Spürbare Identifikation

Florian Kohfeldt im Interview

Florian Kohfeldt ist seit über zehn Jahren als Coach bei Werder Bremen (Foto: nordphoto).
U23
Mittwoch, 12.10.2016 // 18:29 Uhr

Das Interview führte Marcel Kuhnt

Die erste Woche für Florian Kohfeldt als Coach der U 23 ist schon vorbei. Neben zahlreichen Trainingseinheiten durfte der 34-Jährige beim Testspiel gegen den SV Meppen auch seinen ersten kleinen Erfolg als Cheftrainer der Grün-Weißen feiern. Am Samstag steht nun bei Holstein Kiel der Ernstfall an. 

Mit WERDER.DE sprach Kohfeldt vor dem ersten Pflichtspiel seiner neuen Mannschaft über seine langjährigen Erfahrungen als Trainer im WERDER Leistungszentrum, seine Art, Fußball spielen zu lassen, und über den ersten Eindruck, den er von seinen Spielern hat.  

WERDER.DE: Seit 2006 arbeitest du als Trainer bei Werder Bremen. Du feierst damit in diesem Jahr dein 10-jähriges Jubiläum. Gibt es einen Moment aus dieser Zeit, der dir bis heute im Gedächtnis geblieben ist?

Florian Kohfeldt: „Ja. Das U 17-Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft 2011 in Stuttgart, als Lukas Fröde den letzten Elfmeter in den Winkel hämmerte.“

Florian Kohfeldt setzt auf beidseitiges Vertrauen (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Wieso ausgerechnet dieses Spiel?

Florian Kohfeldt: „Es war so eine Saison, die du ganz selten erlebst. Wir hatten wenige Rückschläge und viele Dinge haben einfach funktioniert. Und dann fährst zu einem Spiel, was schwerer nicht sein könnte. Der VfB war damals gespickt mit Junioren-Nationalspielern wie Rami Khedira oder Serge Gnabry. Keiner hat einen Pfifferling auf uns gesetzt, obwohl wir mit Leuten wie Levent Aycicek, Julian von Haacke, Marcel Hilßner und eben Lukas Fröde eine tolle Truppe zusammen hatten. Die Jungs haben einfach überragend gespielt. In der Verlängerung machen wir das 2:1 durch Patrick Lizius. Das war so ein Tor, wo du beim Jubeln abspringst und auf einmal im Mittelkreis landest. Trotzdem hat Stuttgart noch den Ausgleich erzielt und wir mussten ins Elfmeterschießen. Unser Stammtorwart war gesperrt und Yannik Viol als Ersatz musste ran. Er hielt einen Elfer, bevor Lukas den Ball in den Winkel haute. Das sind Erinnerungen, die vergisst man nicht.“ 

WERDER.DE: Lukas Fröde ist ein gutes Beispiel. Bei deinem Antritt als Cheftrainer der U 23 hast du gesagt, dass du einige der Spieler lange kennst, mit ihnen vertraut bist. Gibt es Anekdoten zu einzelnen Spielern?

Florian Kohfeldt: „Natürlich gibt es Geschichten, da wir schon vieles zusammen erlebt haben. Sowohl im positiven als auch negativen Sinne. Man darf nicht vergessen, dass im Team Spieler stehen, denen ich zuletzt als Co-Trainer der Profis sagen musste, dass sie nicht im Kader stehen. Trotzdem glaube ich, dass wir aufgrund unseres gegenseitig sehr respektvollen Umgangs und der Offenheit eine große beidseitige Vertrauensbasis haben. Und natürlich gibt es einige Anekdoten, aber die sind dafür da, das man sie für sich behält (grinst).“ 

WERDER.DE: Die U 23 ist eine Art Schnittstelle zwischen Junioren- und Profibereich. Wie wirkt sich das auf deinen Trainerjob aus?

Florian Kohfeldt: „Aus meiner Sicht ist der Begriff Ausbildungsmannschaft die beste Bezeichnung. Die U 23 ist die letzte Ausbildungsmannschaft des Leistungszentrums und hat somit eine bestimmte Zielsetzung. Die oberste Aufgabe ist es, Spieler zu entwickeln und sie an die Bundesliga heranzuführen. Das spiegelt sich auch auf dem Platz wider. Als Trainer forderst du Dinge von den Spielern ein, die sie später in der Bundesliga benötigen, die aber nicht immer ergebnisorientiert sein müssen. Dennoch gehört ein gewisses Ergebnisdenken auch in dieser Stufe dazu. Wenn sie nämlich den nächsten Schritt machen, ist dieses Denken das Wichtigste. Deshalb will ich beides verbinden – Ergebnisorientierung und eine gute Ausbildung.“

Oberste Aufgabe ist es, Spieler zu entwickeln und sie an die Bundesliga heranzuführen
Florian Kohfeldt

WERDER.DE: Du selbst hast neben der Trainertätigkeit im Junioren-Bereich dein Studium absolviert und den Master in Gesundheitswissenschaften und Sport erlangt. War es schwierig, beides unter einen Hut zu bekommen?

