Die 45.000 Minuten des Clemens Fritz

Ein WERDER.DE-Jahresrückblick in vier Akten

Kann auf eine bewegte Karriere und zehn emotionale Werder-Jahre zurückblicken: Clemens Fritz (Foto: nph).
Profis
Montag, 25.12.2017 // 13:23 Uhr

Gastkommentar von Martin Kruse

Sein letzter Auftritt vor dem Publikum des Weser-Stadions ging ihm noch einmal so sehr unter die Haut, dass er gegen die Tränen kämpfen musste: Der Abschied von Clemens Fritz war eine emotionale Angelegenheit – für den Ehrenspielführer wie für den Verein. Ein Gespräch über 30 Jahre mit dem Ball am Fuß. 

Das Jahr 2017 für Clemens Fritz chronologisch nachzuzeichnen, sähe ungefähr so aus: Kapitän und aktiver Spieler des SV Werder Bremen, OP-Patient, Reha-Patient, ehemaliger Spieler, Ehrenspielführer, erstmals Vater, erstmals Ehemann, erstmals Privatier, Anwärter auf eine Management-Trainee-Stelle, – ach ja, und immer noch Reha-Patient. Der Rest ist Zukunft. Wenn also eine Biografie ein Scharnier haben kann, dann könnte es für Clemens Fritz eben genau dieses Jahr 2017 sein. 

18 Mal stand Clemens Fritz in seiner letzten Bundesliga-Saison auf dem Platz (Foto: nordphoto).

Und natürlich endet ein Gespräch für den Jahresrückblick von Werder Bremen mit ihm sehr plötzlich, weil er  spät dran ist für seinen Reha-Termin. „Da muss ich pünktlich sein“, sagt er, alles Weitere dann gerne telefonisch.

Über ein Dreivierteljahr ist es jetzt her, dass ihm im Spiel gegen Darmstadt das Syndesmoseband im rechten Sprunggelenk riss – die Verletzung ist noch immer nicht abgeheilt. Sie hat seine Karriere beendet, obwohl er das gern selbst getan hätte.

Rund 45.000 Spielminuten als Profi listet die Fußball-Plattform transfermarkt.de für seine Karriere auf: das entspricht in etwa 500 Spielen á 90 Minuten, alles auf Hochleistungsniveau. Und wenn so eine lange Karriere im Großen und Ganzen gelingt, kann man am Ende auch mal Lob verteilen.

Also, bitte: Welche Mitspieler waren in deiner Karriere für dich besonders wichtig? „Da muss ich wirklich Bernd Schneider aus meiner Zeit in Leverkusen hervorheben. Er hat mir eine unglaubliche Sicherheit gegeben. Wir haben ja dann auch auf der rechten Seite zusammengespielt. Aber auch wenn ich Diego gesehen habe hier in Bremen: Der konnte Spiele entscheiden, der hatte schon eine ganz besondere Qualität.“ 

Ich finde, dass Oliver Kahn das wirklich gut macht
Clemens Fritz

Welche Gegenspieler haben dich beeindruckt? „Da gibt es natürlich so Leute wie Ronaldinho oder Ribéry, die unheimlich schwierig zu bespielen waren. Aber bei denen konnte man sich immer was abschauen, da entwickelt man sich auch selber weiter. Und danach strebt man ja letztendlich, sich mit den Besten zu messen.“

Ein Trainer, von dem du sehr profitiert hast? „Thomas Schaaf hat mich einfach immer gefordert und gefördert. Zum Beispiel auch nach der EM 2008, als ich nach einem ganz kurzen Urlaub nur schwer wieder reingekommen bin. Aber auch so: Er hat mir immer sein Vertrauen geschenkt, und da hab ich mich eben auch wohlgefühlt.“  

Im WERDER.TV-Format Familienalbum blickt Clemens Fritz auf seine Karriere zurück.

