Im Schneematsch von Istanbul

Erinnerungen an den Gewinn des Europapokals der Pokalsieger

Werders Frank Neubarth beim Schneesturm-Duell mit Galatasaray in Istanbul (Foto: Stroscher).
Europapokal der Pokalsieger
Sonntag, 25.06.2017 // 10:20 Uhr

Notiert von Yannik Cischinsky

Werders Weg ins Finale des Europapokals der Pokalsieger wurde oft erzählt. Über Bacau, Budapest, Istanbul und Brügge zogen die Werderaner 1992 ins Endspiel nach Lissabon ein – und holten dank eines 2:0-Sieges gegen den AS Monaco den größten Triumph der Vereinsgeschichte. Doch was passierte eigentlich abseits des Platzes und rund um die mittlerweile legendären neun Partien der Grün-Weißen?

Für WERDER.DE erinnert sich Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer zurück und verrät teilweise bis dato unerzählte Anekdoten von damals. „Es war für mich die spannendste Europapokalsaison. Nicht, weil wir gewonnen haben, sondern weil so viele unvergessliche Erlebnisse dabei waren“, sagt der langjährige Geschäftsführer und Präsident Fischer. Im zweiten Teil blickt der damalige Vizepräsident auf die Hooligans von Budapest und den Schneesturm in der türkischen Hauptstadt.

2. Runde: SV Werder – Ferencvaros Budapest 3:2/1:0

Klaus Allofs traf beim 3:2-Sieg im Hinspiel gegen Budapest (Foto: Stroscher).

„In der zweiten Runde hatten wir zunächst ein Heimspiel. Zuhause haben wir allerdings ‚nur‘ 3:2 gewonnen, was für ein Rückspiel auf fremden Platz im Europapokal natürlich eine fast schon schlechte Ausgangssituation ist. Budapest ist eine herrliche Stadt, die Umstände unter denen das Spiel stattfand waren aber schrecklich. Ferencvaros hatte eine äußerst aktive Hooligan-Gemeinde, die Jagd auf Fans aller gegnerischen Vereine machte. Das betraf nicht nur Werder, sondern auch die Fans anderer Vereine in der ungarischen Liga.

Aus diesem Grund haben es die Verantwortlichen von Ferencvaros nicht zugelassen, dass unsere Fans mit Sitzplatztickets auch auf die ihre Plätze durften. Sie musste plötzlich in die mit einem Zaun abgegrenzte Stehplatzecke. Das war das erste Mal, dass uns so etwas passierte. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir ja bereits zehn Jahre internationale Erfahrung. Manfred Müller, Willi Lemke und ich haben uns aus Protest und Solidarität mit unseren Anhängern zu den Fans gestellt. Das hatte allerdings die Konsequenz, dass wir nach dem Spiel mit einer Polizeieskorte aus dem Block herausgeholt werden musste, um überhaupt zur Pressekonferenz zu gelangen.

Obwohl diese Partie in den Erzählungen selten eine Rolle spielt, war es für mich das kribbeligste Spiel. Wir gewannen durch in Tor von Marco Bode nur ganz knapp mit 1:0 und damit war die Sache gegessen, aber die Ungarn hätten ja nur den Ausgleich erzielen müssen und wir wären raus gewesen.“

Viertelfinale: SV Werder – Galatasaray Istanbul 2:1/0:0

Ausgiebiger Schneefall machten den Rasen eigentlich unbespielbar (Foto: Stroscher).

„Zu den Begegnungen mit Galatasaray fallen mir einige Anekdoten ein. Das Hinspiel fand in Bremen statt und wir hatten bei dem Duell mit Galatasaray aus den Erfahrungen, die es in Deutschland dank zahlreicher Partien gegen türkische Mannschaften gab, die Sorge, dass das Weser-Stadion ein 'türkisches Stadion' werden könnte. Da kam uns die Idee, das Duell unter das einfache Motto 'deutsch-türkische Freundschaft' zu stellen. Wir haben es in Zusammenarbeit mit vielen Institutionen in Bremen hinbekommen, dass daraus 'Werder-und-Galatasaray-Veranstaltungen' in ganz Bremen wurden. In Schulen, in Jugendheimen, in Betrieben.

