Früher Neustart nach schmerzlicher Trennung

Ein Saisonrückblick in sechs Akten: Teil eins

Bei Alexander Nouris Debüt gegen Mainz 05 blieb Werder erneut punktlos. Es sollte dauern, bis die Grün-Weißen konstant punkteten (Foto: Nordphoto).
Profis
Samstag, 03.06.2017 // 15:45 Uhr

von Maximilian Hendel

Auch die Bundesliga-Saison 2016/17 ist wieder wie im Flug vergangen. Werder wurde von Höhen und Tiefen, Enttäuschungen und Jubel begleitet. Nachdem die Grün-Weißen denkbar schlecht in die Spielzeit gestartet waren und bis in den Februar hinein immer wieder sportliche Rückschläge erlitten, schwang sich Alexander Nouris Mannschaft anschließend auf eine beeindruckende Erfolgswelle, die sie um ein Haar sogar bis zurück in den europäischen Wettbewerb getragen hätte. Nicht leicht, dabei den Überblick zu behalten. Daher lässt WERDER.DE diese Spielzeit noch einmal in sechs dicht zusammengefassten Akten Revue passieren. Heute: das erste Saisondrittel bis Ende November.

I. Akt: Allerlei Kollektivblackouts und ein Tor des Monats

Schmerzliche Rückkehr: Gleich in Lotte trug Max Kruse eine langwierige Knieverletzung davon (Foto: Nordphoto).

Als die Grün-Weißen zum ersten Mal eine Idee davon bekamen, was eigentlich in ihnen stecken könnte, war es schon zu spät – zumindest für Cheftrainer Viktor Skripnik. Aron Jóhannsson hob Neuzugang Serge Gnabry einen punktgenauen Chip-Ball über zwei gegnerische Innenverteidiger hinweg in den Lauf, den der U21-Nationalspieler und frisch gekürte olympische Silbermedaillengewinner daraufhin von der Strafraumgrenze aus krachend volley unter den Querbalken drosch. Allerdings lief an jenem 3. Spieltag in Mönchengladbach bereits die Schlussphase. Gnabrys wenig später zum „Tor des Monats“ September gekürter Bundesliga-Premierentreffer (das erste „TdM“ eines Werder-Akteurs seit über sechs Jahren; Claudio Pizarro, Mai 2010) hübschte lediglich das eindeutige Endergebnis zum 1:4 auf. Bereits zur Pause hatten die Bremer jegliche Chancen auf ihren ersten Punktgewinn in der damals noch jungen Saison verspielt. „Wir konnten ihnen in keiner Sekunde Paroli bieten“, musste Kapitän Clemens Fritz entnervt zugeben, „das tut weh, das war eine Katastrophe, die wir da abgeliefert haben.“ Wie fragil sich die Statik im Spiel der Werderaner während ihres denkbar misslungenen ersten Pflichtspielmonats darstellte, unterstrich jener negative Höhepunkt, dem drei nicht weniger bittere Niederlagen vorangegangenen waren.

Das ernüchternde Ausscheiden bei Drittliga-Aufsteiger Sportfreunde Lotte in der ersten Runde des DFB-Pokals ebnete sportlich unheilvollen Wochen den Weg. Während Fin Bartels aufgrund eines Schubsers gegen Alexander Langlitz kurz vor Abpfiff der 1:2-Schlappe noch vom Platz flog, trug Max Kruse zu allem Übel gleich im ersten Pflichtspiel seiner Werder-Rückkehr eine langwierige Außenbandverletzung im linken Knie davon. Nach nötig gewordener OP sollte der Angreifer erst Ende November wieder mitwirken können und musste auf Krücken verfolgen, wie sich Titelverteidiger FC Bayern im Verlauf des Bundesliga-Auftakts in einen Rausch kombinierte. Den Bremer Kollektivblackout wusste der Rekordmeister mit 6:0 gnadenlos auszunutzen. Nachdem Werder trotz Jóhannssons zwischenzeitlicher Halbzeitführung auch das erste Heimspiel gegen den FC Augsburg in den Sand setzte (1:2-Endstand), kostete Skripnik sowie seinen beiden Co-Trainern Torsten Frings und Florian Kohfeldt die anschließend wenig ermunternde Darbietung seines Teams am Niederrhein Mitte September den Job. „Wir haben uns zu diesem Schritt entschlossen, weil uns nach der Leistung in Gladbach die Überzeugung fehlte, dass es in der bestehenden Konstellation möglich ist, zeitnah eine Wende zum Positiven herbeizuführen“, begründete Geschäftsführer Frank Baumann diese schmerzliche Trennung. Allein Viktor Skripnik hatte über 20 Jahre ununterbrochen als Profi, Jugendcoach und Cheftrainer im Verein verbracht.

