Purer Wahnsinn - Werder kegelt BVB aus dem DFB-Pokal!

SVW nach 7:5 im Elfmeterschießen im Viertelfinale
Unfassbar! Jiri Pavlenka mit dem Jubelschrei. Der Tscheche hielt zwei Elfmeter (Foto: Nordphoto).
Spielbericht
Dienstag, 05.02.2019 / 23:39 Uhr

von Maximilian Hendel

Was für ein historischer Abend! Werder Bremen ist nach einer phänomenalen Energieleistung beim unangefochtenen Bundesliga-Spitzenreiter Borussia Dortmund in das Viertelfinale des DFB-Pokals eingezogen. Die Grün-Weißen siegten vor 81.365 Zuschauern mit 7:5 (1:1/3:3) nach Elfmeterschießen. Milot Rashica hatte die Gäste früh in Führung gebracht (5.), bevor BVB-Kapitän Marco Reus beinah mit dem Halbzeitpfiff per Traumfreistoß ausglich (45.+3). Erst kurz vor Ultimo der regulären Spielzeit nahm das Geschehen wieder richtig Fahrt auf, ehe sich in der Verlängerung die Ereignisse überschlugen. Christian Pulisic und Achraf Hakimi brachten Dortmund zweimal in Führung (105./113.), aber Werders Joker Claudio Pizarro und Martin Harnik schlugen beide Male zurück (108./119.). Im Elfmeterschießen schlug die Stunde von Jiri Pavlenka, der die Versuche von Paco Alcacer und Maximilian Philipp abwehrte – seine Vorderleute blieben eiskalt. Max Kruse setzte den Schlusspunkt dieser denkwürdigen Partie.

Aufstellung und Formation: Zwei personelle Wechsel in seiner ersten Elf veranlasste Florian Kohfeldt im Vergleich zum Auswärts-Unentschieden in Nürnberg drei Tage zuvor. Sebastian Langkamp ersetzte Milos Veljkovic positionsgetreu in der Innenverteidigung. Zudem stand Philipp Bargfrede von Beginn an auf dem Rasen, für den Martin Harnik auf der Bank Platz nahm. Damit wählte der Cheftrainer eine zunächst etwas defensiver aufgestellte Formation vor Stammkeper Jiri Pavlenka, in welcher Nuri Şahin einen zusätzlichen Anker zwischen dem Innenverteidiger-Duo Langkamp und Niklas Moisander gab. Auf den Außen blieben Theodor Gebre Selassie (r.) und Ludwig Augustinsson (l.) erste Wahl. Im zentralen Mittelfeld sollte Bargfrede abräumen und für die Dauerläufer Davy Klaassen und Maximilian Eggestein einleiten. Ganz vorne meldete sich Milot Rashica an der Seite von Kapitän Max Kruse pünktlich fit.
 

Rashica hat den Doppelpack auf dem Fuß

Nadelstich gleich zu Beginn - Rashica und Kruse bejubeln ihre Co-Produktion zur Führung (Foto: Nordphoto).

Die Höhepunkte:

5. Min.: TOOOOOOOOOOOOOOR, 1:0 für den SVW, Milot Rashica. Wunderbar, so einen Beginn nehmen die Grün-Weißen doch gerne mit. Kruse zielt einen scharf angeschnittenen Innenspann-Freistoß von 20 Meter halbrechts volles Rohr in den Strafraum, wo der einlaufende Rashica die entscheidende Fußspitze eher als Gegenspieler Diallo den Ball touchiert, der dadurch seine Flugrichtung unhaltbar für Oelschlägel ins rechte Eck verändert.

14. Min.: Erstes dickes Ausrufezeichen der Gastgeber. Werder schlampt bei der Befreiung am eigenen Strafraum – daraufhin kommt Pulisic über rechts wieder ins Spiel, bringt den Ball scharf nach innen, von wo aus Götze mit einem technisch sehr feinen Hacken-Absatztrick aus acht Metern knapp links vorbeilegt.

21. Min.: Der BVB ist angepiekst und drängt mit Angriff um Angriff tief in die Bremer Spielhälfte. Soeben rutschte Guerreiro einen Meter an einer flachen Eingabe von rechts vorbei. Werders Defensive muss Schwerstarbeit verrichten.

