualität ein. Im Interview mit WERDER.DE spricht er anlässlich des !niewieder-Erinnerungstags über queere Fanclubs, Homosexualität in der Bundesliga und das Erinnern an die Verbrechen der Nationalsozialisten, die gegenüber Schwulen und Lesben begangen wurden.

WERDER.DE: Bunt, queer und vielleicht etwas außergewöhnlich – kann man euch als Green Hot Spots so am besten beschreiben?

Christian Linker: „Bei unserer Gründung vor zehn Jahren waren wir sicherlich noch ein bisschen außergewöhnlicher als heute (lacht). Heute gibt es queere Fanclubs von fast jedem Bundesligaverein, auch in den unteren Ligen existieren viele schwul-lesbische Fanclubs. Über 1.000 Fans sind im Dachverband organisiert. Damals waren die Themen queer und Homosexualität im Stadion noch unsichtbar. Damals gehörte Mut dazu, das offen im Stadion zu zeigen, weil die Ablehnung groß war. Wir haben am Anfang eine Menge Aufsehen erregt, als wir mit Regenbogenschal in die Kurve gegangen sind.“

WERDER.DE: Wie ist euch die Fanszene in Bremen begegnet?

Christian Linker: „Pauschal gesagt waren die Reaktionen hier am Osterdeich gut. Dadurch, dass wir eine tolle Ostkurve mit vielen engagierten Ultras haben, war die Unterstützung schnell sehr groß. Es wurden Podiumsdiskussionen veranstaltet und ohnehin vertreten viele Fans in Bremen eine klare Haltung, setzen sich gegen Diskriminierung, Sexismus und Rassismus ein. Aber natürlich gab es Fans, die keinerlei Berührungspunkte mit dem Thema hatten und auch mal provoziert haben. In Diskussionen hat sich das meistens aufgelöst. Wir wurden nie offen angefeindet. Und man muss sagen, Werder hat uns von Beginn an sehr positiv begleitet.“

Linker: "Auch Symbolik ist wichtig!"

WERDER.DE: Werder tritt unter anderem durch die CSD-Schirmherrschaft oder die Regenbogen-Eckfahnen öffentlichkeitswirksam für Vielfalt, Diversität und die Belange der LGBTIQ+-Gemeinschaft ein. Wie nimmst du dieses Engagement wahr?

Christian Linker: „Wenn ich aus der Ostkurve auf die Regenbogen-Eckfahnen blicke, dann habe ich Gänsehaut. Das war als einmalige Sache zum Aktionsspieltag gegen Mainz geplant und dann standen sie lange Zeit bei jedem Heimspiel an den Ecken. Das ist etwas Besonderes. Ich bin von Fans aus ganz Deutschland darauf angesprochen worden. Das bedeutet den Menschen etwas. Auch Symbolik ist wichtig. Zugleich weiß ich, dass es ein authentisches Engagement ist und Werder Diversität lebt, auch in den unteren Mannschaften, dass es Diversität bei den Mitarbeitenden gibt. Werder ist ein Sportverein und kein reines Bundesligateam. Als Aktive oder Aktiver kann man sich in den Werder-Teams ebenso outen wie wir das in der Kurve getan haben.“

WERDER.DE: Symbolik ist wichtig. Was genau meinst du damit?

Christian Linker: „Die Menschen, die uns ablehnen oder diskriminieren, zeigen ihre Haltung andauernd. Sie machen das ungefragt und oft sehr lautstark. Daher sind symbolische Aktionen auch in die andere Richtung notwendig.“

Ich hoffe, dass ein Outing dann auch ein Vorbild für den Amateurfußball wäre, wo immer noch viele Angst haben, sich zu outen, am Spielfeldrand viele blöde Sprüche passieren.
Christian Linker

WERDER.DE: Der Erinnerungstag !niewieder steht dieses Jahr ganz im Zeichen der Verbrechen, die während der Zeit des Nationalsozialismus gegenüber Menschen aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität begangen wurden. Wie wichtig ist es, an einem Bundesligaspieltag daran zu erinnern?

