"Viel zu biestig, wie manchmal auf dieses Spiel geschaut wird"

WERDER BEWEGT-Botschafter Matthias Brandt im Interview

Weder ein Freund von Traditionen noch von Kommerzialisierung: Matthias Brandt (Foto: Matthias Scheuer).
Interview
Freitag, 01.06.2018 // 11:46 Uhr

Das Interview führte Martin Lange

Schauspieler Matthias Brandt ist schon lange Werder-Fan und seit mehreren Jahren Botschafter der Grün-Weißen. Im zweiten Teil des Interviews, das vorab exklusiv im WERDER MAGAZIN erschienen ist, spricht er über Fußball in seiner Kindheit, Ähnlichkeiten in der Arbeit von Schauspielern und Profi-Fußballern und Aberglaube.

WERDER MAGAZIN: Welche Rolle spielte Fußball in Ihrer Kindheit und Jugend?

Matthias Brandt: "Eine sehr große. Ich habe selbst bis zum Ende der B-Jugend im Verein gespielt und war über Jahre eigentlich jeden Nachmittag stundenlang auf dem Bolzplatz. Leider war ich nicht so begabt, wie ich es gerne gewesen wäre."

WERDER MAGAZIN: Gab es für Sie als Kind dennoch Tage, an denen Fußball-Profi ein erstrebenswerter Berufswunsch war?

Matthias Brandt: "So, wie ich Astronaut werden wollte, wollte ich auch Profi-Fußballer werden, mit ähnlich realistischen Aussichten. Ich bin ja in den Siebzigerjahren aufgewachsen, und da war es zum ersten Mal so, dass bestimmte Fußballer auch vom Auftreten her sowas wie Rockstars waren. Das hat mir gefallen. Auch, weil es bei manchen wirklich was Rebellisches hatte, das mir gut gefiel. Rebellisch im Sinne von kritischer Haltung. Weniger in Bezug auf Autos, Frisuren und Tattoos."

Günther Netzer (links) war Matthias Brandts größtes Idol als Kind (Foto: nordphoto).

WERDER MAGAZIN: Welche Rolle spielt Sport allgemein heute in Ihrem Leben?

Matthias Brandt: "Naja, mit den Jahren überwiegt ja meistens die Notwendigkeit den Spaß, wenn man ehrlich ist, oder?"

WERDER MAGAZIN: Welche Rolle in einer Fußball-Mannschaft auf dem Spielfeld wäre Ihnen heute auf den Leib geschnitten?

Matthias Brandt: "Optisch vorteilhaft und strategisch günstig herumzustehen..."

WERDER MAGAZIN: Hat Ihnen Klaus-Dieter Fischer mal die Anekdote erzählt, wie Günter Netzer kurz vor dem Wechsel zu Werder stand?

Matthias Brandt: "Das ist lustig, dass Sie nach dieser Antwort zu Netzer überleiten! Ja, hat er, weil er weiß, dass Netzer, als ich klein war, mein größtes Idol war. Netzer wollte hier damals auch die Stadionzeitung übernehmen, und daran ist der Wechsel letztlich gescheitert, richtig?"

WERDER MAGAZIN: Genauso ist es überliefert... Herr Brandt, Fußballer stehen jedes Wochenende auf ihrer Bühne, im Stadion. Sehen Sie da Parallelen zum Job des Theater-Schauspielers?

Matthias Brandt: "Es gibt durchaus Parallelen. Und weil ich ansatzweise weiß, was das bedeutet, sich vor einem so großen Publikum manchmal auch schutzlos zu zeigen, werden Sie von mir nie etwas wirklich Herabwürdigendes über einen Spieler hören, dem etwas misslingt. Glauben Sie keinem, der behauptet, dass ihn das unberührt lässt. Damit umzugehen ist vielleicht einer der schwierigsten Aspekte unserer Berufe. Wir haben alle gesehen, wohin das führen kann, wenn es schiefgeht, Sie wissen, wovon ich rede. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass daraus viel gelernt wurde. Deshalb war es ja auch so wichtig, wie Per Mertesacker davon erzählt hat, was der Druck mit ihm gemacht hat. Es ist unheimlich wichtig, dass das mal einer sagt, dem die Leute auch zuhören. Und deshalb war eben der Kommentar von Lothar Matthäus dazu auch von erlesener Dämlichkeit, dass Mertesacker wegen dieser Aussagen nicht mehr dazu qualifiziert sei, junge Spieler anzuleiten. Nach diesem Statement finde ich, dass es kaum einen Geeigneteren dafür gibt als ihn. Ab und zu sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass das sehr junge Menschen sind, die da auf dem Platz stehen. Bei allen speziellen Fähigkeiten, über die sie verfügen. Denn man muss ein außergewöhnlich guter Fußballer sein, um in der Bundesliga zu spielen, Punkt. Würde vielleicht auch schon mal helfen, wenn man sich darauf einigen könnte. Eine interessante Parallele zwischen unseren Berufen ist auch die Psychologie, die Gruppendynamik. Große Trainer und große Regisseure sind immer die, die es schaffen, ein Ensemble zusammenzustellen, das im Zusammenspiel jeden Einzelnen besser macht, als er das ohne die Anderen wäre. Das ist das Geheimnis: dass Eins und Eins in der Summe mehr ergeben kann als Zwei."

Optisch vorteilhaft und strategisch günstig herumzustehen...
Matthias Brandt über die Rolle, die ihm beim Fußball auf den Leib geschnitten wäre.

WERDER MAGAZIN: Was ist für Sie grundsätzlich das Faszinierende daran, ein Fußballspiel zu verfolgen?

