Ragnicks Vorsatz: Endlich wieder Hoffenheim-like

Marko Marin schirmt den Ball gekonnt vor Hoffenheims Regisseur Carlos Eduardo ab, Andreas Ibertsberger blickt gebannt.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

So ein Kater im Morgengrauen nach vielen Monaten des fußballerischen Rauschs während der Vorsaison kann einem ganz schön zu schaffen machen. 1899 Hoffenheim erfährt das in diesen Wochen schmerzlich am eigenen Leib. Die TSG ist etabliert und ambitioniert zugleich, aber hat mittlerweile eben auch mit all den Problemchen eines Bundesligisten zu kämpfen: Leistungsschwankungen, ein paar Niederlagen am Stück, anhaltendes Verletzungspech, kritische Stimmen in Medien und Öffentlichkeit.

 

Die alltäglichen Probleme eines etablierten Bundesligisten

 

Hugo Almeida lässt dem Jubel nach seinem 2:1-Siegtreffer im Pokal freien Lauf, Isaac Vorsah schaut konsterniert, Per Nilsson schlägt die Hände über das Gesicht.

Der Alltag mit all seinen Begleiterscheinungen ist eingekehrt. Aktuell heißt das Rang elf, ein Platz im Niemandsland der Tabelle. Unter diesen Voraussetzungen empfangen die Hoffenheimer am Sonntag, 14.03.2010, um 15.30 Uhr in der Rhein-Neckar-Arena Werder Bremen. Der zweite Bremer Gastbesuch nach dem etwas glücklichen 0:0 im vergangenen Jahr, als allein Leihspieler Boubacar Sanogo drei Mal Aluminium traf, statt ins Tor von Tim Wiese zu vollenden. „Im ersten Jahr kannte man sie noch nicht so, alles war neu, eine Euphorie war entfacht worden“, erinnert Thomas Schaaf, Cheftrainer der Grün-Weißen, inzwischen jedoch „weiß man, für welche Werte 1899 steht, sie bekommen mehr Gegenwehr, neue Lösungen müssen gefunden werden. Vielleicht sind sie auch nicht mehr so unbefangen wie noch am Anfang.“ Niemand reibt sich mehr verwundert die Augen und lässt sich von den unbekümmerten und technisch beschlagenen Offensivkünstlern des Emporkömmlings aus dem Kraichgau so einfach einschüchtern, gar überrennen. Selbst Mannschaften, deren eigene spielerischen Vorrausetzungen eigentlich selten an das Potential der TSG heranreichen.

 

Zuletzt gelang das in direkter Folge dem FSV Mainz (0:1), Borussia Mönchengladbach (2:2) oder dem VfL Bochum (1:2). Einzig zwei (Pflicht-)Siege über die Abstiegskämpfer Hannover 96 und Hertha BSC stehen 2010 bislang zu Buche. Die – nur von statistischem Belang behaftete - Rückrundentabelle weist gar lediglich Platz 16 auf. Dazu verlor 1899 Anfang Februar bekanntermaßen das Pokal-Viertelfinale mit 1:2 in Bremen. „Sie haben sicherlich nicht das gezeigt, wofür sie stehen“, fasst Thomas Schaaf zusammen. In der zurückliegenden Woche wurden alle Hoffenheimer Spieler von der sportlichen Leitung in intensiven Einzelgesprächen vernommen.

 

Ragnick: „Ärmel hochkrempeln und wieder Hoffenheim-like“ spielen

 

Ralf Ragnick will mit den Hoffenheimern den Abwärtstrend stoppen.

Um diesem negativen Trend endlich zu entkommen, gilt das, was ihr Trainer Ralf Rangnick energisch und voller Motivation verlangt: „Es ist gerade eine schwierige Zeit, wir müssen alle miteinander die Ärmel hochkrempeln.“ Er selbst trat mit offensivem Beispiel voran, wischte jegliche aufgekommenen Gerüchte um die eigene Person unmissverständlich bei Seite und bekannte sich zu jenem Arbeitsplatz, den er seit 2006 erfolgreich ausfüllt: „Ich bin mit ganzem Herzen hier Trainer in Hoffenheim und gedenke auch nicht, nächste Saison irgendwo anders Trainer zu sein.“ Der Fokus der übrig gebliebenen Rückrunden-Partien zielt in ganzem Maße auf Wiedergutmachung: „Wir wollen in den verbleibenden neun Spielen möglichst viele zeigen, die wieder Hoffenheim-like sind.“

 

Hoffenheim-like, „das war geprägt von schönen Kombinationen, druckvollem Spiel nach vorn“, weiß Thomas Schaaf zu übersetzen, von wieselflinken, ständigen Positionswechseln, überfallartigen Kontern, von taktischer Finesse. Doch trotz der angesprochenen Durstrecke des Gastgebers darf auf keinen Fall vergessen werden, dass Werder da immer noch ein Gegner gegenübersteht, „bei dem es durch seine Mittel und Möglichkeiten in den vorderen Bereich der Liga geht“, verdeutlicht der Cheftrainer der Grün-Weißen. Auf dem sportlichen Terrain sind diese allerdings derzeit nicht unerheblich begrenzt. Denn „arg gebeutelt“ stellt sich die Kaderlage aus verletzungssicht dar, urteilte Schaaf treffend. Die Leistungskräfte Andreas Beck, Chinedu Obasi, Isaac Vorsah, Demba Ba, Matthias Jaissle werden auf dem Spielberichtsbogen nicht aufgeführt sein. Noch unsicher ist zudem, ob bei Kapitän Per Nilsson (Knie) rechtzeitig Entwarnung gegeben werden kann. Wenigstens kehren Franco Zuculini (Nach Haarriss im Schienbeinköpfchen) und Luiz Gustavo (Abgesessene Rotsperre) ins Aufgebot zurück.

 

Großes Verletzungspech/Moralische Unterstützung des Mäzens

 

Luiz Gustavo - hier im unsanften Zweikampf mit Naldo - hat seine Rotsperre abgesessen.

Moralische Unterstützung in schwieriger Zeit überbrachte derweil Mäzen Dietmar Hopp im Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung: „Momentan ist es nicht so schön, wie es mal war. Aber die Mannschaft hat Qualität und das Verletzungspech wird uns irgendwann verlassen.“ In gleicher Zeitung versicherte Außenverteidiger Andreas Ibertsberger mit Blick auf das Duell mit Werder: „Jetzt spielen wir daheim und da ist auf jeden Fall was drin.“

 

Das wäre vor allem der Fall, „wenn man sie in ihren Rhythmus kommen lässt. Dann können sie einiges aufzeigen“, warnt Thomas Schaaf. „Wir müssen es schaffen, dies einzudämmen und ihnen nicht den Raum geben.“ Von beinah identischer Natur rührt die Einschätzung des Hoffenheimer Abwehrchefs Josip Simunic über Bremer Stärken. „Wenn wir sie ihr Spiel spielen lassen, werden wir Probleme bekommen“, ahnt der Kroate auf achtzehn99.de. 3.500 Werder-Fans (Schaaf: „Wir hoffen, das mit einer starken Leistung bedienen zu können“), die ihren Lieblingen am Sonntag die lautstarke Unterstützung von den Rängen zuteil kommen lassen, könnten sich wunderbar damit anfreunden, träfe Simunics einleitender Gedanke zu.

 

von Maximilian Hendel