Die Schatten einer goldenen Generation

Ilia Gruev in Folge #55 des Werder Podcasts
Ilia Gruev an der Seite von Krassimir Balakov bei Hajduk Split (Foto: nordphoto).
Profis
Donnerstag, 30.01.2020 / 08:54 Uhr

Von Lukas Kober

Es ist der Sommer 1994. In den USA wird die Fußball-WM ausgetragen. Im Viertelfinale trifft Titelverteidiger Deutschland auf den Außenseiter Bulgarien. Ein Spiel, das die Fußballwelt in eine Schockstarre versetzen sollte: Die goldene bulgarische Generation um Hristo Stoichkov und Krassimir Balakov schlägt den amtierenden Weltmeister mit 2:1. Erstmals seit 1978 verpasste die deutsche Nationalmannschaft ein Finale bei einer WM. Ausgerechnet der beim Hamburger SV spielende Yordan Lechkov besiegelte den Sieg für die Osteuropäer. Auch wenn die Bulgaren im Halbfinale an Italien scheitern sollten, ist es bis heute der größte Erfolg ihrer Fußballgeschichte. Die Mannschaft von Trainer Dimitar Penew, als „Penews Schar“ bezeichnet und bejubelt, hinterließ einen weinenden Jürgen Klinsmann und einen fassungslosen Lothar Matthäus – Bilder, die um Welt gingen.

In dieser Mannschaft wollte sich wenige Jahre später ein junger Ilia Gruev etablieren. Ein schwieriges Unterfangen, denn die goldene Generation „hat immer zusammengehalten“, erzählt Werders Co-Trainer im WERDER-PODCAST. Kein Wunder, schließlich schrieb sie bulgarische Fußballgeschichte und genießte im eigenen Land nahezu Heldenstatus. Der Spieler Hristo Stoichkov, ehemaliger Stürmer des FC Barcelona, wurde kurz nach der WM 1994 in einer Initiative als nächster bulgarischer Präsident vorgeschlagen. Zwar kam es nie dazu, da in diesem Jahr keine Wahlen bevorstanden, doch es verdeutlicht, welches Ansehen und welche Euphorie dieser Mannschaft entgegengebracht wurde.

Daher fiel es dem nur etwas jüngeren Ilia Gruev schwer, in der bulgarischen Nationalmannschaft „Fuß zu fassen.“ Zu den meisten Spielern der goldenen Generation trennen ihn nur zwei bis drei Jahre, die dennoch ausschlaggebend waren. Dass er damals Stammspieler bei Neftochimik Burgas war, mit denen er zwei Mal Pokalsieger wurde, half ihm nur wenig. Trotzdem schaffte er es, sich zu etablieren und bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Zumindest bei Krassimir Balakov, der ihn nach der Fußballer-Karriere als Co-Trainer mehrfach einstellte (zum Beitrag).

Doch der Erfolg dieser goldenen Generation, wirft seine langen Schatten voraus. Letztmals qualifizierte sich die bulgarische Nationalmannschaft mit Spielern wie Dimitar Berbatov und Stilijan Petrov für eine Europameisterschaft im Jahr 2004. Die Hoffnungen auf ein erneutes Fußball-Märchen blieben unerfüllt, als die Bulgaren schon nach dem Aus in der Vorrunde ihre Koffer packen mussten.

Sozialistisches System und eiserner Vorhang

Für Ilia Gruev gibt es für diese Rückentwicklung logische Erklärungen: „Wir sind ein kleines Land, da ist es gar nicht so einfach, große Spieler hervorzubringen. Außerdem fehlen den Verbänden in Bulgarien die finanziellen Möglichkeiten.“ Gerade die finanzielle Unterstützung sei 1994, in der sozialistischen Zeit, besser gewesen. Damals kümmerten sich Sport- und Kulturministerium um die Entwicklungen, Trainingsbedingungen und Möglichkeiten im Sport. Auch in den Sportgymnasien, wo junge Talente früh gefördert wurden, war zwar der „Umgang knallhart, doch es bereitete dich vor, mit dem Druck, den ein Profi-Fußballer verspürt, umgehen zu können“, blickt der 50-Jährige zurück.

Als 1989 der eiserne Vorhang fiel, eröffnete es den Spielern der goldenen Generation die Möglichkeit, zu größeren, international angesehenen Vereinen zu wechseln. Sonst hätte es nie einen Krassimir Balakov beim VfB Stuttgart oder einen Hristo Stoichkov beim FC Barcelona gegeben. Diese Öffnung Bulgariens ist auch die große Hoffnung des Landes auf erneuten Erfolg. „Viele junge Spieler werden im Ausland ausgebildet und dementsprechend hoffen viele Bulgaren auf diese neue Generation, um etwas Großes zu erreichen“, erklärt der 50-Jährige. Bis eine bulgarische Nationalmannschaft wieder einen amtierenden Titelverteidiger in einer Weltmeisterschaft besiegt, muss sich das ganze Land noch gedulden, weiß auch Ilia Gruev.

Was er sonst noch über die Jahre nach der goldene Generation erzählt und warum er die WM 1998 in Frankreich verpasste, erfahrt ihr in Episode #55 des WERDER-PODCAST. Der Podcast verbindet die schönste Nebensache der Welt mit dem geilsten Verein der Welt. Hier wird nicht nur über alles geredet, was das grün-weiße Herz höher schlagen lässt, sondern wir sprechen mit Werder. Die neue Folge gibt es auf dem offiziellen Soundcloud-Profil, dem iTunes-Account und dem Spotify-Kanal des SVW. Hört rein!

 

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