Matthias Brandt: "Dass es immer bei Null anfängt, ungeachtet aller Wahrscheinlichkeiten." 

WERDER MAGAZIN: Welche fußballerische Tradition darf trotz zunehmender und nicht aufzuhaltender Kommerzialisierung aus Ihrer Sicht niemals sterben? Und was würden Sie im Gegenzug als erstes am Profi-Fußball ändern, wenn Sie könnten?

Matthias Brandt: "Mit den Traditionen ist das so eine Sache, man landet schnell bei einem „früher war alles besser“, was ja nicht stimmt. Zur Kommerzialisierung: Es ist halt mit dem Fußball sehr viel Geld zu machen, weil er so viele interessiert. Und erstmal ist ja nichts dagegen zu sagen, dass dieses Geld, es ist ja immer noch nur ein Bruchteil, dann auch bei denen ankommt, die auf dem Platz die tatsächliche Leistung erbringen und diese vielen Zuschauer anziehen. Ich glaube allerdings, dass man schon ein Stück weiter wäre, wenn einige derjenigen, die sich in dieser sehr privilegierten Position befinden, Großverdiener zu sein, sich nicht vornehmlich mit irgendwelchen Steuersparmodellen in Panama oder sonst wo befassen würden, sondern selbstverständlich dort, wo sie leben und profitieren, ihren finanziellen gesellschaftlichen Beitrag leisten würden. Dann bliebe ihnen ja immer noch genug Geld übrig." 

WERDER MAGAZIN: Fußballer streben nach Titeln. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

Matthias Brandt: "Ich habe ja ein paar bekommen, aber ich muss sagen, dass mir die Einzelpreise nicht so viel bedeuten wie die, die wir für eine gemeinsame Arbeit bekommen haben. Meine Arbeit ist in ihrem Wesen keine solistische, sondern eine sehr kommunikative und gemeinschaftliche, und wenn das aufgeht und man miteinander ausgezeichnet wird, ist das sehr schön."

WERDER MAGAZIN: Ihnen wird das Zitat zugeschrieben: „Fan sein meint: Liebe, die immer hofft und nichts erwartet“. Würden Sie sich wünschen, dass mehr Fans nach diesem Motto leben?

Matthias Brandt: "Ich mache anderen Leuten wirklich nicht gerne Verhaltensvorschriften und bekomme sie auch ungern, insofern nein. Das ist eben meine Sicht auf die Sache. Ich finde es manchmal, bei aller Leidenschaft, viel zu biestig, wie auf dieses Spiel geschaut wird. Und, wie schon gesagt, ich bin doch in erster Linie selbst dafür verantwortlich, dass es mir gut geht. Das kann mir keiner abnehmen, erst recht keine Fußball-Mannschaft."

WERDER MAGAZIN: Wie wichtig ist es, dass Fußball-Clubs ihre Bekanntheit und die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwird, nutzen, um Kampagnen ins Leben zu rufen wie ‚Nazis raus aus den Stadien‘ des SV Babelsberg 03?

Matthias Brandt: "Der SV Babelsberg 03 ist ein toller Verein mit großartigen Fans, die Woche für Woche Haltung zeigen. Ich weiß, wovon ich rede, weil die bei mir zu Hause um die Ecke sind und ich mich öfter mal aufs Fahrrad setze und mir dort ein Spiel anschaue. Das ist dann schon manchmal beängstigend, was für Horden da im Gästeblock auftauchen. Aber man darf dann eben nicht kneifen und muss denen mit friedlichen Mitteln zu verstehen geben, dass sie einen nicht stumm und klein kriegen mit ihrem faschistischen Gebrüll. Dass wir stärker sind als die. Und das bekommen die Babelsberger gut hin. Die sind unbedingt unterstützenswert."

WERDER MAGAZIN: Wie viele Besuche im Weser-Stadion nehmen Sie sich für die nächste Saison 2018/2019 als Minimum vor?

Matthias Brandt: "Das kann ich nicht sagen. Sie wissen doch, wie abergläubisch Fußballer sind. Wenn ich jetzt sagen würde vier Mal, es aber nur zu drei Spielen schaffen würde, und das vierte ginge dann verloren, würde ich denken, dass es meine Schuld gewesen ist. Weil ich nicht da gewesen bin. Ich bin wirklich so blöd. Aber das ist ja auch ein Teil des Spaßes, oder?"

Über Matthias Brandt

Matthias Brandt, 1961 in Berlin geboren, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler und für seine Arbeit vielfach preisgekrönt. 1985 hatte er sein erstes Theaterengagement am Oldenburgischen Staatstheater und war anschließend an vielen namhaften deutschsprachigen Theatern beschäftigt. Seit 2000 arbeitet er hauptsächlich vor der Kamera. 2016 erschien sein Buchdebüt ‚Raumpatrouille‘. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Berlin.

In diesem Jahr ist Matthias Brandt noch in der Serie ‚Babylon Berlin‘ ab Oktober in der ARD zu sehen und Ende des Jahres in seinem letzten Fall als Kommissar Hanns von Meuffels im Münchener ‚Polizeiruf 110‘. Er tritt immer wieder mit seinen Bühnenprogrammen ‚Psycho‘, ‚Angst‘ und ‚Life‘ auf, letzteres beruht auf den Erzählungen seines Buches ‚Raumpatrouille‘.

Der erste Teil ist am Samstag auf WERDER.DE erschienen. Darin spricht Matthias Brandt über Fußball am Radio, wie seine HSV-Freunde die Grün-Weißen sehen und Werte, die für ihn Werder verköpern. Dieses Interview ist im WERDER MITGLIEDER MAGAZIN 335 erschienen, das alle Mitglieder als E-Paper oder per Post kostenlos erhalten.

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