Onur Ayik: Der Junge aus dem Freistoß-Spot ist plötzlich Profi

Und plötzlich steht er selbst auf dem Platz: Onur Ayik im Spiel gegen Bayer Leverkusen, hier gegen Renato Augusto.
U23
Montag, 22.02.2010 // 18:35 Uhr

Bereits seit anderthalb Jahren flimmert Onur Ayik bei jedem Heimspiel über die Anzeigetafel im Weser-Stadion. Bei jedem Freistoß ist der 20-Jährige dort zu sehen.

Bereits seit anderthalb Jahren flimmert Onur Ayik bei jedem Heimspiel über die Anzeigetafel im Weser-Stadion. Bei jedem Freistoß ist der 20-Jährige dort zu sehen. Versteckt in Bauarbeiter-Kluft jongliert und schießt er im TV-Spot des Werder-Partners BLG Logistics einen Ball durch ein Container-Labyrinth. Seinen ersten großen Auftritt hatte er jedoch erst am Sonntagabend: Sein Debüt im Profiteam der Grün-Weißen.

"Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet als ich plötzlich im Spiel zur Bank gerufen wurde. Es war ein ganz besonderer Moment, der mir total bewusst war. Auf dem kurzen Weg zur Trainerbank schaute ich in die Zuschauermassen und dachte nur: Was kommt da wohl auf mich zu?!" Der 20-Jährige betonte aber auch, "dass ich zwar nervös war, aber nicht überaufgeregt. Im Grunde ist es einfach ein Fußballspiel, es ist das, was ich seit 15 Jahren mache und in der U 23 habe ich mir schon einiges an Selbstvertrauen holen können." Das zeigte Ayik auch mit seinem beherzten Auftritt im ausverkauftem Stadion. Ein Pass mit der Hacke hier, ein gewonnener Zweikampf dort und ein Volleyschuss knapp über die Querlatte. "Das wäre ein Einstand gewesen. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich nicht die Ruhe hatte noch etwas länger zu warten, bis ich die Kugel optimal auf dem Fuß habe", so Ayik, der dennoch viel Applaus vom Publikum bekommen hat.

Höhepunkt des Abends war für Ayik aber nicht nur Mertesackers' Treffer in der Nachspielzeit: "Das ist schon Wahnsinn, wie die Leute da ausgerastet und mitgegangen sind. So etwas will ich natürlich wieder erleben."

Für den türkischen Junioren-Auswahlspieler endete der Abend nach seinem ersten Profispiel schließlich in den Katakomben des Weser-Stadion und dort in den Armen der Teamkollegen. "Clemens Fritz, Torsten Frings und Per Mertesacker waren die ersten Gratulanten. Auch Frank Baumann und Klaus Allofs haben mich beglückwünscht und kurz gedrückt." Doch damit war es nicht vorbei: "Über Nacht bekam ich knapp 40 SMS und zahlreiche Anrufe. Das ist schon eine Veränderung. Heute haben mich viel mehr Leute gegrüßt", grinste der Offensiv-Allrounder, der durch den Einsatz jetzt aber nicht abheben wird. "Für mich geht es erstmal darum, mir immer wieder einen Platz im Kader bei den Profis zu erkämpfen. Ich weiß schon, dass es jedes Mal ein Höhepunkt sein wird und meine sportliche Heimat in dieser Saison noch die 3. Liga sein wird."

Die Zeit bis zum Sommer wird für ihn nicht leicht. Neben der Herausforderung, sich immer wieder bei Thomas Schaaf und Thomas Wolter anzubieten, muss er auch noch die Prüfungen zum Sport- und Fitnesskaufmann bestehen. Eine Ausbildung, die er parallel zum Trainingsalltag bei Werder absolviert. "Das ist nicht so leicht, gerade wenn ich Berufsschule habe. Im letzten Jahr war es besonders hart. Da kam ich um 16 Uhr nach Hause und dann ging es jeden Tag noch zum Training der A-Junioren. Die Einwechslung am Sonntag war für mich auch eine Belohnung dafür, dass ich mich da durch gebissen habe."

Durchgebissen hat sich Onur Ayik auch durch die Vorbereitung auf die Rückrunde, die für ihn keineswegs optimal verlief. Nominiert für das Trainingslager der Profis in Dubai, musste er dort nach ein paar Tagen der Belastung Tribut zollen und erhielt wegen muskulärer Probleme Trainingsverbot. Wieder zurück in Bremen wartete sofort das Trainingslager der U 23 im spanischen Chiclana. "Dort wurde ich im Training verletzt und musste mich wieder herankämpfen, aber das ging relativ schnell."

Die Willensstärke rechnet auch Cheftrainer Thomas Schaaf dem 20-Jährigen hoch an. Dessen Einschätzung nach dem Sonntagsspiel lobte er: "Onur hat eine gute Leistung gezeigt. Er hat es sich verdient, dabei zu sein. Man hat deutlich gesehen, dass er etwas erreichen will. Ich hoffe, dass er jetzt auch andere junge Spieler mitreißen kann."
Das klingt nach mehr. Das klingt nach baldigen Einsätzen. Das klingt, als ob Onur künftig nicht nur im Freistoßspot des Werder-Sponsors ins Schwarze trifft, sondern auch im grün-weißen Trikot.

von Michael Rudolph