Christian Linker: „Erinnern halte ich grundsätzlich für wichtig. Gemessen an den Zahlen ist die Verfolgung nach Paragraph 175 sicherlich geringer als beispielsweise die Verbrechen des Holocaust. Das ändert aber nichts daran, dass dahinter eine extrem perfide Haltung stand, bei der Menschen aufgrund ihrer Gefühle oder wie sie geboren wurden abgelehnt oder verfolgt wurden. Man darf nicht vergessen: Diese Haltung hat sich in der Bundesrepublik zunächst fortgesetzt, da der Paragraph in seiner verschärften Form nach 1945 Bestand hatte. Auch hier im Bundesland Bremen wurden Menschen von den gleichen Richtern, die Menschen in der NS-Zeit ins Konzentrationslager schickten, wegen ihrer Sexualität verurteilt. In Deutschland reden wir bis zur Abschaffung 1994 von 65.000 Menschen, die aufgrund dieses Paragraphen verurteilt wurden. Es ist wichtig, das jetzt in den Fokus zu rücken, ohne die anderen NS-Verbrechen zu vergessen.“

WERDER.DE: Das 'Rat&Tat-Zentrum' in Bremen macht das immer wieder zum Thema, zuletzt bei einer Lesung im Dezember.

Christian Linker: „Das Zentrum ist in Bremen vielen ein Begriff, ein queeres Zentrum, das sich neben der professionellen Beratung auch für die Aufklärung der Naziverbrechen gegenüber Homosexuellen einsetzt. Vor vielen Jahren sind junge homosexuelle Männer beispielsweise mit einem ehemaligen KZ-Häftling nach Auschwitz gereist. Homosexualität war damals so negativ behaftet, dass es im KZ keinen Platz für Gedenken an Homosexuelle gab, die dort ermordet wurden. Der Autor der Lesung im Dezember, Lutz van Dijk, war damals dabei und hat mittlerweile sehr viel zu diesem Thema verfasst. Heutzutage ist das Gedenken an diese Menschen ein anderes, auch in Auschwitz.“

Eine veränderte Gesellschaft beeinflusst den Fußball

WERDER.DE: Kommen wir zurück zu deinem Engagement bei den ‚Green Hot Spots‘. Wie setzt ihr euch gegen Diskriminierung ein?

Christian Linker: „Dass wir offizieller Fanclub wurden, hat uns die Türen zu den organisierten Strukturen geöffnet. Wir wurden von Werder eingeladen zu Fanclub-Turnieren, zu Weihnachtsfeiern und zu anderen Events. Werder hat uns im WERDER MAGAZIN präsentiert. Darauf gab es eine riesige Resonanz. Es haben sich viele gemeldet. Wir haben angefangen mit Werder gemeinsam Aktionen zu veranstalten. An einem Spieltag gegen Mainz gab es einen Aktionsstand, es gab eine gemeinsame Postkarten-Aktion, Dr. Hubertus Hess-Grunewald war Schirmherr des CSD in Bremen und noch einiges mehr…“

WERDER.DE: Für euer Engagement wurdet ihr 2012 gemeinsam mit den ‚Grün-Weißen Trollen‘ als Fanclub des Jahres geehrt.

Christian Linker: „Richtig. Mit den Trollen spielen wir seit einigen Jahren ein gemeinsames Fußballturnier mit Beschäftigten aus dem Martinshof, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Wir hatten immer das Gefühl, dass Werder da an unserer Seite stand.“

WERDER.DE: Wie sah die Unterstützung des Verbands aus?