Florian Kohfeldt: „Das ging eigentlich ganz gut, da die Trainingseinheiten der Junioren abends stattfanden. Damals habe ich ja noch nicht hauptamtlich bei Werder gearbeitet. Ich war abends und am Wochenende unterwegs. Das war zwar manchmal anstrengend, aber gut unter einen Hut zu bringen.“

Florian Kohfeldt möchte den Weg von Alexander Nouri in der U 23 fortsetzen (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Zu den zehn Jahren als Trainer kommen noch viele weitere Jahre als Spieler der dritten Mannschaft. Was ist für dich das Besondere an Werder Bremen?

Florian Kohfeldt: „Wir sind im positiven Sinne noch ein Verein. Alle, die hier arbeiten und dem Verein verbunden sind, spüren dieses Vereinsleben. Man trifft täglich Leute, die man gerne sieht. Das ist unabhängig davon, ob ich im Profi-Bereich, im Leistungszentrum oder in einer anderen Abteilung arbeite. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist aus meiner Sicht das Besondere an Werder. Und das hat überhaupt nichts damit zu tun, wie lange man schon dem Verein angehört. Die Identifikation mit dem Verein ist bei allen sofort zu spüren. Bei aller Vereinsangehörigkeit lassen wir Einflüsse von außen zu und wissen, dass wir Leistung bringen müssen. Doch die grundsätzliche Identifikation hat sich dabei nie geändert. Und das schätze ich an Werder Bremen.“

WERDER.DE: Vermittelst du deinen Spieler diese Philosophie auch in der täglichen Trainingsarbeit?

Florian Kohfeldt: „Auf jeden Fall. Jeder Spieler muss spüren, dass es toll ist, für Werder Bremen spielen zu dürfen. Sie müssen wissen, was es bedeutet, welche Tradition dahinter steckt und welche Bedeutung es für die Stadt und die Fans hat. Das sind einmalige Beziehungen, die nicht häufig zu finden sind. Das sollte ein Spieler wissen. Und zwar, aus meiner Sicht, unabhängig davon, ob er in der U 12, der U 23 oder bei den Profis spielt.“

WERDER.DE: Dennoch hast du die Bedeutung des Inputs von außen angesprochen. Gab es einen Trainer, der deinen Stil besonders geprägt hat?

Florian Kohfeldt: „Ein Vorbild in der Form habe ich nicht. Ich finde, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss.“

WERDER.DE: Wie sieht dein Weg aus?

Florian Kohfeldt: „In der Defensive sollen die Jungs den Ball schnell zurückerobern. Da gibt es eine klare Struktur, wie das abzulaufen hat. In der Offensive genügt es aus meiner Sicht nicht mehr, nur ein Mittel anzuwenden. Also nicht nur vertikales Spiel oder über die Flügel. Es wird eine hohe Flexibilität benötigt. Das ist ein hoher Anspruch. Dennoch sind das Elemente, die für mich wichtig sind. Das versuche ich den Spielern zu vermitteln.“

Konsequent kommunikativ: Florian Kohfeldt sucht den Dialog mit seinen Spielern (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Seit etwas mehr als einer Woche trainierst du jetzt die U 23. Wie ist dein erster Eindruck?

Florian Kohfeldt: „Mein erster Eindruck ist sehr positiv. Es macht Spaß, mit den Jungs zu arbeiten. Es ist eine sehr lernwillige Mannschaft, die bereit ist, Vollgas zu geben. Und das ist für eine Ausbildung schon mal nicht verkehrt.“

WERDER.DE: Wie zeigt sich die Lernwilligkeit?

Florian Kohfeldt: „Die Jungs hören gut zu. Außerdem fragen sie viel nach, was ungewöhnlich ist. Zumindest habe ich diese Erfahrungen aus dem Jugendbereich, wo es noch eine Hemmschwelle gab, zum Trainer zu gehen. Das ist hier anders. Sie fragen auf eine sehr respektvolle Art und Weise nach und setzen sich mit dem Training auseinander.“

WERDER.DE: Neben dem Training musst du dich im Moment mit der Suche nach einem Co-Trainer auseinandersetzen. Wie sieht das Anforderungsprofil aus?

Florian Kohfeldt: „Ich verstehe den Co-Trainer als einen Partner. Das ist die Grundvoraussetzung. Vom Typ her sollte er einen guten Draht zum Team aufbauen können, aber auch kritisch sein. Und dann suche ich natürlich jemanden, der bereit ist, viel in den Job zu investieren.“