Stadien in Deutschland, in die du gern gefahren bist? „Ich hab ganz gern in Berlin gespielt. Und die Derbys in Hamburg, weil das immer spannende Spiele waren, die auch das gewisse Etwas hatten. In Köln habe ich gern gespielt, aber auch in Leverkusen, ich finde das Stadion in Leverkusen einfach auch schön.“ Ein bekannter Fußball-Experte, der wirklich Sachverstand hat? „Ich finde, dass Oliver Kahn das wirklich gut macht. Der spricht Dinge klar, direkt und deutlich an. Finde ich gut.“

Die beste Werder-Elf aus deiner Zeit? „Rückblickend verbindet man das natürlich oft mit Erfolg. Zum Beispiel in meiner ersten Saison, da hatten wir schon eine tolle Truppe. Aber auch 2010, als es nicht so gut lief: Das war trotzdem eine super Mannschaft, wo ich heute noch mit vielen Kontakt habe.“

Wenn man in den Medien über das Ende der Karriere von Clemens Fritz liest, fällt oft das Wort Vereinstreue. Elf Jahre hat der gebürtige Erfurter an der Weser gespielt, gut die Hälfte davon als Kapitän. Es waren Jahre des Umbruchs, Zeiten, in denen es starke und verlässliche Führungspersönlichkeiten brauchte, um mit voller Kraft gegen den nicht nur einmal drohenden Abstieg kämpfen zu können.

Hattest du denn in deiner Zeit bei Werder überhaupt Angebote anderer Vereine? „Ja, schon, klar.“ Woher? „Es gab zum Beispiel mal was Konkretes aus dem Ausland, wo ich kurz drüber nachgedacht, aber mich dann doch bewusst für Werder entschieden habe.“ Aus welcher Liga? „Aus der Primera Division in Spanien.“ Und aus der 1. Bundesliga? „Ja, gab es auch, aber für mich stand es eigentlich nicht zur Debatte zu wechseln. Ich hab mich in Bremen wohlgefühlt und insofern kam das nicht infrage.“ 

Im Gespräch: Clemens Fritz beim Interview für den Jahresrückblick (Foto: WERDER.DE).

Auch wegen des Umfeldes hier und der Stadt? „Ja klar. Wir sind ja nun wirklich auf Rosen gebettet, was unsere Fan-Kultur hier in Bremen angeht, und diese Unterstützung in all den Jahren zu genießen, war mir auch enorm wichtig. Zum Beispiel 2016, als wir mit dem 1:0 gegen Frankfurt den Klassenerhalt in der 88. Minute gesichert haben: Da sind alle Dämme gebrochen! Das war einfach Wahnsinn. Das war für mich schon irgendwie der emotionalste Moment meiner Zeit hier. Dazu noch die riesige This-is-Osterdeich-Aktion – das war wirklich unglaublich!“

Wie war deine Verabschiedung im Weser-Stadion für dich? "Man macht sich natürlich im Vorfeld Gedanken, wie das dann sein wird. Klar wünscht man sich, dass man dann auch auf dem Platz steht nach dem Spiel, sich am besten noch mit einem Sieg verabschiedet. Dass das nicht ging, war ein bisschen doof, aber so war es nun mal. Mir war danach auch nicht großartig zum Feiern zumute. Wenn ich gespielt hätte bis zum Schluss, hätte ich vielleicht gesagt, wir feiern noch."  Gärt das noch in dir? "Nee, überhaupt nicht. Das war total okay so. Es ist ein kleiner Wermutstropfen, dass ich mich nicht mit einem Spiel verabschieden konnte. Aber ich bin auch dankbar, dass ich überhaupt so lange auf so hohem Niveau spielen durfte und mein Körper das mitgemacht hat."

Hattest du Lampenfieber, als du den Rasen betreten hast? "Ja klar, ich war ein bisschen aufgeregt und musste dann auch stark mit den Tränen kämpfen. Es war schon beeindruckend und ein tolles Gefühl, noch mal unten auf dem Rasen zu stehen und die Möglichkeit zu haben, sich von den Leuten zu verabschieden. Es war einer der Momente, die so absolut unter die Haut gehen, davon hatte ich auch noch nicht so viele. Ich hab es wirklich genossen. Es war ein toller Moment."

War deine Familie da? "Ja, meine Familie, meine Frau, mein Agent – ich habe es aber bewusst klein gehalten. Wir sind dann im kleinen Kreis noch essen gegangen, und das war auch sehr gut so."

Der Ehrenspielführer wurde mit einem Gemälde im WUSEUM verewigt (Foto: WERDER.DE).

