Instinkt-Stürmer mit Köpfchen

Kopfsache mit Johannes Eggestein

Johannes Eggestein bewundert Roger Federer und spielt auch selbst gerne Tennis (Foto: WERDER.DE).
Kopfsache
Montag, 25.09.2017 // 18:24 Uhr

Notiert von Yannik Cischinsky

Fußball ist Kopfsache! Spiele werden im Kopf entschieden! Phrasen, wie sie im Buche stehen. Und doch steckt in den Redewendungen bekanntlich weit mehr als nur das sprichwörtliche Fünkchen Wahrheit. Egal ob Mentalitätsmonster oder kühler Kopf, die Spieler entscheiden Partien vor allem in ihrer ganz persönlichen "Schaltzentrale".

WERDER.DE blickt den Werder-Profis in dieser Interview-Rubrik "hinter die Stirn". Kopfsache, das Interview mit Köpfchen - heute mit Johannes Eggestein.

WERDER.DE: Kopfmensch oder Instinkt-Fußballer?

Johannes Eggestein: „Beides! Ich denke viel nach auf dem Platz, auf der anderen Seite funktionieren beispielsweise Laufwege oder das Spekulieren auf Chancen bei mir intuitiv. Man könnte sagen, ich bin ein Instinkt-Stürmer.“

Glaubt an das "Stürmer-Gen": Nachwuchsstürmer Johannes Eggestein (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Ist es trotz Torinstinkt nicht auch als Stürmer besonders wichtig, einen klaren Kopf zu haben?

Johannes Eggestein: "Auf jeden Fall. Ich hatte auch schon Situationen, in denen ich zu lang darüber nachgedacht habe und die falsche Lösung gewählt habe. Als Stürmer musst du vor dem Tor eiskalt und abgezockt sein und dir selbst vertrauen und nicht nachdenken. Da muss man sich auf seine Qualitäten verlassen."

WERDER.DE: Und wie schaltest du da deinen Kopf aus? Das ist doch schwierig, oder?

Johannes Eggestein: "Da hilft zum Beispiel das Training. Wenn man Situationen immer und immer wieder wiederholt, entsteht eine Art Automatismus. Auf der anderen Seite ist es ein stückweit eine Qualitätsfrage. Ich glaube, es gibt ein Stürmer-Gen. Man muss eine Abgezockheit mitbringen. Wenn ich Fußball spiele bin ich frei, im Spiel noch mehr als im Training. Da lebe ich im Moment."

WERDER.DE: Hemmt dich Alltagsstress? 

Johannes Eggestein: "Nein, aber das ist von Person zu Person unterschiedlich. Ich kann mir schon vorstellen, dass das unterbewusst eine Rolle spielt, kenne das aber nicht von mir. Wenn man merkt, man ist nicht frei im Kopf ist, muss man spätestens beim Abschlusstraining dem Coach sagen: 'Es geht nicht!' So ehrlich sollte man zu sich sein, für die Mannschaft."

Mir ist bewusst, dass ich die Spielpraxis in der dritten Liga brauche
Johannes Eggestein

WERDER.DE: Und wie bekommst du außerhalb des Platzes den Kopf frei?

Johannes Eggestein: "Tennis mit meiner Schwester zu spielen ist beispielsweise eine Möglichkeit. Sie spielt auf einem guten Niveau. Das macht mir extrem viel Spaß, allerdings komme ich in letzter Zeit zu selten dazu. Auch eine Runde FIFA oder ein Buch entspannen mich. Aktuell lese ich 'Geheimnis der Psyche' von Leon Windscheid. Grundsätzlich versuche ich mich privat weniger mit Fußball zu beschäftigen."

WERDER.DE: Welche Werder-Szene bekommst du nicht mehr aus dem Kopf?

Johannes Eggestein: "Mein erstes Bundesligaspiel, die erste Einwechslung gegen Bayern. Das ging zwar alles sehr schnell, aber ich weiß noch genau, wie Markus 'Felle' Feldhoff mein Trikot hochgehalten hat und ich dann in der 84. Minute reingekommen bin. Ich hatte vorher schon mit Atheltiktrainer Günther Stoxreiter darüber gescherzt und so kam es dann auch."

WERDER.DE: Das erste Spiel ist das eine, das erste Werder-Tor das andere. Wie malst du dir das in deinem Kopf aus?

Johannes Eggestein (lacht): "Ein spezielles Tor habe ich nicht im Kopf. Cool wäre es, wenn es ein wichtiges Tor wäre. Ein 1:0 oder 2:1 oder vielleicht ein Tor, durch das wir noch einen Punkt holen. Außerdem wäre es natürlich super, wenn ich vor dem Tor noch jemand aussteigen lassen könnte und dann sauber verwandle."

WERDER.DE: Wie gehst du im Kopf damit um, zwischen Profis und U 23 zu pendeln?

Johannes Eggestein: "Ich freue mich immer, wenn ich bei den Profis dabei bin. Mir ist aber bewusst, dass ich die Spielpraxis in der dritten Liga brauche, das ist ein großer Vorteil. Das motiviert mich sehr und ich freue mich, Vollgas geben zu können."

Machte gegen den FC Bayern sein erstes Bundesliga-Spiel: Johannes Eggestein (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Gibt es einen Charakterkopf, den du sehr bewunderst?

Johannes Eggestein: "Roger Federer."

WERDER.DE: Warum?

Johannes Eggestein: "Sein Werdegang ist beeindruckend. Auch wie er sich außerhalb des Platz verhält, finde ich außergewöhnlich. In Interviews, zum Beispiel nach großen Finalen, ist er immer sehr ehrlich, sehr reflektiert, was seine eigene Leistung angeht. Er respektiert, wenn er verliert und gönnt es dem Gegner, wenn dieser besser war. Er engagiert sich sehr für soziale Projekte. Außerdem hat er zwei Zwillingspaare als Kinder. Das finde ich irgendwie auch faszinierend."

WERDER.DE: In welches Abenteuer würdest du dich gerne mal kopfüber stürzen?

Johannes Eggestein: "Puh, darüber habe ich mir ehrlich gesagt bisher kaum Gedanken gemacht. Durch meinen Traum, Fußballprofi werden zu wollen, fehlte mir möglicherweise die Zeit, über andere Abenteuer nachzudenken. Ich denke, dass es für andere bestimmt ein großes Abenteuer wäre, Fußballprofi zu sein und dieses Abenteuer lebe ich gerade."

WERDER.DE: Gibt es Situationen, in denen du den Kopf verlierst?

Johannes Eggestein: "Nein, das kann ich wirklich so sagen. Das sieht man auf dem Fußballfeld. Ich glaube, ich habe noch nie eine gelbe Karte wegen Meckerns oder Rot für ein böses Foul bekommen. Ich würde sagen, dass ich immer mit Bedacht handele."

WERDER.DE Zum Abschluss: Kopf oder Zahl?

Johannes Eggestein (lacht): "Kopf."