32. Min.: Boooorrr, super Angriff, super Chance, aber leider nicht das zweite Tor. Klaassen bekommt den Ball über links in den Lauf, legt dann punktgenau in den Rückraum, wo Rashica aus zehn Metern mit langen Schritten abschließt und um eineinhalb Meter rechts verpasst.

39. Min.: Werder kann derzeit nur marginal für wirkliche Entlastung sorgen, steht tief, aber dort sehr gut. Der BVB muss immer wieder das Tempo drosseln.

43. Min.: Fast von der identischen Position aus wie beim Führungstreffer läuft Kruse wieder zum Freistoß an und versucht es diesmal mit einem flachen, aufsetzenden Direktversuch aufs kurze Eck, aber Oelschlägel lenkt den Ball rechtzeitig zur Seite ab.

45. + 3 Min.: TOR, 1:1 für den BVB, Marco Reus. So bitter. Reus schnibbelt mit der letzten Aktion vor der Pause einen direkten Freistoß aus 18 Metern ins linke Kreuzeck. Schiri Brych pfeift kurz darauf zur Halbzeit.

Ex-Bremer Oelschlägel rettet BVB

Werder - hier Maximilian Eggestein gegen Abdou Diallo - hielt Dortmunds Angriffe lange Zeit bestens in Schach (Foto: Nordphoto).

54. Min.: Gebre Selassies Hackentrick nach Eggesteins Einleitung verschafft Kruse den Raum zur schnellen Ballverarbeitung mitsamt eines guten Flachschusses aus 20 Metern – aber Oelschlägel pariert reaktionsschnell. Dennoch ein Bremer Lehrbuchdreieck zur guten Chance.

63. Min.: Puuuuh, was für eine wichtige Risikogrätsche von Moisander an der Strafraumgrenze – der zur Pause für Reus eingewechselte Alcacer wäre frei durchgewesen.

72. Min.: Unverändertes Bild. Den Dortmundern fällt gegen die gedankenschnelle und vielbeinige Bremer Defensive so gut wie nichts ein. Jetzt noch eine Kontermöglichkeit wittern, das wär’s doch!

81. Min.: Werder ist am gegnerischen Strafraum – dort legt der eng bewachte Kruse auf den vor wenigen Minuten eingewechselten Möhwald ab, dessen Schussversuch aus der zweiten Reihe aber weit über den Kasten fliegt.

89. Min.: KRUUUUUUUUUUSE. Nein, wie knapp! Werders Kapitän zieht einen direkten Freistoß von halbrechts in Richtung rechtes Eck, Weigl springt in der Mauer hoch, fälscht mit der Schulter ab, sodass Oelschlägel auf dem falschen Fuß erwischt wird, aber dann dennoch einen Sensationsreflex auspackt.

90. + 1 Min.: Latte! Glück für Werder. Und wieder ist ein Ex-Bremer mittendrin. Delaney köpfte eine Eckball-Vorlage von links auf den Querbalken.

90. + 3 Min.: Abpfiff der regulären Spielzeit. Es geht in die Verlängerung!

Harnik köpft SVW ins Elfmeterschießen

Max Kruse im Laufduell mit seinem ehemaligen Teamkollegen Thomas Delaney (Foto: Nordphoto).

91. Min.: Weiter geht’s in Dortmund. Kohfeldt erhöht das Risiko und bringt Pizarro für Bargfrede.

100. Min.: Auch wenn noch keine weiteren Chancen herausgesprungen sind. Werder macht das richtig gut, ist jetzt auch offensiv deutlicher aktiver. Geht Dortmund hier etwa die Puste aus?

105. Min.: TOR, 2:1 für den BVB, Christian Pulisic. Arrrr, nein. Mitten in Werders Initiative hinein gewinnt Witsel ein wichtiges Kopfballduell am Mittelkreis; daraufhin treibt Pulisic an, bekommt den Ball von Alcacer wieder und lässt Pavlenka aus acht Metern mit links keine Chance.

105. + 1 Min.: Seitenwechsel!

107. Min.: Pulisic’ abgerutschte Flanke von rechts wird zum tückischen Torschuss, aber Pavlenka verhindert die Vorentscheidung.

108. Min.: TOOOOOOOOOOOOOOOR, 2:2 für Werder, Claudio Pizarro. Waaaaaaaahnsinn. Gebre Selassie spielt in die Tiefe, Möhwald bringt ihn an den kurzen Pfosten, wohin sich Pizarro geschlichen hat und den Ball mit all seiner Kaltschnäuzigkeit ins kurze Eck drückt.

