Talfahrt stoppen: Gegen Hertha die Wende einleiten

Per Mertesacker ist hier einen Schritt schneller als Gegenspieler Artur Wichniarek. Werder gewann das Hinspiel 3:2.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Das reale Ausmaß der damals zumindest anvisierten Talfahrt, die Hertha BSC binnen einer Vorrunde geradezu hinabreißen sollte, war nach Werders 3:2-Hinspielsieg am 4. Spieltag im Berliner Olympiastadion selbst im Ansatz nicht zu erahnen. So aber gastiert, gut fünf Monate später, am Freitag, 05.02.2010, um 20.30 Uhr ein schier abgeschlagener Tabellenletzter im Weser-Stadion. Ein Duell der Enttäuschten. Denn auch in Bremen „hat es bessere, lockere, freiere Tage gegeben als im Moment“, woraus Cheftrainer Thomas Schaaf kein Geheimnis macht. „Wir haben uns sehr klar über die Situation unterhalten.“

 

Kapitän Arne Friedrich, Maximilian Nicu und Co. auf dem schwierigen Weg zur Rettung.

Tiefe Furchen auf Werders Punktekonto

 

Fünf Niederlagen in einer Reihe hinterließen tiefe Furchen auf dem Punktekonto. Zu den ohnehin intensiven Trainingseinheiten, der eindringlichen Fehleranalyse und offener Selbstkritik ist die Mannschaft außerdem „sehr eng zusammengerückt“, hat Thomas Schaaf erkannt, ein weiterer Aspekt neben der dringend benötigten erheblichen Leistungssteigerung auf dem Feld, damit „das Gesamtgefüge wieder funktioniert.“ Allerdings zu weitaus mehr als einer erheblichen Leistungssteigerung ist Hertha BSC gefordert.

 

Noch im vergangenen Frühjahr träumte eine ganze Hauptstadt berechtigterweise vom Höchsten – der Meisterschaft. 74.500 in der beinah stetig ausverkauften Heimstätte brüllten gar so laut, dass es bis in die hintersten Winkel der Republik nicht zu überhören war: „Hey, das geht ab. Wir feiern die ganze Nacht.“ Natürlich mit der Schale in der Hand. Dafür reichte es am Ende nicht ganz. Zuletzt vernahm man den Refrain besagten Gassenhauers, als er in der Leverkusener BayArena dröhnte. Der „Alten Dame“ dagegen wurden im ersten Halbjahr beständig diese elenden Vergleiche mit Tasmania vorgehalten. Bis heute die Mutter aller Absteiger, nachdem die Berliner 1966 nach nur zwei Siegen, vier Unentschieden und einem haarsträubendem Torverhältnis den Gang ins Unterhaus antreten mussten.

 

Naldo gelang am 4. Spieltag im Olympiastadion die Vorentscheidung.

Eindeutiger Berliner Appell: „Wir sind Aufholjäger“

 

Entgegen der trost- und punktelosen Lethargie aus sechs Vorrunden-Zählern weckten die Verantwortlichen im Winter neuen Mut mit dem eindeutigen Appell an die „Aufholjäger“. Die Fans haben verstanden. Weit mehr als 10.000 T-Shirts gingen seither über den Ladentisch, die Zuschauerzahlen (38.127 gegen Bochum, 46.090 gegen Gladbach) stimmen. „Auch personell haben sie versucht, etwas zu bewegen“, weiß Thomas Schaaf. Verstärkung erhielt Friedhelm Funkels Mannschaft von Theofanis Gekas (Bayer 04) und Levan Kobiashvili (Schalke 04) sowie mit Roman Hubnik (Sparta Prag). Ebenso stieß Florian Kringe nach langer Verletzung wieder dazu. Zu einem Sieg und zwei Unentschieden langte es in den bisherigen drei Rückrunden-Partien. Noch sechs Punkte beträgt der Rückstand auf den Relegationsrang.

 

Umso ärgerlicher für die Jäger, dass sie zuletzt in den Heimspielen gegen Gladbach und Bochum (Jeweils 0:0) viel zu ungenau zielten. Deutlich belegen diese beiden Partien auch die Dissonanzen der Hertha. „Hinten stabil, vorne labil“ diagnostizierte der Berliner Tagesspiegel treffend. Drastischere Töne schlug Kapitän Arne Friedrich an: „Wir müssen endlich aus dem Arsch kommen." Immerhin hat die zuvor malade Defensive nach 270 Minuten ohne Gegentor deutlich an Sicherheit gewonnen. 16 eigene Tore aus 20 Spielen reichen allerdings bei weitem nicht. Dabei ist Gekas gefragt, Adrian Ramos (5 Treffer) und Raffael (3 Treffer) schnellstens zur Hilfe zu Eile.

 

Auf Theofanis Gekas ruhen vor allem offensiv die Berliner Hoffnungen.

„Einen Erfolg darstellen“, gerne auch erst in Minute 90

 

„Dennoch darf man nicht naiv sein zu glauben, der Tabellenplatz allein sage alles aus“, warnt Thomas Schaaf. Auch wenn „sie in der Not sind, einen großen Rückstand aufholen zu müssen“, fügt er hinzu, um darin einen möglichen Vorteil auszumachen: „Viel wird nicht mehr von ihnen erwartet, umso befreiter können sie aufspielen.“ Natürlich lenkt das nicht von der Tatsache ab, dass an diesem Freitag nicht nur eine Mannschaft sich ihren Weg aus dem knietiefen Schlammassel ebnen möchte. Die spielerische Art und Weise des Zustandekommens von drei grün-weißen Punkten schreitet dabei deutlich in den Hintergrund. „Einige Dinge funktionieren nicht 100-prozentig“, verdeutlicht Schaaf, „deswegen geht es darum, am Freitag einen Erfolg darzustellen, ob das erst in der 90. Minuten passiert, können wir uns nicht aussuchen.“ Das wäre den Werderanern herzlich egal.

 

von Maximilian Hendel