Mit Instinkt und Köpfchen

Kopfsache mit Maximilian Eggestein

Muss auf seiner Position oft einen kühlen Kopf bewahren: Maximilian Eggestein (Foto: WERDER.DE).
Kopfsache
Montag, 28.08.2017 // 17:35 Uhr

Notiert von Yannik Cischinsky

Fußball ist Kopfsache! Spiele werden im Kopf entschieden! Phrasen, wie sie im Buche stehen. Und doch steckt in den Redewendungen bekanntlich weit mehr als nur das sprichwörtliche Fünkchen Wahrheit. Egal ob Mentalitätsmonster oder kühler Kopf, die Spieler entscheiden Partien vor allem in ihrer ganz persönlichen "Schaltzentrale".

WERDER.DE blickt den Werder-Profis in einer neuen Rubrik "hinter die Stirn". Kopfsache, das Interview mit Köpfchen - heute mit Maximilian Eggestein.

WERDER.DE: Kopfballungeheuer oder Kurzpasskönig?

Maximilian Eggestein: „Lieber Kurzpasskönig. Der Trainer hat gesagt, ich müsse noch an meinem Offensivkopfball arbeiten. Ein Kopfballungeheuer bin ich also noch nicht.“

WERDER.DE: Aber dein erstes und bisher einziges Bundesligator hast du per Kopf erzielt... Was geht dir durch den Kopf, wenn du daran zurückdenkst?

Maximilian Eggestein: „Freude. Das war ein besonderer Moment für mich. Dass ich das ausgerechnet mit dem Kopf erziele, hätte ich nie gedacht, aber es war ja auch kein klassisches Kopfballduell, das ich gewonnen habe, sondern eher eingenickt. Mich hat es gefreut, dass es hier im Weser-Stadion passiert ist.“

WERDER.DE: Bist du eher ein Kopfmensch oder ein Instinkt-Fußballer?

Maximilian Eggestein: „Ich würde sagen, eine Mischung aus beidem. Gerade defensiv brauchst du Köpfchen. Da muss man seine Abläufe und Aufgaben kennen, man muss im Kopf haben, was zu tun ist. Offensiv kannst du deine Instinkte besser spielen lassen. Da sollte man auch drauf losspielen, mal etwas Verrücktes machen.“

WERDER.DE: Inwiefern bleibt während der Partie überhaupt Zeit, zu reflektieren und zu reagieren?

Maximilian Eggestein: „Grundsätzliche Tendenzen im Spielablauf registriert man schon und erkennt, dass sich etwas ändern muss. Es ist aber schwer, im laufenden Spiel als Akteur, aber auch als Trainer, alles komplett umzukrempeln. Gewisse Dinge lassen sich anpassen oder optimieren. Man kann als Spieler zum Beispiel vorangehen, um die Mitspieler mitzureißen. Aber um die Grundordnung oder etwas Elementares zu verändern, bräuchte es eine Spielunterbrechung, in der man als Mannschaft zusammenkommt und es eine Ansprache gibt. Eine Trinkpause beispielsweise, quasi ein Time-Out. Davon bin ich allerdings kein Freund. Ich denke, das würde den Spielfluss behindern, den Fußball verändern.“

Der eine kommt mehr über das Emotionale, der andere zieht seine Kraft aus der inneren Ruhe.
Maximilian Eggestein

WERDER.DE: Auf deiner Position im defensiven Mittelfeld benötigt man oft einen kühlen Kopf. Was ist dein Trick, um dich innerlich zu fokussieren?

Maximilian Eggestein: „Ich sage mir innerlich, dass es nichts bringt, sich verrückt zu machen. Dadurch wird man nur hektischer, die Bewegungen werden unkontrollierter. Man sollte ruhig bleiben und sich auf das Wesentliche konzentrieren, egal wie es steht. Und ruhig zu bleiben heißt ja nicht, dass es nicht schnell gehen kann. Ich brauche diese gewisse Ruhe für mein Spiel, aber es gibt verschiedene Spielertypen. Der eine kommt mehr über das Emotionale, über die Motivation, der andere zieht die Kraft aus der inneren Ruhe und Gelassenheit. Man muss für sich herausfinden, was einem dabei hilft, die bestmögliche Leistung abzurufen. Und dem sollte man treu bleiben. Man kann seine Mentalität auf dem Platz nicht verstellen.“

WERDER.DE: Neben deiner Gelassenheit hast du in den letzten Monaten richtig an Muskelmasse zugelegt. Was hast du verändert und warum?