113. Min.: TOR, 3:2 für den BVB, Achraf Hakimi. Das ist doch nicht zu fassen! Philipp setzt sich über die rechte Seite durch in den Strafraum, kommt auf die Grundlinie, findet Hakimi, der vollendet. Doppelt bitter: In der Entstehung dieses Konters übersah Schiri Brych ein klares Handspiel von Bruun Larsen.

119. Min.: TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR; 3:3 für den SVW, Martin Harnik. HÖR MIR AUF, U-N-F-A-S-S-B-A-R.  Kruses Ecke von rechts findet Harnik, der am langen Pfosten einköpft.

120. + 2 Min.: Schluss! Elfmeterschießen!

Pavlenka hält doppelt - Werders Schützen eiskalt

Er kam, sah und siegte - Claudio Pizarro traf zum 2:2 und vom Punkt (Nordphoto).

Zwei Münzwürfe haben entschieden – es wird nicht auf das Tor vor der Gelben Wand, sondern auf jenes vor der Nordtribüne geschossen - und und der BVB beginnt.

Weiter 3:3, Paco Alcacer vergibt. Jaaaaaaaa, ein Schritt nach links, Pavlas hält gegen Alcacer!

TOOOOOR, 4:3 für Werder, Claudio Pizarro. Der Peruaner bleibt cool, flach rechts.

Weiter 4:3, Maximilian Philipp vergibt. Jaaaaaaaaaa, Pavlenka wehrt auch gegen Philipp ab, gleiche Ecke.

TOOOOOOOOOR, 5:3 für Werder, Maximilian Eggestein. Auch der nächste sitzt – links unten.

TOR, 5:4, Axel Witsel. Der Belgier trifft rechts und verkürzt.

TOOOOOOOOOOOR, 6:4 für Werder, Davy Klaassen. Hoch links, unhaltbar, große Klasse.

TOR, 6:5, Julian Weigl. Pavlenka ist wieder dran, aber der Ball geht rein.

TOOOOOOOOOOOOOOOOOOR, 7:5 für Werder, Max Kruse. Der Kapitän behält die Nerven, macht einen Ausfallschritt und setzt den Ball flach rechts ins Tor.

 

Fazit:

Dem wie immer auf viel Ballbesitz und eingespielte Kombinationsautomatismen ausgelegten Ansatz der Dortmunder antworteten die Grün-Weißen bestens eingestellt. Engmaschig, kompakt und laufstark in der Defensive verschiebend, verwickelten sie die Gastgeber aggressiv in viele ungemütliche Zweikämpfe. Zudem reagierte Werder nach Ballgewinnen konsequent mit schnellem und schnörkellosem Umschaltspiel in die Tiefe auf die unermüdlich durchstartenden Kruse und Rashica. Die listige Freistoß-Co-Produktion des Angriffsduos zur frühen Bremer Führung untermauerte das gelungene Konzept zunächst.

Die Grün-Weißen versperrten ihren Kontrahenten in der Folge gekonnt die Wege in den Strafraum. Zudem konnten die Dortmunder ihr Tempo gegen Ende der ersten 45 Minuten nicht durchziehen – dank einer richtig guten Bremer Abwehrarbeit. Und trotzdem musste Pavlenka nur Wimpernschläge vor dem Pausenpfiff hinter sich greifen, weil gegen Reus’ Geniestreich kein Kraut gewachsen war. Werder blieb auch nach Wiederanpfiff äußerst gut organisiert, leistete hervorragende Defensivarbeit und setzte punktuell Nadelstiche (54./Kruse). Dortmund hingegen kam trotz zeitweiliger Ballbesitzhoheit um die 75 Prozent zu keinem einzigen Torabschluss, bis sich in den allerletzten Momenten der regulären Spielzeit doch noch etwas tat. Ex-Bremer Oelschlägel rettete herausragende gegen Kruse, Ebenso-Ex-Bremer Delaney köpfte auf die Latte (89./90.+1).

Was sich dann anschließend in Verlängerung und Elfmeterschießen ereignen sollte, hat jetzt schon ein eigenes Kapitel in der Vereinshistorie sicher. Zweimal geriet Werder in Rückstand, zweimal kamen die Grün-Weißen zurück, ehe sie vom Punkt ganz große Nervenstärke bewiesen. Einfach der Wahnsinn, Chapeau!