Nouri: "Daran wächst man"

Alexander Nouri blickt für WERDER.DE reflektiert auf das letzte halbe Jahr zurück (Foto: nordphoto).
Interview
Donnerstag, 22.12.2016 // 01:06 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Nach dem 1:1 und der Rückkehr nach Bremen verabschiedeten sich die Werder-Profis in den Weihnachtsurlaub. Auch für das Trainerteam stehen einige besinnlichere Tage an. Für WERDER.DE nahm sich Cheftrainer Alexander Nouri Zeit, die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen.

Im ausführlichen Interview spricht Nouri über die außergewöhnlichsten Momente, zieht eine sportliche Zwischenbilanz und fasst schon die wichtigsten Aufgaben für die Rückrundenvorbereitung ins Auge.

WERDER.DE: Alex, ich vermute es war ein sehr aufregendes, bewegendes Jahr für dich. Mit welchen Gefühlen blickst du auf die vergangenen Monate zurück?

Alexander Nouri: „Es war definitiv eine sehr intensive Zeit mit zahlreichen Auf und Abs. Im Ganzen überwiegt aber die Freude darüber, die Arbeit mit dieser Mannschaft nachgehen zu dürfen, diese Emotionen zu  erleben, den eingeschlagenen Weg durch Punkte bestätigen zu können und eine Entwicklung zu sehen.“

Nach dem Last-Minute-Sieg gegen Wolfsburg entluden sich auch bei Alexander Nouri sämtliche Emotionen (Foto: Nordphoto).

WERDER.DE: Welche Momente sind die besonders in Erinnerung geblieben?

Alexander Nouri: „Jedes Bundesligaspiel ist gefühlstechnisch extrem intensiv. Neben der alltäglichen Arbeit im Trainerteam und mit der Mannschaft, die für sich genommen schon das Highlight sind, waren die Siege vor dem Publikum in Bremen echte Höhepunkte. Diesen Schulterschluss zwischen Team und Fans unten an der Bank zu spüren, ist etwas sehr Besonderes.“

WERDER.DE: Wie war denn überhaupt der Moment, als du erfahren hast, dass du Werders Bundesligateam als Interimscoach übernehmen sollst?

Alexander Nouri: „Mir war relativ schnell bewusst, was für eine Bedeutung das hat, was dieser Schritt für Verpflichtungen mit sich bringt und wie groß das Invest in Form von Zeit sein wird. Meine Identifikation mit Werder ist aber riesengroß, ich fühle mich dem Verein sehr verbunden. Deshalb habe ich mir die Fragen gestellt: Wie kann ich dem Team helfen? Was kann man verändern? Dafür wollte ich Ansätze finden, mich auf diese Herausforderung einlassen.“

WERDER.DE: Du bleibst bei diesen Fragen immer sehr bescheiden und gehst mit großer Demut an deine Aufgaben. War nicht aber auch Stolz und Freude über das in dich gesetzte Vertrauen dabei?

Alexander Nouri: „Natürlich bin ich extrem stolz. Mich verbindet mit diesem Verein eine Geschichte. Wenn man selbst im Internat in der Ostkurve gelebt, ständig auf die Trainingsplätze geguckt, bei den Spielen mitgefiebert hat und jetzt selbst an der Linie stehen darf, ist das etwas Außergewöhnliches. Gleichzeitig weiß man aber, was es braucht, um in diesem Job Erfolg zu haben, was dieser Schritt mit sich bringt. Du wirst extrem an Ergebnissen, an Zählbarem gemessen. Du weißt nicht, ob du die Zeit, die erforderliche Geduld und Kontinuität bekommst, gewisse Prozesse auf den Weg zu bringen. Es ist ein enorm schnelllebiges Geschäft. Deshalb war es eine Mischung aus Freude und Verantwortungsbewusstsein.“

WERDER.DE: Ein Meilenstein war der Sieg gegen Wolfsburg als ihr in letzter Sekunde drei Punkte eingefahren habt und du ein wahres Freundentänzchen aufgeführt hast. Was ging dir in dem Moment des Schlusspfiffes durch den Kopf?

Alexander Nouri: „Ich bin relativ unbedacht ins kalte Wasser gesprungen. Schon gegen Mainz haben wir eine richtig gute Leistung gezeigt, gefightet und schließlich den Nackenschlag kurz vor Schluss bekommen. Ich musste auf die Tribüne. Mit diesen aufreibenden Gefühlen sind wir in die Woche gegangen um dann zuhause gegen den gefühlt haushohen Favoriten im Endspurt zu gewinnen. Das war eine dermaßen intensive Woche mit zahlreichen Entscheidungen. Uns allen ist in dieser Situation der Ballast abgefallen. Bei mir hat sich das in diesem Ausbruch geäußert.“

WERDER.DE: Ihr habt bis dato 16 Punkte aus 13 Partien geholt. Was für ein sportliches Fazit ziehst du?

Alexander Nouri: „Dass wir mit den Punkten und der Tabellensituation nicht zufrieden sind, steht außer Frage, aber ich denke, die letzten Wochen geben Anlass für Optimismus. Es war wichtig, dass wir gegen Hoffenheim nochmal gepunktet haben. Wir müssen uns weiter stabilisieren und an dem begonnenen Weg mit großem Fleiß beharrlich weiter arbeiten. Dazu bedarf es der Haltung, sich gegenseitig anzutreiben, im Training viel einzufordern und gleichzeitig selbst zu leisten. Diese Prozesse brauchen Zeit, gleichzeitig müssen wir Ergebnisse liefern.“

WERDER.DE: Es gab eine Phase, in der ihr fünf Spiele in Folge nicht gewonnen habt. Was nimmst du aus dieser ersten kleinen Krise als Bundesliga-Cheftrainer mit?

