Lang ersehnte Wirklichkeit: Ivan Klasnic,27,Bundesliga-Profi

Ivan Klasnic gab nach elfmonatiger Pause sein Comeback für Werder Bremen.
Samstag, 24.11.2007 // 19:09 Uhr

Die Werder-Fans hatten es natürlich sofort gemerkt, auch wenn es sonst im Cottbuser Stadion der Freundschaft scheinbar niemanden kümmerte: Als der Stadionsprecher zehn Minuten vor Anpfiff die Bremer Aufstellung ...

Die Werder-Fans hatten es natürlich sofort gemerkt, auch wenn es sonst im Cottbuser Stadion der Freundschaft scheinbar niemanden kümmerte: Als der Stadionsprecher zehn Minuten vor Anpfiff die Bremer Aufstellung verlas und die Nummer 17 ankündigte, brandete in der grün-weißen Kurve Jubel auf. Gleich würde der "Killer" zurückkehren auf die große Fußball-Bühne. Medizinisch ist es eine Sensation, für alle Werderaner eine "riesige Freude" und für ihn selbst "ein Traum".

 

Tolle Nachricht beim Frühstück

 

Traum – es war das Wort, was er hinterher immer wieder benutzte, um zu beschreiben, wie er sein Comeback nach über einem Jahr Pause wegen Niereninsuffizienz und zweier Transplantationen erlebt hatte. Doch, nein, es war keine Fantasie mehr, keine Wunschvorstellung. Als 15.28 Uhr die zwei Bundesligamannschaften aus Cottbus und Bremen die Katakomben Richtung Spielfeld verließen, betrat er als Allerletzter die lang ersehnte Wirklichkeit: Ivan Klasnic, 27 Jahre, Bundesliga-Spieler. "Ich habe heute Morgen beim Frühstück erfahren, dass ich von Anfang an spiele, und war sehr überrascht", gab der Kroate zu. "Ich hatte ja mit nichts gerechnet, war einfach froh, wieder dabei zu sein." Auch wenn er sonst nie besonders aufgeregt vor Spielen gewesen sei, "heute war es schon anders." Komisch habe er sich gefühlt, aber nicht ängstlich. Und dann folgte einer von vielen Sätzen an diesem späten Nachmittag, die er leise und unaufgeregt formulierte, aus denen aber viel heraus zu hören war: "Ängstlich? Warum sollte ich ängstlich sein? Ich habe so viele Qualen erlebt, zu spielen ist da das kleinste Problem."

 

"Wir haben uns am Abend mit allen Verantwortlichen zusammengesetzt und alle Faktoren in Betracht gezogen", berichteten Werders Cheftrainer Thomas Schaaf und Geschäftsführer Klaus Allofs. "Ivans Anspruch ist ja sehr hoch, er brannte auf seine Rückkehr und war ungeduldig", sagte Schaaf. "Aber wir mussten natürlich schauen: Wie weit ist er? Was können wir ihm zumuten?" Auch angesichts der angespannten Personallage war man sich einig: Die Zeit ist reif.

 

Die Entscheidung vorher deckte sich mit den Eindrücken hinterher, und das völlig losgelöst vom für alle erfolgreichen Spielverlauf. Schon nach fünf Minuten tauchte Klasnic das erste Mal gefährlich vor dem Cottbuser Tor auf, legte in der ersten Halbzeit mehrmals gut für seine Kollegen auf und gab eine emsige und ballsichere Sturmspitze als wäre nichts gewesen. "Ich fand's toll", fasste Klaus Allofs die Leistung zusammen, "man sieht, dass er das Fußballspielen nicht verlernt hat. Er tut unserem Spiel gut, setzt die anderen gut ein, kann vorn den Ball halten. Ich war positiv überrascht." Der Rückkehrer selbst war ebenfalls mit sich im Reinen: "Ich bin zufrieden. Ich habe mich nicht versteckt, bin hundertprozentig in die Zweikämpfe gegangen – fürs erste Spiel war das sehr ordentlich. Ich konnte dazu beitragen, dass wir gewonnen haben."

 

Viel Lob, viele Hoffnungen

 

Auch alle seine Teamgefährten waren glücklich über Klasnics Comeback, der lange vermisste Kollege erhielt Lob und Respektsbekundungen von allen Seiten. Markus Rosenberg, sein Partner in vorderster Reihe, war begeistert: "Es ist schön, ihn fit zu sehen, schön, mit ihm spielen zu können. Er arbeitet viel, hätte sogar fast ein Tor gemacht. Es war kein Unterschied zu unseren anderen Stürmern zu spüren." Tim Wiese erinnerte augenzwinkernd an die harte Fleißarbeit, die Klasnic hinter sich hat: "Was er alles machen musste, wie oft er mit den Physiotherapeuten durch den Wald gerannt ist . . . "

 

Per Mertesacker sprach etwas an, das mit Waldläufen nichts zu tun hat: Klasnics Klasse. "Man hat gesehen, dass seine Fähigkeiten leben" – das waren "Mertes" passende Worte, jeder wusste, was gemeint war. "Wir haben großen Respekt vor seiner Leistung, auch wenn wir etwas überrascht waren, dass er von Anfang an gespielt hat. Aber er hatte keine Hemmungen und keine Probleme und ich habe volles Vertrauen zu ihm." Für Clemens Fritz ist die Geschichte um Klasnic "etwas Besonderes". "Er hat eine Tortur hinter sich, hat sich alles erarbeitet. Dass noch nicht alles klappt, ist klar, aber er wird seine Tore machen." Auch Cheftrainer Thomas Schaaf räumte ein, dass man Klasnic noch anders in Erinnerung habe. "Aber es ging heute nicht um die Leistung. Es ist einfach gut, dass er wieder dabei ist, dass er sich belohnt hat."

 

Wenn aus Ungeduld Geduld wird

 

Der viel Gelobte war beinah peinlich berührt. "Alle reden, als hätte ich drei Tore geschossen." Zu einem Treffer hat es aber noch nicht gereicht. Für Klasnic eine gute Gelegenheit, seine nächsten Ziele zu formulieren: "Das soll nicht so weitergehen, dass ich kein Tor schieße. Ich will weiter Gas geben und mich etablieren." Er sagt das vorwärtsgewandt und unverbissen. Auch wenn er in den letzten Wochen oft auf die Tube drückte, nach dem Comeback in Cottbus machte er einen geduldigen Eindruck. Er spricht nicht von Genugtuung und wird doch innerlich tief befriedigt sein, weil er jetzt weiß: "Man kann alles erreichen, wenn man will."

 

Früher zog man den Hut vor Menschen, die Großartiges geleistet haben. Auch im Deutschen hat sich dafür eine Redewendung etabliert, ein einzelnes französisches Wort. Auf Ivan Klasnic angesprochen erinnerte sich Tim Borowski daran und sagte einfach: "Chapeau!"

 

von Enrico Bach, Tino Polster und Felix Ilemann