Pride Month: "Als Vorbild vorangehen und immer wieder Zeichen setzen!"

Werder-Spielerin Michelle Ulbrich im Interview

Michelle Ulbrich in der Ostkurve
Ulbrich: "Die Fans, die am Spieltag in der Ostkurve stehen, sind sehr tolerant" (Foto: W.DE).
Interview
Donnerstag, 10.06.2021 / 17:18 Uhr

Das Interview führten Marie Berner und Anne Gossner

2020 gaben fast die Hälfte der befragten LGBTQI+-Personen in einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes an, nicht offen mit ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität umzugehen. Noch größer scheint die Tabuisierung im Profifußball zu sein. Fußballer:innen, die sich outen, müssen immer noch Diskriminierung, Intoleranz oder verletzende Kommentare fürchten.

Vereinsgrößen wie der SV Werder Bremen müssen sich daher die Frage stellen, ob ein Umfeld geboten wird, an dem sich queere Menschen wohl und sicher fühlen. Michelle Ulbrich, Innenverteidigerin und Stammspielerin der Werder-Frauen, bezieht im Interview mit WERDER.DE eine klare Position und spricht offen über den Umgang mit LGBTQI+-Themen beim SVW und im Profifußball allgemein. Die 24-jährige Werderanerin erzählt zudem von ihren eigenen Erfahrungen.

Vorbild für andere sein

WERDER.DE: Du bist seit ziemlich genau zehn Jahren Teil des SV Werder Bremen. Wie wird im Verein mit Themen wie Homosexualität, Coming Out und LGBTQI+ umgegangen?

Michelle Ulbrich: „Ich habe den Eindruck, dass wir hier bei Werder insgesamt sehr offen sind und finde es wichtig, dass auf solche Themen aufmerksam gemacht wird. Die ganze Fangemeinschaft, sprich Fanclubs und alle, die am Spieltag in der Ostkurve stehen, sind sehr tolerant. Da diese Themen für die ganze Gesellschaft bedeutend sind, ist es super, dass der Verein immer wieder Stellung bezieht. Da ist Werder ein Vorbild für andere.“

WERDER.DE: Derzeit gibt es in der Bundesliga keinen männlichen Fußballer, der offen als homosexuell geoutet ist. Im Frauenbereich ist das anders. Profifußballerinnen wie beispielsweise Svenja Huth oder Anna Blässe stehen offen zu ihrer sexuellen Orientierung und setzen sich dafür ein, Vorurteile im Sport sowie in der Gesellschaft abzubauen. Wieso ist das so?

Michelle Ulbrich: „In unserem Team und im Fußball der Frauen ist der Umgang - bezogen auf sexuelle Orientierung und Outing - offener und toleranter als in anderen Sportarten oder Teilen der Gesellschaft. Für uns spielt die sexuelle Orientierung keine Rolle und das ganze Thema existiert bei uns im Prinzip nicht, da Diversität im täglichen Zusammenleben dazugehört. Da sind wir ein Schritt weiter als andere. Ich kann nicht beurteilen wie es im Männerbereich ist, aber von außen betrachtet habe ich das Gefühl, dass die Offenheit dem Thema gegenüber noch am Anfang steht, es aber auch positive Entwicklungen und Signale gibt. Wichtig ist dabei nur, dass wir nicht nur das Thema symbolisch angehen, sondern auch ins Handeln kommen.“

Bei uns existiert das Thema im Prinzip nicht, da Diversität im täglichen Zusammenleben dazugehört.
Michelle Ulbrich
Sticker im wohninvest WESERSTADION (Foto: W.DE).

WERDER.DE: Kannst du dir vorstellen, warum die vermeintliche Angst vor einem Outing noch immer so groß ist?

Michelle Ulbrich: „Ich glaube schon, dass das zu großen Teilen an der Öffentlichkeit liegt und auch Hass im Netz dabei eine wichtige Rolle spielt. Gerade im Internet, wo die Menschen anonym sind, schreiben viele ungefiltert das rein, was sie gerade denken, aber achten nicht darauf, was das mit der gegenüberliegenden Person macht. Wenn jemand von uns gezielt im Netz beleidigt wird, stehen wir als Mannschaft geschlossen hinter der Spielerin und setzen ein Zeichen. Ich persönlich lese mir keine Kommentare in den sozialen Medien durch – weder positive noch negative. Da muss jede:r selbst einen für sich guten Weg finden, um damit umzugehen. Wenn man präsent in der Öffentlichkeit steht wie zum Beispiel männliche Spieler, ist die Angriffsfläche natürlich größer. Ich denke, dass dabei auch Angst mitspielt, nach einem Outing schief angeschaut und ständig damit konfrontiert zu werden. Wir Spielerinnen werden nicht zwangsläufig auf der Straße erkannt, was es für uns ein stückweit leichter macht.“

WERDER.DE: Was muss sich denn ändern, damit mehr Menschen, insbesondere Männer, sich trauen, sich zu outen bzw. öffentlich zu ihrer Sexualität zu stehen?

Michelle Ulbrich: „Das ist ein ganz großes gesellschaftliches Thema und muss sich ändern. Die Sexualität darf keinen Unterschied mehr machen. Wenn die Öffentlichkeit merkt, dass beispielsweise Homosexualität keine Ausnahme ist, wird man auch nicht mehr schief angeschaut. Wenn das in der Stadt Normalität ist und immer mehr Menschen in der Gesellschaft mit diesen Themen vorangehen, dann würden das auch immer mehr Prominente machen. Egal, ob Fußballer:innen oder andere Sportler:innen.“

Sichtbarkeit weiter vorantreiben

WERDER.DE: Werder solidarisiert sich durch verschiedene Beiträge und Aktivitäten immer wieder öffentlich mit der LGBTQI+-Community und setzt sich beispielsweise durch Eckfahnen in Regenbogenfarben für mehr Sichtbarkeit und Diversität ein. Was hältst du von solchen Aktionen insgesamt?

Michelle Ulbrich: „Das ist definitiv eine positive Entwicklung, muss aber noch weiter ausgebaut werden. Solche Aktionen zeigen, dass dem Thema von Jahr zu Jahr mehr Aufmerksamkeit geschenkt und damit Bedeutung zugewiesen wird. Gerade wenn sich der DFB oder große Vereine wie Werder engagieren, schlägt das große Wellen. Das muss natürlich stetig so weitergehen."

WERDER.DE: Was würdest du dir von Werder oder dem Verband konkret wünschen, damit Diskriminierung weiter entgegengewirkt wird und Vorurteile abgebaut werden können?

Michelle Ulbrich: „Durch Aktionsspieltage und stetige Aufmerksamkeit kann viel erreicht werden. Vereine, Verbände und wir Spieler:innen müssen als Vorbild vorangehen und immer wieder Zeichen setzen, damit das nicht in Vergessenheit gerät. Auch die Werder-Fans sind sehr tolerant und beteiligen sich aktiv daran, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dadurch fühlt man sich gut aufgehoben und hat den Eindruck, dass niemand diskriminiert wird.“

 

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