'Katz-und-Maus' mit der Stasi am Alexanderplatz

THOMAS WOLTER IN EPISODE #13 DES WERDER-PODCAST

Thomas Wolter bei einem Testspiel im Sommer 1991. Allein in der Bundesliga lief der Abwehrmann 312 Mal für den SVW auf (Foto: Nordphoto).
Podcast
Donnerstag, 29.11.2018 // 08:00 Uhr

von Maximilian Hendel

Vor knapp zwei Monaten erst wurde Thomas Wolter mit der Vergangenheit konfrontiert. Der Sportliche Leiter des Leistungszentrums hatte die U19 zum Liga-Konkurrenten 1. FC Magdeburg begleitet, wo die Grün-Weißen ihr Achtelfinale im DFB-Junioren-Pokal mit 1:2 verloren. Bezeichnenderweise fiel der Termin auf den ‚Tag der Deutschen Einheit’ am 3. Oktober. Unverhofft sprach ein Magdeburger Ordner vor Ort Wolter an und plötzlich wähnte sich der ehemalige Werder-Profi auf einer Zeitreise zurück nach Ost-Berlin in den Spätsommer 1988.

Werder war zum Hinspiel des Duells mit dem DDR-Abonnementmeister BFC Dynamo im Europapokal der Landesmeister angereist. Im damaligen Mannschaftshotel der Bremer hatten sich die Beiden bereits schon einmal getroffen. „Er war damals 15, 16 Jahre alt, hat uns besucht, hat Fotos mit uns gemacht, die uns jetzt gezeigt und erzählt, was hinterher alles mit ihm geschah, dass die Stasi ihn deswegen sogar vernommen hat“, schildert Wolter in der neuesten Folge des – von Technikpartner Media Markt präsentierten – WERDER-PODCAST. „Heute können wir über solche Geschichte lachen, aber damals war das alles andere als witzig“, ergänzt der 55-Jährige nachdenklich. Zudem erlebten Wolter und Thomas Schaaf gemeinsam mit Mannschaftsarzt Karl Meschede und Physiotherapeut Holger Berger in den Stunden vor dem Abschlusstraining beim Stadtbummel zum Alexanderplatz ein regelrechtes Katz-und-Maus-Spiel mit der DDR-Staatssicherheit am eigenen Leib. „Schon als wir rausgingen, merkten wir, was los war und dass wir beobachtet wurden – da ein Stasi-Mann, dort ein Stasi-Mann, alle mit Ledermänteln und dergleichen mehr, so richtig, wie man sich das in einem Agentenfilm vorstellt“, sei das gewesen. „Die Begleitumstände dieses deutsch-deutschen Duells, da gibt’s so viele Sachen zu erzählen, meine Kinder können gar nicht mehr so richtig nachempfinden, wie das war.“ Zu allem Übel vergeigten die Bremer als amtierender Meister der BRD unter den Augen des berüchtigten Ministers für Staatssicherheit und ausgewiesenen BFC-Fans Erich Mielke das Aufeinandertreffen im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark glatt mit 0:3. „Ich sehe ihn noch heute da oben auf der Tribüne vor mir sitzen“, erinnert sich Thomas Wolter, der 90 Minuten durchspielte.


Wohin sie in der Stadt auch gegangen waren, überall erhielten die Bremer zuvor wohlwollende Schulterklopfer von Fans und Passanten: „‚Mensch, haut sie morgen weg“, haben sie immer wieder gehört. „Dass wir sie dann so enttäuscht haben im ersten Spiel, das hat uns echt verrückt gemacht.“ Aufgrund der anschließenden Olympischen Spiele in Seoul stand erst fünf Wochen später das Rückspiel im Weser-Stadion an. Dennoch schienen die sportlichen Vorzeichen zunächst wenig vielversprechend. „Morgen brauchst du nicht ins Stadion kommen, das wird nie was, so wie wir heute trainiert haben“, sagte der damals 25-Jährige zu seiner Frau nach der letzten Übungseinheit. Aber am Ende sollte alles anders kommen und die Partie als zweites ‚Wunder von der Weser’ in die Werder-Annalen eingehen. Unmittelbar vor Anpfiff habe sich dieses spezielle Gefühl unter den Grün-Weißen verselbstständigt, „oh, das könnte vielleicht doch was werden heute Abend“, erzählt Wolter. Otto Rehhagels Elf fieberte dem Anpfiff entgegen, alle seien früh draußen gewesen, selbst der Schiedsrichter stand schon bereit, nur die Berliner ließen eine gefühlte Ewigkeit auf sich warten. „Dann ist Manni Burgsmüller eben zu ihrer Tür hin, hat dagegen geschlagen und ‚kommt raus, ihr Feiglinge, heute wird’s richtig was geben, damit ihr Bescheid wisst!’ gerufen.“ Als die Gäste wenig später aus ihrer Kabine kamen, habe „man schon in den Gesichtern gesehen, oh, die Jungs haben heute was zu verlieren.“ Der Rest ist Geschichte. Nach Günter Hermanns „Traumtor zum 2:0 brachen alle Dämme, Dynamo hatte keine Chance mehr“, so Thomas Wolter. Ein gewonnener Kopfball des eingewechselten Wolter im Mittelfeld ebnete den Weg für Thomas Schaafs 5:0-Schlusspunkt in der Nachspielzeit.

Spartak Moskau, BFC Dynamo und RSC Anderlecht – drei legendäre ‚Wunder von der Weser’ hat Thomas Wolter hautnah miterlebt. Im zweiten Teil von Episode #13 des WERDER-PODCAST lässt der ehemalige Werder-Profi und heutige Sportliche Leiter des Leistungszentrums die Hörer an einer Zeitreise aus teils wahnwitzigen Anekdoten und phänomenalen fußballerischen Erlebnissen teilhaben. Der Podcast verbindet die schönste Nebensache der Welt mit dem geilsten Verein der Welt. Hier wird nicht nur über alles geredet, was das grün-weiße Herz höher schlagen lässt, sondern wir sprechen mit Werder. Die neue Folge gibt es auf dem offiziellen Soundcloud-Profil, dem iTunes-Account und dem Spotify-Kanal des SVW.
 

 

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