Baumann: ''Immer die richtige Reaktion gezeigt''

Frank Baumann, Direktor Profifußball und Scouting, zog im Gespräch mit WERDER.DE über die U23 ein positives Fazit (Foto: nph).
U23
Donnerstag, 19.06.2014 // 10:10 Uhr

Stolze 25 Zähler mehr als in der vorherigen Saison konnte Werders U23 in der abgelaufenen Spielzeit in der Regionalliga Nord sammeln. Am Ende verpasste das Team um das Trainer-Duo Skripnik/Frings nur denkbar knapp den ersten Platz und landete hinter der U23 des VfL Wolfsburg auf Rang zwei. Im Interview mit WERDER.DE zieht Frank Baumann, Direktor Profifußball und Scouting, ein positives Fazit, blickt bereits auf die kommende Saison und spricht über die Aufstiegsregelung der Regionalligen.

WERDER.DE: Hallo Baumi, in der abgelaufenen Spielzeit lieferte sich Werders U23 einen spannenden Kampf um die Meisterschaft in der Regionalliga Nord mit der U23 des VfL Wolfsburg. Letztlich landete das Team denkbar knapp auf Platz zwei. Wie fällt dein sportliches Fazit aus?

Frank Baumann: „Sehr positiv. Die Mannschaft hat gut harmoniert und über die komplette Saison guten Fußball gezeigt. Das ist für eine so junge Mannschaft nicht immer selbstverständlich. Wir mussten in der Vorrunde mit Max Wegner, Richard Strebinger, Marnon Busch, Oliver Hüsing und Lukas Fröde, in der Rückrunde mit Melvyn Lorenzen und Julian von Haake wochen- bzw. monatelang auf wichtige Spieler verzichten, dazu standen uns Predrag Stevanovic und Cimo Röcker gar nicht zur Verfügung. Zusätzlich mussten wir gerade in der Hinrunde einige sportliche Rückschläge wegstecken. Ich denke da zum Beispiel an die hohen Niederlagen gegen Hannover oder Wolfsburg. Doch die Mannschaft hat immer die richtige Reaktion gezeigt. In der Rückrunde hat sich das Team dann noch einmal gesteigert. Zwar hat es leider nicht ganz gereicht, um Wolfsburg noch abzufangen, doch wir haben 25 Punkte mehr geholt, als in der letzten Saison. Außerdem haben wir sechs Zähler mehr auf dem Konto als der letztjährige Meister Holstein Kiel."

WERDER.DE: Ein Schwerpunkt der U23 ist die Heranführung junger Spieler an den Bundesliga-Kader. Wie zufrieden bist du mit der Entwicklung des Teams?

Frank Baumann: „Von Anfang an hatten wir eine gute Atmosphäre in der Mannschaft, einen starken Teamgeist und waren gleichzeitig sehr erfolgsorientiert. Dass wir im Endeffekt nicht Meister geworden sind, ist schade. Aber wir haben in erster Linie andere Zielsetzungen, als nur den reinen sportlichen Wert. Da geht es um die Entwicklung der einzelnen Spieler und der gesamten Mannschaft. Auch da kann ich ein sehr positives Fazit ziehen."

WERDER.DE: Wie groß ist der Anteil des Trainer-Duos Skripnik/Frings? Und wie beurteilst du das erste gemeinsame Trainerjahr der beiden?

Frank Baumann: „Viktor Skripnik hat in den letzten Jahren in der U17 schon sehr gute Arbeit geleistet und hat diese in der abgelaufenen Saison als Cheftrainer der U 23 nahtlos fortgeführt. Mit Christian Vander als Torwart-Trainer und Torsten Frings als Co-Trainer wurden zudem zwei Trainerneulinge mit einbezogen, die ihre Aufgabe sehr gut und mit voller Leidenschaft erledigen haben. Das gesamte Trainerteam hat sich schnell eingefunden und sehr gut zusammen gearbeitet. Auch, als in der Winterpause Florian Kohfeldt Co-Trainer der U 23 wurde und Frank Bender ins Leistungszentrum gewechselt ist, harmonierte das Trainerteam super und hat daher einen großen Anteil an der erfolgreichen Spielzeit."

WERDER.DE: Werder war mit 38 Punkten die beste Heimelf, hat zudem gemeinsam mit Wolfsburg die meisten Siege eingefahren. Daran haben Spieler wie Levent Aycicek, Davie Selke und Co. einen großen Anteil. Wie sehr stimmt dich die abgelaufene Saison optimistisch, was die Zukunft der "jungen Wilden" angeht?

Frank Baumann: „Viele junge Spieler haben nochmal einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht. Es hat uns natürlich auch gefreut, dass schon in der Vorrunde der ein oder andere in der Bundesliga zum Einsatz kam und dort die ersten Erfahrungen sammeln konnte. Wir hoffen natürlich auch, dass da noch mehr dazu kommen. Ich möchte jedoch auch noch einmal auf andere Spieler eingehen, die vielleicht nicht so im Blickpunkt standen. Mir fällt da beispielsweise Torben Rehfeldt ein oder auch ein Oliver Hüsing, der schließlich mit einem Lizenzspielervertrag belohnt wurde. Aber auch Clemens Schoppenhauer, Melvyn Lorenzen, Lukas Fröde oder Richard Strebinger haben sich im Vergleich zum letzten Jahr nochmal deutlich weiterentwickeln können."

