"Für uns!" – Werders schwierige Aufgabe in Wolfsburg

Werder jubelt gern und oft in Wolfsburg, zuletzt beim 5:2 im DFB-Pokal am 4. März.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Der Terminkalender ist erbarmungslos. Erst am Donnerstagnachmittag um 16.30 Uhr war Werder aus Istanbul zurückgekehrt, vom Körper und Geist heftig beanspruchenden UEFA-Cup-Finale. 24 Stunden später hat sich die Mannschaft schon wieder auf den Weg zum nächsten Spiel gemacht. Am Samstag, 23.5.2009, tritt sie 15.30 Uhr beim Bundesliga-Tabellenführer VfL Wolfsburg an. Doch nicht nur die Termine drängen sich weiterhin, es gibt zu diesem hochbrisanten Duell auch eine Menge Fakten zu ordnen und Geschichten zu erzählen. Sortieren wir mal:

 

Die Situation:

„Ganz Deutschland wird auf uns schauen“, hat Geschäftsführer Klaus Allofs dieser Tage gesagt. Es ist der 34. Spieltag, Wolfsburg führt die Tabelle mit zwei Punkten und sieben Toren Vorsprung an. Nach normalem Ermessen reicht den Gastgebern ein Remis gegen Werder zum ersten

Möglicher Meistermacher und Abwanderer nach Schalke: Felix Magath im Zentrum des Interesses.

Meister-Titel der Vereinsgeschichte. Logisch, dass dieser Partie da neben dem Süd-Gipfel zwischen Bayern (2.) und Stuttgart (3.) die größte Aufmerksamkeit zukommt.

 

Der Gegner:

"Niemand hatte sie auf dem Zettel", weiß Cheftrainer Thomas Schaaf noch. Genauso wenig wie mit einem Werder, das die Saison auf Platz 10 beendet, war mit einem VfL zu rechnen, der am letzten Spieltag sicher für die Champions League qualifiziert ist und nach der Schale greift. In der Hinrunde pendelte das Team von Trainer Felix Magath zwischen Platz 4 und 9, auf letzterem stand es nach der 1:2-Hinspielniederlage in Bremen am 17. Spieltag. Dieser Bereich am unteren Ende der Europapokalplätze war der allgemein erwartete Tummelplatz der "Wölfe". Dass sie in der Rückrunde so durch die Decke gehen, konnte ja niemand ahnen:

 

Es ging im neuen Jahr nur noch bergauf, seit dem 26. Spieltag führt Wolfsburg die Tabelle an. Die Gründe: die meisten Siege (20), die meisten Tore (75), die besten Spieler. Muss man ja einfach so sagen: Die unfassbaren Angreifer Grafite (26 Tore) und Edin Dzeko (25) sind die ersten Stürmer, die in der Bundesliga seit ihrer Gründung 1963 in einer Saison für einen Verein je mehr als 20 Treffer beigesteuert haben. Gut möglich, dass es wieder 46 Jahre dauert, bis der Liga noch einmal so etwas passiert. Ihr genialer Inszenierer ist Zvjedzdan Misimovic, der bisher 19 Tore vorbereitet hat.

 

Die Statistik:

Auch wenn selbst die Konkurrenten dem VfL zum Teil schon zum verdienten Titel gratuliert haben, wird man sich in Wolfsburg noch nicht zu sicher sein. Denn Werder ist der unliebsamste Gast, den sie sich dort für dieses Entscheidungsspiel vorstellen konnten: Sechsmal in Folge sind die Bremer bei den anderen Grün-Weißen zuletzt ungeschlagen geblieben, viermal haben sie dabei gewonnen. Zuletzt setzte es Anfang März das heftige 2:5 im Pokal-Viertelfinale. Allerdings: Zu all den Unfassbarkeiten rund um diesen so wunderbar Fußball spielenden VfL kommt in dieser Saison auch eine grandiose Heimbilanz: Nur Eintracht Frankfurt konnte einen Punkt aus Wolfsburg entführen, alle anderen 15 Heimspiele wurden gewonnen!

 

Der "Wettbewerb":

Thomas Schaaf sagt "für uns!", denn Werder selbst möchte das negative Istanbuler Erlebnis mit einem Sieg bekämpfen: "Wir wollen wieder den Fußball anbieten, den wir uns erhoffen und alles dafür tun, für uns erfolgreich zu sein." Diese zwei Worte "für uns" sind wichtig – denn

So haben die Verteidiger der Bundesliga die beiden Wolfsburger Stürmer meistens gesehen: von hinten. Gemeinsam haben sie bisher unglaubliche 51 Tore erzielt!

Werder ist nur sich selbst verpflichtet. "Die Bundesliga gut abschließen", will Schaaf wie alle anderen Werderaner, zumal ein Erfolgserlebnis zwischen den beiden Finals "uns gut tun würde".

 

Aber: Es ist das 54. Pflichtspiel der Saison, drei Tage nach einem aufreibenden Finale, in Asien, also nicht um die Ecke. Und natürlich wirkt die Niederlage gegen Donezk noch nach, es war für alle ein Saison- und Karrierehöhepunkt. "Es wäre eine Lüge, wenn wir das UEFA-Cup-Spiel schon abgehakt hätten", sagte Torsten Frings am Freitag. "Wir sind traurig und enttäuscht." Es ist nur logisch, dass die Spieler unter diesen Umständen an ihre Reserven gehen. Das hat gar nicht speziell mit Werder zu tun. Das ist einfach Sport. "Wir können nicht garantieren, immer Topleistungen abzurufen", sagt Schaaf. "Doch wir sind an diesen Rhythmus gewöhnt und machen von der Konzentration keinen Unterschied zwischen den Spielen. Das, was möglich ist, werden wir aufbieten."

 

Das Personal:

Nach Istanbul mussten keine weiteren körperlichen Schäden konstatiert werden. "Bis auf die Langzeitverletzten Daniel Jensen und Per Mertesacker stehen alle zur Verfügung", berichtete Schaaf. Er müsse nun darauf achten, wer körperlich den besten Eindruck macht.

Folgende 18 Spieler gingen auf die Reise ins letzte Bundesliga-Wochenende: Wiese, Vander, Boenisch, Pasanen, Naldo, Tosic, Baumann, Fritz, Diego, Oezil, Hunt, Prödl, Tziolis, Frings, Hugo Almeida, Pizarro, Niemeyer, Harnik

 

von Enrico Bach