II. Akt: Gelungene Wiederbelebung, mühseliger Herbst

Pure Freude: Ousman Manneh bejubelt sein entscheidendes 2:1 über Bayer 04 (Foto: Nordphoto)

Eines gab Alexander Nouri, bis dato verantwortlich für die Bremer U23, seiner neuen Mannschaft umgehend mit auf den Weg: „Wir müssen die Zuschauer wieder auf unsere Seite bringen“, appellierte Werders Interims- und ab Anfang Oktober 2016 offiziell neuer Cheftrainer, nachdem die Grün-Weißen in den Wochen zuvor einigen Kredit bei ihren leidgeprüften Anhängern eingebüßt hatten. So sportlich tragisch das Debüt des 37-Jährigen auch endete, weil Mainz 05 im Weser-Stadion binnen fünf Minuten Restspielzeit noch Izet Hajrovic’ frühen Führungstreffer komplett zunichte machte, die „Art und Weise“ (Nouri) des Auftritts der Gastgeber stiftete endlich berechtigte Hoffnungsschimmer. Ihre wirklich zählbare Wiederbelebung vertagten die Grün-Weißen glücklicherweise um lediglich drei weitere Tage, ehe sie den VfL Wolfsburg in einem denkwürdigen Samstagabendschlussspurt noch mit 2:1 bezwangen. Zunächst gelang Lennart Thy ansatzlos aus spitzem Winkel der späte Ausgleich (86.), dann wuchtete Thedor Gebre Selassie seine Stirn in die Ecke des Bundesliga-Neulings Niklas Schmidt zum ekstatisch bejubelten Siegtor (90.+1). Es war nur eines von insgesamt 100 Luftduellen des Tschechen in der abgelaufenen Saison, vier seiner fünf Saisontreffer erzielte er ebenso per Kopf.

Selbst die folgend liegen gelassenen zwei Punkte in Darmstadt (2:2) schmerzten nur kurz, da das neuerlich Heimspiel bereits die nächsten Gefühlsexplosionen bereithielt. Gegen den ambitionierten Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen krönte Ousman Manneh einstweilen seine eh schon märchenhafte Story, indem er Werders insgesamt 750. Bundesliga-Sieg besorgte. „Ist das hier real? Ich kann das nicht glauben. Einer meiner größten Träume ist in Erfüllung gegangen“, rang der 19-Jährige (übrigens nie zuvor hatte ein Gambier in der Bundesliga getroffen) weit nach Spielende dieses 2:1-Erfolges noch um Fassung. Jedoch sollten die Grün-Weißen im nunmehr aufgezogenen Herbst noch sichtbar um Konstanz ringen. Allein in der Vorrunde kamen 31 verschiedene Profis zum Einsatz, so viel wie nie zuvor bei einem Bundesligisten. Die Bremer Mannschaft steckte sichtbar mitten in einem Findungsprozess, vor Fehlern und Rückschlägen blieb sie nicht gefeit. Hintereinander musste Werder gegen Leipzig, Freiburg, Schalke sowie durch den Last-Minute-Knockout gegen Frankfurt ohne Punkte auskommen. Genauso hinterließ das 2:2-Auswärtsunentschieden nach zweifachem Rückstand im Nordderby beim HSV kaum Genugtuung. Geschäftsführer Frank Baumann haderte aufgrund der vergebenen Möglichkeit: „Wir tun uns ein bisschen schwer, den Punkt freudestrahlend mit nach hause zu nehmen.“


Teil zwei des WERDER.DE-Saisonrückblicks folgt am morgigen Pfingstsonntag