"Das Ausland hat Priorität"

Kevin Schindler im Interview

Kevin Schindler nahm sich im Trainingslager in Ankum Zeit für ein Interview (Foto: WERDER.DE).
Interview
Mittwoch, 28.06.2017 // 13:47 Uhr

Das Interview führte Marcel Kuhnt

Er ist in der Jugend des SV Werder groß geworden. Sieben Jahre lebte Kevin Schindler im Internat des SV Werder, mit den Profis stand der gebürtige Delmenhorster in der Champions League auf dem Rasen. Nach Vereinen in ganz Fußball-Deutschland trägt er nun wieder den Werder-Dress. Allerdings nur übergangsweise. Schindler trainiert aktuell bei der U 23 des SV Werder mit und ist mit ins Trainingslager nach Ankum gefahren. Der Offensivspieler, der zuletzt beim SV Wehen Wiesbaden unter Vertrag stand, befindet sich derzeit auf Vereinssuche.  

Mit WERDER.DE sprach der 29-Jährige über seine Vergangenheit beim SV Werder, seine sportlichen Pläne für die Zukunft sowie seine privaten Träume.

WERDER.DE: Hallo Kevin, wir haben nachgeschaut. Von 1999 bis 2006 warst du im Internat des SV Werder. Welche Erinnerungen hast du an diesen Lebensabschnitt?

Kevin Schindler: „Es war eine sehr schöne Zeit. Man ist viel herumgekommen, hat viel erlebt und viele harte Trainingseinheiten hinter sich gebracht. Eine Zeit, die ich nicht missen möchte.“

Kevin Schindler hält sich aktuell mit der U 23 des SV Werder im Trainingslager fit (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Gab es, wenn du schon von den vielen harten Einheiten sprichst, einen Trainer, der dich bei Werder besonders geschliffen hat?

Kevin Schindler: „Man sagt ja immer, wenn man Thorsten Bolder überlebt hat, hat man das Größte geschafft. Spaß beiseite! Es gab unter ihm in der Altersklasse einfach viel zu trainieren, von daher passte das schon.“

WERDER.DE: Gehen wir einen Schritt weiter. Von 2006 bis 2008 hast du in der U 23 des SV Werder gespielt und deine ersten Schritte im Herrenbereich unternommen. Wie denkst du an diese Phase zurück?

Kevin Schindler: „Ich habe die U 23 quasi übersprungen. Ich durfte direkt mit ins Trainingslager und mich dort beweisen. Das war eine unglaubliche Zeit. Wir hatten fast durchgängig eine Dreifachbelastung mit Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League. Für mich als jungen Spieler war das nicht immer einfach. Die Konkurrenz war riesig. Ich würde sagen, dass es eine sehr lehrreiche Zeit war, die ich genossen habe.“

WERDER.DE: Gab es einen Mentor, der dich damals an die Hand genommen hat und an dem du dich orientieren konntest?

Kevin Schindler: „Ich war ja Stürmer zur damaligen Zeit und habe natürlich zu Spielern wie Miroslav Klose aufgeschaut. Aber auch andere gestandene Profis wie Per Mertesacker, Frank Baumann oder Torsten Frings waren Mitspieler, an denen ich mich orientiert habe.“

WERDER.DE: Hast du zu Frank Baumann noch regelmäßigen Kontakt? Er hat dich ja auch zur U 23 vermittelt, richtig?

Kevin Schindler: „Ja, das ist richtig. Frank war damals in der Kabine mein Sitznachbar. Wir schreiben uns häufiger und haben vor Kurzem telefoniert. Wir haben ein super Verhältnis.“

Das war eine extrem hohe Belastung
Kevin Schindler

WERDER.DE: Als ihr damals nebeneinander in der Kabine saßt, standen regelmäßig Champions-League-Abende an. Würdest du diese als deine bisherigen Karriere-Highlights bezeichnen?

Kevin Schindler: „Ja, schon. Wie gesagt ist es damals eine dreifache, für mich sogar eine vierfache Belastung gewesen. Bundesliga, DFB-Pokal, Champions League oder UEFA-Cup einerseits und wenn man dann im Kader bei den Profis seine Einsatzzeit nicht bekommen hat, ging es runter zu den Amateuren. Das war eine extrem hohe Belastung. In jedem Training bei den Profis musst du gute Leistungen abliefern und wenn dazu noch die Reisen kommen, schlaucht das gewaltig. Wenn du nicht gespielt hast, musstest du wiederum bei der U 23 Leistung abliefern.“

WERDER.DE: Du hast in den darauffolgenden Jahren weitere Stationen wie Rostock, Augsburg, Duisburg, St. Pauli und zuletzt Wehen Wiesbaden durchlaufen. Gibt es eine große Liebe in deinem Fußballerleben oder bist du ein Typ, der die Abwechslung braucht?