Christian Linker: „Der DFB hat sich mit Vielfalt lange schwergetan. Das ist ein Grund, warum Homosexualität im Profi-Fußball – auch in Deutschland – so wenig sichtbar ist. Da helfen Aktionsspieltage oder der Erinnerungstag an diesen beiden Wochenenden. Es gibt aber in Deutschland noch immer Bundesliga-Spieler, die es ablehnen, mit einer Regenbogen-Armbinde aufzulaufen. Es ist für manche immer noch ein schwieriges Thema. Umso wichtiger sind diese Solidaritätsaktionen.“

WERDER.DE: Mittlerweile hat sich der DFB des Themas aber offenbar angenommen und gemeinsam mit dem Lesben- und Schwulenverband (LSVD) eine zentrale Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt geschaffen…

Christian Linker: „Durchaus. Seit dem 01. Januar ist Christian Rudolph als Beauftragter beim DFB tätig. Er ist ein profunder Kenner, selbst Ultra von TB Berlin, Mitinitiator der Aktion ‚Fußballfans gegen Homophobie‘. Das ist in meinen Augen eine tolle Wahl, weil der DFB eine Menge Energie bekommt, aber auch einen unruhigen Geist in den eigenen Reihen, der dem Verband sicher Feuer machen wird (lacht). Für uns als queere Fanclubs, aber auch für die Vereine und Fanbeauftragten gibt es jetzt einen Ansprechpartner beim Verband.“

WERDER.DE: Welche bundesweiten oder internationalen Strukturen gibt es denn überhaupt?

Christian Linker: „Unser Dachverband sind die ‚Queer Football Fanclubs‘, Fanclubs aus England, den Niederlanden, der Schweiz und hauptsächlich Deutschland, wo QFF gegründet wurde. So können wir direkt zum DFB und anderen Verbänden kommunizieren, unsere Interessen besser wahrnehmen. Die Fanclubs arbeiten auf regionaler Ebene mit den Vereinen und zweimal im Jahr gibt es Verbandstreffen. So konnten wir unter anderem durchsetzen, dass es bei Länderspielen genderneutrale Toiletten gibt.“

WERDER.DE: Was würde deiner Meinung nach passieren, wenn sich ein Bundesliga-Profi als schwul outet?

Christian Linker: „Ich kann mich noch gut an das Coming Out von Thomas Hitzlsberger vor sechs Jahren erinnern. Zeitgleich waren wir auf einer QFF-Tagung. Der Presserummel war der helle Wahnsinn, wir durften den ganzen Tag Interviews geben und haben alle gedacht, danach verändert sich etwas. Erstaunlicherweise ist im Profi-Bereich kaum etwas passiert. Aber konkret auf die Frage: Ich glaube, in den meisten Stadien würde das heutzutage gut funktionieren. Die Kurven würden das positiv aufnehmen, es ginge nach kurzer Zeit wie bei jedem anderen Spieler um Leistung und Persönlichkeit und nicht um die sexuelle Identität. Ich glaube, wir wären soweit. Ich hoffe, dass das dann auch ein Vorbild für den Amateurfußball wäre, wo immer noch viele Angst haben, sich zu outen, am Spielfeldrand viele blöde Sprüche passieren.“

WERDER.DE: Es hat sich dennoch im Vergleich zum Zeitpunkt eurer Gründung vor zehn Jahren einiges verändert…

Christian Linker: „Die Gesellschaft verändert sich. Informationen helfen uns, Vorurteile abzubauen und einen klareren Blick zu bekommen. Eine Veränderung in den letzten zehn Jahren ist eindeutig erkennbar, die rechtliche Situation hat sich europaweit geändert und das wirkt sich auf den Fußball aus, bei dem die Fans auch ein Schnitt durch die Gesellschaft sind.“

WERDER.DE: Was wären die nächsten Meilensteine auf diesem Weg?

Christian Linker (überlegt): „Wenn Kinder nicht mehr die Vorurteile übernähmen, die ihre Großeltern und Eltern vielleicht noch hatten. Kinder sind neugierig und offen, wir Erwachsenen sind es, die ihnen ein bestimmtes Bild vermitteln. Dass wir irgendwann ganz selbstverständlich diverse Fußballprofis haben - und damit meine ich ganz explizit inter- und transsexuelle. Das wird heute oftmals vergessen. Und vielleicht schaffen wir es ja irgendwann noch mal ins Pokalfinale, mit Regenbogeneckfahnen im Olympiastadion.“

 

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