5:4 gegen Hoffenheim: Offensiv-Spektakel mit Happy-End

Glücksmomente: Diego, Markus Rosenberg und Doppel-Torschütze Mesut Özil (v.l.) bejubeln das Tor des Brasilianers zum zwischenzeitlichen 3:1.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Ein wahres Offensiv-Spektakel hat für Werder Bremen ein Happy-End gefunden. Die Grün-Weißen schlugen den bärenstarken Aufsteiger 1899 Hoffenheim in einem turbulenten Spiel mit 5:4. Werder erwischte den deutlich besseren Start und führte nach einer halben Stunde bereits mit 4:1 – Torschützen: Özil (8.), Pizarro (16.), Diego (21.) und Hunt (30.) bei einem Gegentor von Ba (15.). Salihovic brachte Hoffenheim noch vor der Pause auf 2:4 heran (36.). Nach einem verwandelten Foulelfmeter von Ibisevic (61.) und einer Roten Karte gegen Per Mertesacker (63.) drohte das Spiel zu kippen, Hoffenheim traf durch Compper sogar zum Ausgleich (71.). Doch Werder bewies in Unterzahl Moral und schlug noch einmal zurück – der überragende Mesut Özil erzielte das 5:4-Siegtor (82.).

 

Özils Traumtor als Auftakt eines Feuerwerks

 

Wie alles begann: Mesut Özil schaut, schießt und trifft zum 1:0.

Die Bremer begannen die Partie mit vier personellen Änderungen. Fritz und der wiedergenesene Mertesacker ersetzten Pasanen und Prödl in der Viererkette. Für den erkälteten Kapitän Baumann und Vranjes rückten Frings und Hunt ins Mittelfeld. Beide Teams spielten eine erste Hälfte, die furios und atemberaubend war. Das Spiel wogte hin und her, bot klasse Kombinationen, sehr hohes Tempo und Torchancen in Hülle und Fülle – kurz: Offensivfußball vom Feinsten. Dass Werder nach einer halben Stunde mit 4:1 in Führung lag, war vor allem der größeren Kaltschnäuzigkeit zu verdanken. Sie nutzten die Lücken in der gegnerischen Hintermannschaft, die sich durch die offensive Ausrichtung der Gäste zwangsläufig ergaben, einfach besser aus.

 

Mesut Özil, der eine Woche nach seinem Gala-Auftritt bei den Bayern vor Selbstvertrauen und Spielfreude nur so strotzte, eröffnete nach acht Minuten den Torreigen. Nach doppeltem Doppelpass mit Aaron Hunt jagte Özil die Kugel aus ähnlichem Winkel wie in der Vorwoche in den kurzen Giebel – das 0:1 war fast eine Kopie seines Bayern-Traumtors. Hoffenheim reagierte unbeeindruckt. Ein klasse Zuspiel von Ibisevic auf Ba, der Fritz stehen ließ und abgeklärt abschloss, führte zum 1:1. Nur wenige Sekunden später schlug Werder zurück. Der nächste Angriff über rechts, Fritz bediente Rosenberg, der für Pizarro am Fünfmeterraum auflegte – Hacke, Tor, 2:1. Jetzt kam Werder richtig ins Rollen und trug Angriff um Angriff vor. Nach einem Fehler von Gäste-Verteidiger Ibertsberger erhöhte Diego mit einem technisch hochwertigen Volleyschuss aus 13 Metern auf 3:1. Da waren gerade einmal 21 Minuten gespielt…

 

Und es kam noch besser. Auch Aaron Hunt hatte einen Sahne-Tag erwischt. Der 22-Jährige kam an der linken Strafraumgrenze an den Ball, ließ einen Gegenspieler mit einer Drehung ins Leere laufen und zog aus dem Stand einfach ab – wuchtig und unaufhaltsam segelte der Ball ins rechte obere Eck. 4:1 nach einer halben Stunde – spätestens jetzt waren die 42.100 Zuschauer im ausverkauften Weser-Stadion völlig aus dem Häuschen.

 

Duell auf Augenhöhe: Sebastian Boenisch im Luftkampf mit Hoffenheims Ibertsberger.

Doch Hoffenheim war längst nicht geschlagen und spielte weiter nur nach vorne. Schon vor dem 1:4 hätte Obasi verkürzen müssen, traf aber den Pfosten (24.). In der 33. Minute rettete wieder das Aluminium für Werder, ein Freistoß von Salihovic klatschte an die Latte. Den Nachschuss von Compper kratzte Pizarro von der Linie. Zu diesem Zeitpunkt konnten sich die Grün-Weißen über mangelnden Dusel nicht beschweren. Und so war es auch nur verdient, dass Hoffenheim durch Salihovic vor der Pause doch noch zum zweiten Mal erfolgreich war. Mit einem weiteren direkten Freistoß ließ der Hoffenheimer Mittelfeldstratege Tim Wiese keine Abwehrchance.

 

Elfmeter, Rot für „Merte“, Hoffenheim holt auf

 

Dann war Halbzeit – erstmal durchatmen. Denn die zweite Hälfte ging genauso weiter, wie die erste aufgehört hatte. Hoffenheim suchte weiter unbekümmert sein Heil im Sturm und Drang, hatte nach einem Boenisch-Fehlpass auch die erste Großchance. Doch Obasi schoss selbst vorbei anstatt auf den besser postierten Ibisevic abzulegen. Wenig später musste Wiese sich bei einem weiteren gefährlichen Freistoß von Salihovic ganz lang machen. Und auf der Gegenseite traf Hunt bei einem Bremer Entlastungsangriff nur den Außenpfosten. Das Spiel blieb, wie es war: völlig verrückt.

 

Die 61. Minute: Schiedsrichter Günter Perl pfeift Elfmeter, nachdem Diego Weis zu Fall gebracht hatte – dafür genügte eine leichte Berührung. Ibisevic verlädt Wiese – nur noch 4:3. Eine Minute später der nächste Schock für Werder: Mertesacker sieht „Rot“, weil er bei einem Foul an Ibisevic letzter Mann gewesen sein soll. Eine Fehlentscheidung – der eingewechselte Pasanen hätte auch noch eingreifen können.

 

Jetzt drohte die Partie endgültig zu kippen. Cheftrainer Thomas Schaaf reagierte und stellte seine Mannschaft mit zwei Wechseln (Innenverteidiger Prödl für Stürmer Rosenberg, Vranjes für Hunt) defensiver auf. In den nächsten Minuten bot sich folglich ein ungewohntes Bild. Werder wurde von den die unheimlich offensivstarken Hoffenheimern in die eigene Hälfte gedrängt und kam kaum zu Entlastungsangriffen. Die logische Folge: Nach Ecke von Salihovic köpfte Compper zum 4:4 ein.

 

Werder beweist tolle Moral

 

Dem Entsetzen auf die verspielte Drei-Tore-Führung folgte auf Bremer Seite jedoch eine Trotzreaktion. Trotz Unterzahl bäumten sich die Grün-Weißen noch einmal auf und hatten es der individuellen Klasse von Özil zu verdanken, dass tatsächlich noch das Siegtor fiel. Der 19-Jährige vollendete einen von Vranjes eingeleiteten Konter mit einem weiteren hervorragenden Schuss aus halblinker Position zum 5:4 (81.). Das neunte Tor blieb das letzte, obwohl Obasi für Hoffenheim zwei Minuten nochmals die Latte traf. Werder brachte den Vorsprung am Ende verdient über die Zeit und rückt nach dem zweiten denkwürdigen Sieg innerhalb von einer Woche in der Tabelle auf Platz drei vor.

 

von Kevin Kohues