Kevin Schindler: „Abwechslung brauche ich nicht. Ich bin ein Typ, der sich gerne längerfristig an einen Verein bindet und sich dann auch identifiziert. Das ist für mich ausschlaggebend. Bei Werder hat es leider nicht so geklappt, wie ich mir das vorgestellt habe. Es gab aber St. Pauli, dort kann ich auf eine sehr schöne Zeit zurückblicken und wäre gerne länger geblieben.“

Der Ex-Werderaner ist aktuell auf der Suche nach einem neuen Verein (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Du hältst dich aktuell bei der U 23 fit und bist auf Vereinssuche. Wie ist der aktuelle Stand?

Kevin Schindler: „Ich höre mir vieles an, Priorität hat für mich das Ausland. Ich möchte einfach nochmal raus und Erfahrungen sammeln. Neue Sprache, neue Kultur, schauen, wie andere Vereine im Ausland arbeiten. Da habe ich große Lust drauf. Vietnam habe ich mir zuletzt angeguckt, passen würde es da aber aus verschiedenen Gründen nicht.“

WERDER.DE: Sportliche oder kulturelle Gründe?

Kevin Schindler: „Sportlich würde ich sagen ist die erste vietnamesische Liga mit der fünften oder sechsten Liga in Deutschland vergleichbar. Für mich ist aber in erster Linie ausschlaggebend, dass ich mich dort wohlfühle. Es gibt immer Angebote, bei denen man sagt, finanziell würde es passen, aber die Lebensqualität ist dort nicht hoch. Zudem muss die Infrastruktur im Verein passen. Ich höre mir erst einmal weitere Sachen an und lasse die Dinge auf mich zukommen. In einigen Ländern sind die Transferfenster noch längerfristig offen. Jetzt halte ich mich erst einmal weiter fit bei Werder. Ich finde, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Werder mir das ermöglicht. Es ist schön zu wissen, dass der Jugendverein, bei dem man groß geworden ist, hinter einem steht, wenn man Hilfe braucht.“

WERDER.DE: Werder war also dein erster Ansprechpartner?

Kevin Schindler: „Ich wohne zurzeit noch in Bremen, ich kenne noch viele Leute hier, da war es nur naheliegend, dass ich nachfrage. Das Niveau ist super, die Jungs spielen nicht umsonst in der 3. Liga. Ich kann mich nur bei Werder bedanken.“

WERDER.DE: Nun zu deinen Plänen. Gibt es ein Land, in das du unbedingt möchtest?

Kevin Schindler: „Nein. Vor zwei, drei Jahren hätte ich Australien gesagt. Damals habe ich jemanden kennengelernt, der dort schon gespielt hat. Vor Kurzem habe ich allerdings eine Rundreise durch Thailand gemacht. Anschließend habe ich mich informiert. Dort könnte ich mir vorstellen, dass es gut passt. Der Fußball entwickelt sich, die Kultur und das Essen gefallen mir. Also warum nicht?“

WERDER.DE: Was sagt denn deine Familie zu den Plänen? Nach Fernost reist man ja nicht eben so...

Kevin Schindler: „Klar gibt es die eine oder andere Person, die das kritisch sieht. Andererseits bin ich keine 16 Jahre mehr und viele Leuten raten mir, die Chance nochmal etwas Neues auszuprobieren, zu nutzen.“

WERDER.DE: Gibt es Träume, die du dir nach deiner Karriere erfüllen möchtest?

Kevin Schindler: „Ja, natürlich gibt es die! Ich könnte mir sehr gut vorstellen, nach meiner Karriere im Sport zu bleiben - als Trainer oder Athletiktrainer eventuell. Ich probiere gerne verschiedene Sportarten aus. Im April bin ich beispielsweise den Marathon in Hamburg gelaufen, das hat mir großen Spaß bereitet und mich heiß gemacht. Einen Triathlon könnte ich mir ebenfalls vorstellen.“

WERDER.DE: Hast du schon den Trainerschein in Angriff genommen?

Kevin Schindler: „Bis jetzt noch nicht (lacht). Ich habe in den Jugendteams von Wehen Wiesbaden hospitiert und dort in den Trainerjob reingeschnuppert. Das war eine spannende Erfahrung. Ansonsten gab es leider noch nicht die Möglichkeit, die Scheine zu machen. In Angriff nehmen werde ich das aber auf jeden Fall.“

WERDER.DE: Dabei wünschen wir dir viel Glück, Kevin. Danke für das Gespräch!