WERDER.DE: Wie du bereits erwähntest, konnten einige der Spieler aus dem Kader der U23 in der vergangenen Saison bereits Bundesligaluft schnuppern. Wie schätzt du insgesamt das Entwicklungspotenzial ein und wie schwierig ist es, den Sprung zu den Profis zu schaffen?

Frank Baumann: „Der Sprung vom Jugend- zum Herrenfußball ist schon der schwierigste. Ob es ein Spieler wirklich schafft, hängt immer von mehreren Faktoren ab. Es geht da um die persönliche Entwicklung, die zusätzliche Belastung der Spieler, aber auch um die Tatsache, dass die jungen Spieler beispielsweise auch mal gegen erfahrenere Akteure, die sehr abgekocht sind, antreten müssen. Hinzu kommt noch, dass viele der Spieler parallel die Schule zu Ende machen. Und eine gewisse Portion Glück gehört auch dazu, also ich meine, sie müssen im richtigen Moment da sein, wenn es bei den Profis personelle Veränderungen gibt. Aber ganz wichtig ist, dass die Spieler bereit sind, wenn sich diese Situationen für sie ergeben. Unsere Aufgabe ist es, die Jungs darauf vorzubereiten."

WERDER.DE: Eines dieser Talente ist Julian von Haacke, der aktuell mit einem Kreuzbandriss ausfällt. Wann wird er wieder ins Training einsteigen können und inwieweit beeinträchtigt eine solch schwere Verletzung die Entwicklung eines Nachwuchsspielers?

Frank Baumann: „Einen genauen Zeitpunkt wollen wir nicht festlegen. Er wird voraussichtlich im Herbst wieder ins Mannschaftstraining einsteigen können. Momentan arbeitet er intensiv in der Reha. Es ist natürlich sehr schade für ihn und für uns, weil er einen sehr guten Weg gegangen ist und auf dem Sprung nach oben war. Ich glaube aber, dass durch seine schwere Verletzung der Entwicklungsprozess lediglich für einige Monate unterbrochen ist. Die Zeit kann Julian auch für sich nutzen, um beispielsweise an anderen Dingen zu arbeiten. Julian ist jemand, der körperlich noch ein bisschen zulegen kann. Aber ich mache mir keine Sorgen, dass er mit der nötigen Spielpraxis dann auch wieder seine fußballerische Klasse zeigen kann."

WERDER.DE: In knapp zwei Wochen startet die Vorbereitung auf die nächste Saison. Wie sieht die Zielsetzung für die kommende Spielzeit aus?

Frank Baumann: „Die wichtigste Zielsetzung ist nach wie vor, die Spieler so gut es geht weiterzuentwickeln und möglichst viele Spieler nachhaltig im Profibereich bei uns zu integrieren. Sportlich wollen wir natürlich auch erfolgreich sein. Die Jungs sollen einen gewissen Ehrgeiz entwickeln. Deshalb ist es auch das Ziel, wieder oben mitzuspielen. Der ein oder andere war vielleicht unglücklich, dass Wolfsburg nicht aufgestiegen ist, weil es sonst eventuell etwas ‚leichter‘ geworden wäre, auch mal Meister zu werden. Ich bin aber gar nicht traurig darüber, sondern eher ganz froh, weil wir dann mit Wolfsburg und dem starken Aufsteiger Lübeck eine bessere Liga haben werden und unsere Jungs noch mehr gefordert werden. Wolfsburg geht als großer Favorit ins Rennen. Wir wollen jedoch schauen, inwieweit wir sie ärgern können. Ich glaube, dass wir gut aufgestellt sind, wieder mit Begeisterung und Elan an die Sache rangehen und eine gute Rolle spielen werden."

WERDER.DE: Du hast es bereits angesprochen, auch in der kommenden Saison wird es wieder ein Aufeinandertreffen mit dem diesjährigen Meister geben, da die Wolfsburger in der Aufstiegsrelegation scheiterten. Wie bewertest du diese Regelung?

Frank Baumann: „Ich glaube, da gibt es keine großen unterschiedlichen Meinungen. Die Regelung ist unglücklich und keine gute Lösung. Eigentlich sollte es in jeder Klasse so sein, dass der Meister aufsteigt. Meine Idee wäre, dass man grundsätzlich überlegt, die Dritte Liga anders zu gestalten. Es gab beispielsweise mal eine dritte Liga - aufgeteilt in Nord und Süd. Wenn es zwei dritte Ligen geben würde, hätte man innerhalb der Ligen mehr Derbys, höhere Zuschauerzahlen, weniger Reisekosten, könnte die Ligen aber trotzdem gut vermarkten. Mir vier Regionalligen darunter hätte man dann eine klare Auf- und Abstiegsregelung, bei der zumindest der Meister sicher aufsteigen würde."

Das Interview führte Felix Hülskemper