Maximilian Eggestein: „Ich habe einfach mehr Krafttraining gemacht (lacht). Es geht immer mehr um Athletik und Robustheit im Zweikampf. Da habe ich an mir gearbeitet. Ich spiele nicht grundsätzlich anders, aber vielleicht suche ich jetzt häufiger den Zweikampf.“ 

Zweikampfstärker: Maximilian Eggestein hat viel im Kraftraum für mehr Durchsetzungsvermögen gearbeitet (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Du hast früh dein Profi-Debüt gegeben, brauchtest aber, bis du dich endgültig im Bundesliga-Team durchgebissen hast. Wie hast du in dieser Zeit einen klaren Kopf behalten?

Maximilian Eggestein: „Einerseits wollte ich so schnell wie möglich wieder zu den Profis, andererseits habe ich mir immer wieder vor Augen gehalten, wie jung ich bin und wie viel Zeit ich noch habe. Ich habe mir gesagt, dass es sich ergeben wird, wenn ich alles dafür tue und an meinen vermeintlichen Schwächen arbeite.“

WERDER.DE: Und wenn du mal nicht trainierst, wie bekommst du den Kopf frei?

Maximilian Eggestein: „Beim Serien und Filme schauen. Das mache ich am liebsten um den Kopf frei zu bekommen. Dabei komme ich mit den Gedanken gut weg vom Fußball. Ich setze mich aber nicht bewusst hin, zum Beispiel nach Bundesligaspielen, und zwinge mich, eine Serie zu gucken um nicht an die Partie denken zu müssen. Besonders nach Spielen gehen mir ohnehin gute Aktionen, schlechte Aktionen, Fehler usw. durch den Kopf. Da ist es schwieriger abzuschalten.“

WERDER.DE: Welche Werder-Szene kriegst du nicht aus dem Kopf?

Maximilian Eggestein: „Den Platzsturm nach dem Sieg gegen Frankfurt. Das war ein enorm emotionaler Moment für alle. Ich hab noch genau im Kopf, wie die Fans alle aufs Feld gerannt sind. Im ersten Moment war mein Impuls: ‚Schnell weg hier!‘ Im zweiten Moment dachte ich: ‚Lass uns doch einfach zusammen feiern.‘ Das waren besondere Momente.“

WERDER.DE: Worüber kannst du nur den Kopf schütteln?

Maximilian Eggestein: „Über Hektik. Ich bin ein Mensch, der sich nicht gerne stressen lässt. Das war schon immer so. Ich habe ein Problem damit, wenn zu viel Hektik um mich herum entsteht. Wenn man zum Beispiel eine Viertelstunde Wegstrecke vor sich hat, aber eine andere Person unbedingt schon 45 Minuten vorher losfahren will, nur weil sie so unruhig ist… Oder man kommt fünf Minuten zu spät und wird in diesen fünf Minuten dreimal angerufen, wo man bleibt. Darüber kann ich nur den Kopf schütteln.“

WERDER.DE: Wer hat dir in der Jugend mal so richtig den Kopf gewaschen?

Maximilian Eggestein: „Mein Vater häufiger mal. Und meine Mutter auch (lacht). Es ging vor allem um die Schule. Ich hatte mehr Bock auf Fußball als auf Hausaufgaben. Das ist auch manchmal eskaliert. Die konnten mir dann schon sagen, wo es langgeht. Ich muss gestehen, dass ich nicht einfach war und meinen eigenen Kopf hatte. Ich wollte mir nicht gerne sagen lassen, was ich als nächstes zu tun habe. Das war mein Problem.“

WERDER.DE: Nur im Privaten oder auch beim Training?

Maximilian Eggestein: „Nein, eher im Privaten. Beim Fußball war das kein Problem. Aber es war gut, dass meine Eltern mir ab und zu den Kopf gewaschen haben. Das habe ich gebraucht.“