Malochen bis zur Endstation Sehnsucht

Gemeinsamer Jubel beim FC Schalke - mit Jungspund Carlos Zambrano, Kevin Kuranyi, Halil Altintop und Benedikt Höwedes.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Es ist ein zeremonieähnliches Ritual geworden, wenn Felix Magath zu Beginn einer jeden Pressekonferenz mit beinah buddhistischer Konzentration einen Teebeutel durch das heiße Wasser seiner Tasse zieht, während er nebenbei noch die Fragen der Journalisten zielsicher - ohne sich aus der Reserve locken zu lassen - beantwortet. So zum Beispiel auf jene, wie denn die Eventualitäten bestünden, Werder Bremen zu bezwingen? „Auch dafür hätte Albert Einstein sicher eine Möglichkeit gefunden, um die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage auszurechnen.“ Denn Werder-Niederlagen sind rar geworden, eine Seltenheit. Und an diesem Samstag, 12.12.2009, um 18.30 Uhr, empfangen jene Bremer im heimischen Weser-Stadion Magaths FC Schalke 04 zur Spitzenpartie des 16. Spieltages.

 

Seit Sommer 2009 Trainer, Vorstand, Wegbereiter beim FC Schalke 04 - Felix Magath.

Frag doch Albert Einstein!

 

„Ich war ja damals nicht benebelt“, klärte Magath unlängst im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung noch einmal über den vollzogenen Wechsel seiner Wirkungsstätte als Manager und Trainer von Wolfsburg nach Gelsenkirchen auf. Gar „bei vollem Bewusstsein“ habe er sich für diesen Schritt entschieden. Beileibe war er das. „Diese Aufgabe habe ich gesucht.“ Und gefunden. Die Königsblauen besetzen aktuell Rang drei der Bundesliga, punktgleich und nur durch die schlechtere Tordifferenz von den Grün-Weißen getrennt.

 

Man traut sich ja dabei kaum, von einer Überraschung zu sprechen im Rückblick auf die kürzlich erstaunlichen Wolfsburger Meistertaten - vollbracht im Eiltempo. „Sie spielen eine hervorragende Saison. Felix hat auf Schalke eine große Begeisterung entfacht und geht geradlinig seinen Weg“, beobachtete Werders Cheftrainer Thomas Schaaf treffend. Das gelang trotz misslicher Umstände. Oder etwa gerade deswegen? S04 kämpft um die wirtschaftliche Konsolidierung, war deswegen auf dem sommerlichen Transferbasar zu Passivität gezwungen, statt intensive Ausgaben tätigen zu können. So aber wurde vor allem der Unterbau durchforstet und „viele junge Spieler integriert“, wie Schaaf noch hinzufügte. Lukas Schmitz, Christoph Moritz, Levan Kenia, Joel Matip oder Carlos Zambrano wurden dabei beispielsweise gefunden. „Wer?“ So dachten anfänglich wohl viele. Die meisten der Genannten zählen mittlerweile zu den Stammkräften.

 

Parallelen verleiten unweigerlich immer wieder an den Anfang des Jahrzehnts, als sich ähnliches „aus der Not eine Tugend machen“ in Stuttgart zutrug. Und wem waren damals schon Frischlinge wie Andreas Hinkel, Timo Hildebrand, Aliaksandr Hleb, Philipp Lahm oder Kevin Kuranyi ein Begriff? Apropos - Trainer im Ländle zwischen 2001 und 2004: Felix Magath. Ausschließlich mit Hilfe von „Jugend forscht“ funktionierten die Dinge natürlich damals wie heute nicht. Es lässt sich bekanntlich besser reifen an der Seite erfahrener Leistungsträger wie Rafinha und Kapitän Heiko Westermann. Oder Benedikt Höwedes und Manuel Neuer – und das ist trotz deren jungen biologischen Alters (21 und 23) in der Beurteilung „Leistungsträger“ kein Widerspruch.