Eine Profikarriere über fast zwei Jahrzehnte umfasst eine Menge Veränderungen. Die Ablösesummen haben sich vervielfacht, die Berichterstattung ist digital geprägt, der Fußball globalisiert. Was macht das mit den Fans, den Spielern und dem Spiel? Was hat sich verändert in den Jahren, die du im Profigeschäft zugebracht hast? „Was ich sagen muss, ist, dass das Drumherum immer größer geworden ist. Als ich in Leverkusen gespielt habe, da gab es noch kein Instagram. Aber heutzutage baust du dich über diese Kanäle ja selbst als Marke auf. Dann die Handykameras: Jeder hat eine dabei, und jeder will zu seinem Autogramm noch ein Bild haben und wenn möglich noch einen Geburtstagsgruß an irgendjemanden. Das nimmt alles ein bisschen überhand. Du kannst zum Trainingsplatz gehen, und da sprechen dich drei Leute an, kannst du mal einen Geburtstagsgruß für meine Freundin machen, kannst du mal einen Hochzeitsgruß für ein befreundetes Pärchen machen? Du kannst es irgendwann einfach nicht mehr jedem Recht machen.“

Und trotzdem geht es hinter alledem nur um ein Ballspiel für 22 Personen. „Das ist ja das, was den Fußball auszeichnet: Wenn man sich überlegt, dass ein Ball so viele unterschiedliche Menschen und Kulturen zusammenbringt, das ist schon verrückt. Der Fußball verbindet und baut Kommunikation auf, das ist auch ein Symbol. Egal wo du hinfährst: Ich war mal im Urlaub in Vietnam, und in der Halong-Bucht, da gab es so einen kleinen Strand, und da haben mich ein paar Leute angesprochen, ob ich mit denen Fußball mitspiele. Die hatten jetzt natürlich keine Ahnung, wer ich war. Und ich weiß nicht, wie viele verschiedene Nationen und Kulturen da zusammengekommen sind – Asiaten, Amerikaner, da war alles mit dabei, und keiner spricht die Sprache des anderen. Aber trotzdem funktioniert das Spiel. Dann haben wir da einfach am Strand zusammen Fußball gespielt. Das ist halt das Schöne: Du brauchst nur einen Ball dafür.“ Hast du denen am Ende verraten, was du so beruflich machst? „Die haben mich dann schon gefragt, ey, spielst du irgendwie, und so weiter – die waren schon überrascht, dass ich den Ball getroffen habe.“

Wenn das Jahr 2017 im Leben von Clemens Fritz tatsächlich eine Art Scharnier bildet, dann hat sich für ihn gerade eine Tür geöffnet. Wie sieht es dahinter aus? Was ist denn jetzt dein schönster Rentnerluxus? „Definitiv Zeit mit meiner Frau und meiner Tochter zu haben. Und die Spontanität! Jetzt einfach mal zu sagen: Wir fahren zu meiner Mutter zum Geburtstag – das ging sonst nie. Das hat in den elf Jahren hier in Bremen, glaube ich, einmal geklappt. Auch mir die Zeit selber einzuteilen. Der Fußball hat mir ja wirklich seit meinem 7. Lebensjahr die Zeiten vorgegeben.“ Wer wird im Moment häufiger erkannt: du oder deine Frau? „Momentan vielleicht eher noch ich, würde ich sagen.“

Du wirst ja 2018 als Trainee im Management von Werder anfangen. Hattest du denn eigentlich einen Plan B im Leben, falls es mit dem Fußball nicht geklappt hätte? „Nee, nicht so richtig. Ich hatte mal die Möglichkeit, als Bankkaufmann anzufangen in Erfurt. Aber dazu kam es dann nicht. Und während meiner aktiven Zeit habe ich ja noch ein Studium gemacht, in Sportmanagement.“

Das wirst du ja bald brauchen, wenn du wieder fit bist und in der Geschäftsstelle anfängst. "Ja, wieder fit werden wäre schon mal schön. Momentan darf ich so gut wie keinen Sport machen, nur Fahrradfahren und ein bisschen Oberkörpertraining. Das fehlt mir schon unheimlich: Ich hab mein ganzes Leben lang Sport gemacht und musste dann wirklich von 100 auf null runterfahren.“ Und da fällt ihm sein Reha-Termin wieder ein, und alles muss plötzlich ganz schnell gehen. Schon hat er sich – sehr freundlich, trotz der Eile – verabschiedet. Da geht ein Großer, hieß es im Sommer 2017 überall. Stimmt. Aber er kommt ja bald wieder. Und zwar schon im nächsten Jahr.

 

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