Das Spiel blieb – auch deswegen – von Vorfällen völlig verschont, hatte für uns aber ein ganz fürchterliches Ergebnis. Otto Rehhagel hatte große Probleme mit der Mannschaftsaufstellung gehabt, da viele verletzt ausgefallen waren. Er hat dann kurzfristig Marinus Bester aufgestellt, der bei seinem Debüt im Europapokal sogar fünf Minuten vor dem Ende das 2:1-Siegtor geschossen hat.

Zum Rückspiel waren ungefähr 3.000 Zuschauer aus Bremen nach Istanbul gereist. Es hatte fürchterlich zu schneien begonnen, das war der reinste Wahnsinn. Am Morgen vorher war die traditionelle Besichtigung angesetzt. Neben dem holländischen Schiedsrichter sollte daran auch ein UEFA-Beobachter teilnehmen mit dem wir eine Platzbesichtigung noch vor der offiziellen Begehung gemacht haben. Uns war klar war, das wird eine Katastrophe werden, wenn das nicht Spiel stattfindet. Also sind auf den Platz gestiefelt, bis zu den Knöcheln im Schnee und Matsch versunken, haben aber dennoch auf den Beobachter eingeredet: 'Stellen sie sich mal vor, wofür sie die Verantwortung tragen. Hier sind 3.000 Fans extra angereist, das gibt einen Aufstand, wenn die Partie so kurzfristig abgesagt wird.'

Das war ein einziges Theater
Klaus-Dieter Fischer

Er hat sich tatsächlich dazu durchgerungen, das Spiel stattfinden zu lassen, was sich hinterher als Riesenvorteil für uns herausstellte. Ich sehe diese Szene immer noch heute vor mir. Es muss die 90. Minute gewesen sein. Der Ball kommt in den Strafraum, ein türkischer Stürmer muss nur noch den Fuß hinhalten, doch das Leder bleibt im Schnee stecken. So konnte Oliver Reck den Ball aufnehmen. Das wäre das 1:0 gewesen und das Ende für uns.

Die Stimmung im Stadion habe ich zwar als aufgeheizt wahrgenommen, aber nicht so feindselig wie von vielen beschrieben. Klar, bis tief in die Nacht fuhren die Istanbul-Fans mit Autos geschmückt mit Galatasaray-Fahne um das Hotel und hupten, aber das verbuche ich eigentlich unter normales Verhalten bei Auswärtsspielen in diesen Ländern ab. Da habe ich schon viel Schlimmeres erlebt. Die Polizei ist auch gar nicht eingeschritten. Es war nicht so, dass man das Gefühl hatte, dass es eine aggressive Stimmung war. Wir konnten durch die Stadt und die Basare spazieren gehen, niemand ist uns ernsthaft aggressiv entgegen getreten.

Schon häufiger erzählt wurde ja, dass das Stadion in Istanbul eine echte Katastrophe war. Es gab überhaupt keine richtigen Sicherheitsabgrenzungen. Bei den Sitzplätzen, auf denen auch die Spielerfrauen saßen, endete die Tribüne ohne jegliche Absperrung. Man hätte herunterfallen können. Auch auf Protest unserer Spieler haben wir dann die Frauen aus dem Block gebracht. Das war ein einziges Theater, die Spielerfrauen musste an den Trainerbänken vorbeigeschleust werden. Auch wir mussten plötzlich die Ehrenloge verlassen in der wir schon Platz genommen hatten, weil der türkische Ministerpräsident zum Spiel angereist war. Als dann alle durchgecheckt waren, durften wir wieder hinein. Es ging aus heutiger Sicht wirklich turbulent zu.“

Der "Tag der Fans" am Samstag, 05.08.2017, bildet den Höhepunkt des Europapokal-Jubiläums. Mit zahlreichen Aktionen feiert der SV Werder den größten Triumph der Vereinsgeschichte, den Gewinn des Europapokals der Pokalsieger 1992. Neben Trainer-Legende Otto Rehhagel wird die Mannschaft rund um die Werder-Ikonen wie Wynton Rufer und Marco Bode anwesend sein.

 

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