 

Benedikt Höwedes erzielte im Februar das 1:0-Siegtor auf Schalke gegen Werder. Hinten Martin Harnik.

Wie in Stuttgart am Anfang des Jahrzehnts

 

Hoch oben an der Spitze der Hierarchie thront unter anderem Häuptling Marcelo Bordon, dessen Wege sich bereits in Stuttgart mit denen Magaths gekreuzt hatten. Für Kevin Kuranyi zählt dasselbe. Dessen leistungsmäßiger Wankelmut (Derzeit 7 Saisontore) scheint ebenso weitgehend gebannt wie der des offensiv zu internationaler Klasse befähigten Jefferson Farfan (5 Saisontore).

 

Bordon wird in Bremen gelbgesperrt fehlen, Vasileios Pliatsikas reiste in die griechische Heimat, um anhaltende Knieprobleme auszukurieren. Die Langzeitverletzten Christian Pander und Jermaine Jones stehen mitten im Aufbautraining. Christoph Moritz klagte am Donnerstag über Unwohlsein, sollte aller Voraussicht nach bis zum Abschlusstraining aber wieder fit sein. Auch ohne die Gesperrten und Verletzten wird Schalke wieder das an den Tag legen, was sie die bisherige Saison über ausgezeichnet hat. Thomas Schaaf stellt heraus: „Was Kampf und Einsatz angeht, haben sie immer alles abgerufen - und was den Fitnessbereich angeht, nicht nur einmal nachgewiesen, auch in den letzten Minuten Punkte holen- oder Spiele umdrehen zu können.“

 

Genau damit will sich der leidensfähige Schalker Anhang identifizieren – mit einer Mannschaft auf dem Rasen, in der sich die eigenen Grundtugenden des Malochens widerspiegeln. Aber: „Von der Spielweise der Bremer können wir uns noch etwas abgucken“, erkannte der Schalker Trainer heute neidlos an, rührte weiter im Tee und unterstrich: „Trotzdem versuchen wir auch am Samstag, mindestens so effektiv zu sein wie Werder; wohl nicht ganz so schön, aber wenn möglich, etwas Zählbares - nämlich einen Punkt oder so - mitzunehmen.“

 

Für den gesperrten Marcelo Bordon rückt Heiko Westermann in die Innenverteidigung.

Kölner Fehleranalyse: feldüberlegen, nur keine Klarheit

 

Vier der fünf letzten Bundesliga-Gegner der Grün-Weißen war es gelungen, einen Punkt zu ergattern. Bei aller Freude über die ungeschlagenen 23 Spiele hatte Geschäftsführer Klaus Allofs bereits in der Vorwoche dazu gemahnt, die Serie „nicht nur mit Unentschieden“ zu erweitern. Die Fehleranalyse des 0:0 in Köln war eindeutig: „Wir haben die Klarheit in den Aktionen vermissen lassen, haben zwar feldüberlegen agiert und das Spiel kontrolliert, aber nur bis zu einem gewissen Punkt – und der fand sich meistens am 16er“, beanstandete Schaaf. Das grundlegend Positive einer jetzt schon nicht alltäglichen Hinrunde seines Teams soll das nicht schmälern: „Wir haben viele Dinge wecken können, die diese Mannschaft auszeichnen.“

 

Auch Felix Magath darf seinerseits ein positives Zwischenfazit aus Schalker Sicht ziehen: „Ich bin hocherfreut über 28 Punkte. Unter dem Strich haben wir eine gute Vorrunde gespielt.“ Das soll nur ein Anfang gewesen sein - bis zur Endstation Sehnsucht. „Ich will Meister werden“, stellte der 58-Jährige im SZ-Gespräch klar, „ich habe lange überlegt, ob ich das sagen darf, aber die Schalker Fans erwarten das von mir. Deswegen muss ich mich klar positionieren.“ Gut zwei Monate bevor Magath seinen fünften Geburtstag feierte, hatte der FC Schalke seine letzte Meisterschaft gewonnen.

 

von Maximilian Hendel