Fritz "verschläft" Wiedervereinigung, Wolter flieht vor Stasi-Spitzeln

Werderaner erinnern sich an den Mauerfall und Spiele in der DDR
Beim Mauerfall war Clemens Fritz acht Jahre alt - und verschlief das Ereignis (Foto: nordphoto).
Profis
Samstag, 09.11.2019 / 08:58 Uhr

Von Yannik Cischinsky

09. November 1989. Auf den Tag genau vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer und die Öffnung der innerdeutschen Grenze war der Beginn der friedlichen Wiedervereinigung. Auch bei den Grün-Weißen gibt es zahlreiche Zeitzeugen, die sich anlässlich des Jubiläums an den Mauerfall, aber auch viele Jahrzehnte, in denen nicht zuletzt der Fußball Schauplatz der Trennung und des „Klassenkampfes“ zwischen BRD und DDR war, erinnern. „Die Wende war für mich etwas ganz Besonderes“, sagt beispielsweise Bernd Hobsch, der Anfang der 1990er von Leipzig zum SV Werder wechselte.

Stürmer-Ikone Hobsch kann auf beides zurückblicken: Profi-Fußball in der Oberliga der DDR und in der gesamtdeutschen Bundesliga. Für Lok Leipzig kickte Hobsch in der höchsten Spielklasse der Republik – und erinnert sich bis heute an die antiquierten Trainingsmethoden: „Das war reine Lauferei – acht Wochen Vorbereitung, in denen man kaum den Ball gesehen hat.“ Erst mit der Wende fand der Angreifer die Lust am Fußballspielen wieder. Trainer Jürgen Sundermann hatte den Lok-Nachfolgeklub VfB Leipzig mit einfachen Handgriffen auf Vordermann gebracht.

Plötzlich hing die Trainingskleidung nicht mehr drei Wochen lang im Trockenraum, ehe sie zuhause gewaschen werden musste. „Er hat eine Waschmaschine hingestellt, die Sachen wurden von einem Zeugwart gewaschen. Das wirkte alles professioneller. Es war wie ‚da drüben‘, das, was man im Fernsehen gesehen hat“, erinnert sich Hobsch schmunzelnd im WERDER PODCAST.

Für Werders Ehrenspielführer Clemens Fritz hat sich fußballerisch nach dem Mauerfall zunächst nicht so viel verändert. Wenngleich vieles dem jungen Fritz als „systembestimmt“ vorgekommen sei: „Spieler konnten teilweise nicht frei wählen, wo sie spielen möchten.“ Besonders der Mauerfall an sich ist Fritz aber in lebhafter Erinnerung geblieben: „Das war ein riesengroßes Thema. Ich war schon im Bett“, so der damals Achtjährige, „aber am nächsten Morgen kam meine Mutter zu mir und sagte, dass Deutschland jetzt eins ist. Klar wusste man, dass es für uns in Ostdeutschland eine Befreiung war. Sicherlich gab es auch Generationen, denen es nicht so leicht viel. Ich bin aber sehr froh, dass die Mauer gefallen ist, denn sonst wäre ich nicht hier“, so der gebürtige Erfurter Fritz.

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Im Jahr 1985 machten Thomas Wolter und Thomas Schaaf ebenfalls Bekanntschaft mit den damaligen Verhältnissen zwischen Ost- und West-Deutschland. Im Rahmen des Intertoto-Cups trafen die Grün-Weißen auf den FC Carl Zeiss Jena. Am Samstag, 03.08.1985, sollten Schaaf, Wolter und Co. vor 16.000 Zuschauern auf dem Ernst-Abbe-Sportfeld, wo noch heute die Heimspiele des FC Carl Zeiss ausgetragen werden, ein 2:2 einfahren. Die Besonderheit an dieser Auswärtsfahrt war jedoch nicht unbedingt das Spiel, sondern eher die Anreise.

„Wir standen an der Grenze mit unserem Mannschaftsbus und mussten die damals üblichen Kontrollen abwarten. Und das hat sich ganz schön gezogen“, erinnert sich Schaaf. Mit Spiegeln wurde der Unterboden des Busses kontrolliert, jedes einzelne Gepäckstück wurde inspiziert und auch die Passkontrolle wurde besonders gründlich gemacht. „Wir haben alle im Bus gewartet, während sie unsere Pässe mitgenommen haben und sie in ihrem Häuschen begutachteten“, so Schaaf weiter, der mit dem SVW noch eine weitere legendäre Reise in die damalige DDR antreten sollte – zum BFC Dynamo.

An den Ost-Besuch hat Wolter noch eine weitere Erinnerung. Am Abend vor dem deutsch-deutschen Duell mit Dynamo habe sich eine Vierergruppe durch Berlin bewegt, die Spitzel der Stasi in klischeehaften Mänteln und Schlapphüten den Werderanern dicht auf den Fersen. "Wie in einem Agentenfilm", kam sich Wolter vor, der sich mit den Teamkollegen in der Folge einen Spaß daraus machte, den Verfolgern zu entwischen. Es gelang nicht. "Wir sind in den Fahrstuhl, schnell runtergefahren und da waren die schon wieder da und haben uns beobachtet", erinnert sich Wolter an skurrile Szenen im Kaufhaus am Berliner Alexanderplatz, die mit 30 Jahren Abstand undenkbar erscheinen.

„Ost und West, das gibt es nicht mehr.“ Für Leonardo Bittencourt, der im ehemaligen Osten des Landes geboren wurde, ist die Trennung im Alltag längst überwunden. Auch, weil er seit vielen Jahren in ganz unterschiedlichen Teilen Deutschlands gelebt und gearbeitet hat. Seine Herkunft habe ihn aber bis heute geformt – auf ganz positive Art und Weise. „Ich trage die Mentalität des Ostens nach wie vor in mir“, sagt Bittencourt. „Das hat mich geprägt. Es ist vollkommen in Ordnung, die Mentalität, die im Osten schon etwas anders war und ist, in sich zu tragen.“

 

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