"Das fehlt mir..."

Ehrenspielführer Clemens Fritz im Interview

Darf sich bei den Ehrenspielführern einreihen: Clemens Fritz im WUSEUM (Foto: WERDER.DE).
Interview
Dienstag, 21.11.2017 // 17:38 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Im Sommer hat Clemens Fritz seine aktive Karriere beendet, als Ehrenspielführer bekommt der 36-Jährige jetzt auch seinen Ehrenplatz im WUSEUM. Das fertiggestellte Gemälde wurde Fritz am Dienstag aus den Händen von Maler Jub Mönster und Werders Präsident und Geschäftsführer Dr. Hubertus Hess-Grunewald überreicht. Eine willkommene Gelegenheit für WERDER.DE mit dem Ex-Kapitän über sein neues Leben als Familienvater, die Reha trotz Karriereende und die aktuelle sportliche Situation der Werder-Profis zu sprechen.

WERDER.DE: Seit heute bist du als Ehrenspielführer mit einem Gemälde im WUSEUM verewigt. Die wichtigste Frage zuerst: Fühlst du dich gut getroffen?

Clemens Fritz: „Ich muss sagen, ich bin begeistert. Es ist eine Ehre für mich, hier verewigt an der Wand zu hängen. Es war auch spannend, mit dem Künstler direkt gesprochen zu haben und einen Einblick zu bekommen, wie so ein Bild entsteht, wie viel Arbeit da drin steckt. Es war ein tolles Gespräch. Ich bin dankbar, dass er das Bild gemacht hat. Er hat es sehr gut getroffen.“

Jub Mönster mit dem Bild von Clemens Fritz, dem echten Clemens Fritz und Präsident Dr. Hubertus Hess-Grunewald (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Was bedeutet es dir, Ehrenspielführer zu sein?

Clemens Fritz: „Man braucht sich ja nur die Wand anschauen. Es ist eine große Ehre, Teil dieser Auswahl zu sein, die Besonderes für Werder geleistet haben. Allerdings hätte ich mich gerne im Werder-Trikot verabschiedet und nicht mit einer Verletzung. Die Verabschiedung war dennoch ein Gänsehautmoment. Ich hatte so eine tolle Zeit bei Werder und bisher hier in Bremen. Jetzt drücke ich von außen die Daumen und hoffe, dass es aufwärts geht.“

WERDER.DE: Bei dir war in den vergangenen Monaten privat dagegen einiges los. Hochzeit, Geburt deiner Tochter. Wie lebt es sich als Familienvater und Ehemann?

Clemens Fritz: „Gut, ich kann nicht klagen (lacht). Es ist ein ganz besonderes Gefühl, eine Familie zu gründen. Ich genieße es, Zeit mit der Familie zu haben und mitzuerleben, wie meine Tochter kleine Schritte macht und die Welt entdeckt. Das ist nicht selbstverständlich. Ich sauge alles auf, gerade weil ich mir bewusst bin, dass auch wieder andere Zeiten kommen werden.“

WERDER.DE: Ihr versucht eure Tochter möglichst aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, was für einen Ex-Bundesliga-Profi und ein Model sicherlich nicht einfach ist. Warum habt ihr euch dazu entschieden?

Clemens Fritz: „Wir sind beide Personen des öffentlichen Lebens, aber wir wollen unsere Tochter da nicht mit hineinziehen. Sie soll, später wenn sie alt genug dafür ist, sich selbst entscheiden können, welchen Weg sie geht.“

WERDER.DE: Viele fragen sich - was macht Clemens Fritz eigentlich aktuell zwischen Aufstehen und Schlafengehen?

Clemens Fritz (lacht): „Ich kümmere mich einerseits um meine Familie, andererseits nimmt die Rehabilitation leider immer noch einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch. Ich war auf einem guten Weg, musste mich allerdings noch mal untersuchen lassen, da ich beim Joggen und Kicken Probleme hatte. Dabei wurde ein Ödem im Sprunggelenk festgestellt. Momentan kann ich lediglich ein wenig Fahrrad fahren und Krafttraining für den Oberkörper machen. Ich muss abwarten. Im Dezember folgt die nächste Untersuchung. Ich hoffe, dass ich die Verletzung dann möglichst schnell abhaken kann, denn ich möchte einfach ein wenig Joggen können, Tennis spielen, Kicken mit Kollegen. Das fehlt mir.“

WERDER.DE: Aufgrund der Verletzung ging es für dich wirklich von 100 auf 0. Wie schwer ist es, die aktuelle sportliche Situation hinnehmen zu müssen und erstmals selbst nicht eingreifen zu können?

Clemens Fritz: „Ich kenne die Situation und ich kann mich in die Situation hineinversetzen. Ich weiß, was in den Köpfen der Spieler los ist, was in der Kabine in der Halbzeitpause bei einem Spiel wie gegen Mönchengladbach abgeht. Da war ich im Stadion. Man hat die wachsende Unruhe gemerkt, die Unzufriedenheit der Fans, der Spieler. Das ist eine schwierige Situation. Aber ich war auch am Sonntag gegen Hannover im Weser-Stadion und das war wiederum eine große Freude für mich. Ich habe ein Spiel voller Energie gesehen, die Jungs haben erstaunlich viele Lösungen auf dem Platz präsentiert. Es war ein offensiver Schlagabtausch und genau das hat Werder immer ausgezeichnet. Ich hoffe dass sie diesen Weg weitergehen, aber das ist noch viel Arbeit für alle. Ich denke, das ist allen bewusst.“

Besuchte die Mitgliederversammlung als Ehrenspielführer: Clemens Fritz (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Vergleicht man die beiden letzten Heimspiele scheint es unglaublich, innerhalb kurzer Zeit zwei so unterschiedliche Leistungen der gleichen Mannschaft zu sehen…

Clemens Fritz: „Daran sieht man, wie verkopft der Fußball ist, welche übergeordnete Bedeutung dem Mentalen zukommt. Du kannst das größte Talent sein oder unheimliche Fähigkeiten haben, solange du im Kopf nicht frei bist, kannst du deine Leistung nicht abrufen. Gegen Hannover hat man in meinen Augen gesehen, dass die Mannschaft intensiv gearbeitet hat und sicherlich viele Einzelgespräche geführt wurde. Es war für jeden Spieler ein Moment, sich jetzt neu beweisen zu können. Es geht wieder los, die Karten wurden neu gemischt. Es lief aber auch nicht alles rund, das muss man klar sagen. Mit ein bisschen Pech wäre der Ausgleich kurz nach der Pause gefallen. Nach dem 2:0 konnte man die Befreiung förmlich spüren, die Brust wurde immer breiter. Ich hoffe, dass der Erfolg schnell kommt um dann im späteren Saisonverlauf ansehnlichen Fußball genießen zu können.“

WERDER.DE: Du kennst Florian Kohfeldt als Co-Trainer. Wie hast du ihn erlebt und was traust du ihm und der Mannschaft zu?

Clemens Fritz: „Ich bin total überzeugt von ihm. Ich konnte ihn damals als Co-Trainer unter Viktor Skripnik intensiv beobachten und weiß, dass er gute Arbeit leistet. Flo hat einen unheimlichen Fußballsachverstand. Zudem hat er eine sehr gute Ansprache ans Team. Er äußert sich immer wieder kritisch, verpackt das aber konstruktiv und mit viel Lob versehen. Das wichtigste ist aber, einen Plan zu haben. In diesem Punkt bin ich hundertprozentig überzeugt von Florian.“