Alexander Nouri: „In meinen Augen sollte man daraus immer Stärke und viele Erkenntnisse ziehen. Daran wächst man. Man muss sich zwar durchgehend kritisch reflektieren, darf sich aber von seinen grundsätzlichen Werten nicht entfernen. Das haben wir als Trainerteam nicht getan. Wir haben in dieser Phase alles kritisch analysiert, aber auf unsere grundsätzlichen Prinzipien vertraut.“

WERDER.DE: Jetzt stehen erstmal ruhigere Tage an. Wie begehst du das Weihnachtsfest?

Alexander Nouri: „Es geht bunt und gleichzeitig traditionell bei uns zu (lacht). Die Kinder dürfen sich auf Geschenke freuen, wir haben einen geschmückten Baum und feiern wie viele auch im Familienkreis. Weihnachten ist bei uns eher ein besinnliches als ein pompöses Fest. Nur kulinarisch unterscheiden wir uns vielleicht ein wenig, da das ein oder andere persische Gericht auf den Tisch kommt. Ich greife gerne auf die Kochkünste meines Vaters zurück, der wieder mehrere Gerichte präsentieren wird. Meine Mutter wird dagegen traditionell Gans servieren.“

WERDER.DE: Man hört raus, dass du dich durchaus auf ein paar ruhigere Tage freust. Wirst du überhaupt abschalten können?

Alexander Nouri: „Ich glaube, ganz verdrängen werde ich die Arbeit nicht können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass oftmals genau dann, wenn man runterfährt und versucht abzuschalten, die Ideen durch den Kopf schießen (lacht). Ich ertappe mich dann, wie ich mir Notizen mache. Aber das macht diesen Job für mich aus. Das zeigt mir, wie gerne ich die Arbeit mache.“

Unermüdlicher Antreiber und Motivator: Alexander Nouri weiß, dass noch viel Arbeit vor den Grün-Weißen liegt (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Zum Glück geht es nach nur zehn Tagen Pause am 02. Januar ja schon wieder los, kurz darauf ins Trainingslager. Woran werdet ihr in Spanien im Speziellen arbeiten und was ist die Marschroute für die Rückrundenvorbereitung?

Alexander Nouri: „Wir wollen uns im Detail verbessern, sprich die Abstimmung verfeinern, die Handlungsvorschriften noch erkennbarer auf dem Platz zeigen und flexibler in der Grundordnung sein. Diese Themen werden uns beschäftigen.“

WERDER.DE: Was sind die erklärten sportlichen Ziele für die Rückrunde?

Alexander Nouri: „Wir wollen das Mannschaftsgefüge stabilisieren und mit größerer Überzeugung spielen. Ein Rückstand hat uns zuletzt nicht mehr umgeworfen. Darum geht es. Wir wollen während des Spiels Nuancen verändern können, auch das System justieren können um den Gegner vor neue Herausforderungen zu stellen. Das muss man sich erarbeiten.“

WERDER.DE: Etwas, was ihr euch bereits teilweise erarbeitet habt, konnte man in den letzten Spielen bereits sehen: die Dreierkette, eine von dir favorisierte taktische Grundordnung.

Alexander Nouri: „Für mich ist es entscheidender, dass wir die Spieler mit ihren individuellen Fähigkeiten bestmöglich auf dem Spielfeld zusammenstellen. Wenn man vier herausragende Offensivspieler hat, geht es darum, sie auf den Platz zu bringen und es spielt eine untergeordnete Rolle, ob das im 4-4-2 oder 3-5-2 geschieht. Für mich sind die Prinzipien wichtiger, in welchen Räumen ich mit wie vielen Leuten verteidigen will, welche Struktur der Spielaufbau haben soll, also wo beispielsweise Anspielstationen geschaffen werden müssen, wo Räume freigezogen werden sollen, welche Räume belaufen werden sollen. Wir haben ja schon in der U 23 mit Dreierkette gespielt, sie ist immer eine interessante Option.“

WERDER.DE: Mit Thomas Delaney steht seit Langem ein wichtiger Neuzugang fest. Was erwartest du von ihm, welche Rolle soll er einnehmen?

Alexander Nouri: „Ich habe mich zweimal mit Thomas getroffen. Er ist ein Spieler, der schon in jungen Jahren viel Verantwortung getragen hat und als Kapitän von Kopenhagen Champions-League-Erfahrung gesammelt hat. Wir haben die Fantasie, dass er uns besser macht. Er hat seine größten Qualitäten auf der Achter-Position, ist zwischen beiden Sechzehnern sehr laufstark, kann selbst torgefährlich werden, arbeitet aber auch sehr aggressiv für die Balleroberung. Thomas ist ein Teamplayer und eine echte Persönlichkeit, die uns gut tun wird. Wir freuen uns auf ihn.“

WERDER.DE: Dein Vertrag läuft bis zum Sommer und es wird bereits viel spekuliert, wie es danach weitergeht. Machst du dir darüber überhaupt schon Gedanken?

Alexander Nouri: „In diesem Punkt habe ich großes Vertrauen in Frank Baumann und die Verantwortlichen im Verein. Wir stehen in engem Austausch, sprechen offen und transparent. Deswegen mache ich mir darüber momentan keine Gedanken. Das lasse ich auf mich zukommen. Im Vordergrund steht die Arbeit mit der Mannschaft.“


 

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