Mertesacker: "Fußball ist oft sehr oberflächlich"

Interview zum Thema Freundschaft

Braucht Freunde um sich, die ihn auch mal hinterfragen: Ex-Werderaner Per Mertesacker (Foto: nordphoto).
Interview
Sonntag, 21.05.2017 // 17:23 Uhr

Von Dominik Kupilas und Felix Ilemann

Vor dem letzten Bundesliga-Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim wurde Clemens Fritz feierlich verabschiedet. Im Sommer wird der Kapitän der Grün-Weißen nach 16-jähriger Profilaufbahn seine Fußballschuhe sprichwörtlich an den Nagel hängen. In dieser Zeit ist er vielen Menschen begegnet, hat Spieler kommen und gehen sehen. Ein ehemaliger Mannschaftskollege hat dabei besondere Spuren hinterlassen: Per Mertesacker. 

WERDER.DE hat sich mit dem ehemaligen Werderaner und aktuellen Kapitän des Premier-League-Klubs FC Arsenal getroffen und ein Gespräch zum Thema 'Freundschaft im Profifußball' geführt. 

Dicke Freunde seit der gemeinsamen Werder-Zeit: Clemens Fritz und Per Mertesacker (Foto: nph).

WERDER.DE: Hat sich Clemens mit dir beraten, ob er seine Karriere als Spieler beenden oder ob er noch weitermachen soll?

Per Mertesacker: "Wir haben uns nicht nur jetzt, sondern auch schon im vergangenen Jahr viel über seine Pläne unterhalten. Clemens hat mir immer sehr offen seine Gedanken mitgeteilt und mich gefragt, wie ich seine Situation sehe. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn ich habe gemerkt, wie wichtig ihm der Austausch mit mir ist und was ihm meine Meinung bedeutet."

WERDER.DE: Welche Ratschläge hast du ihm denn gegeben?

Per Mertesacker: "Als er im vergangenen Jahr seinen Rücktritt rückgängig machen wollte, habe ich ihn darin bestärkt. Denn man konnte spüren, wie sehr es noch in ihm brannte und wie viel Lust er noch hatte, weiter aktiv zu sein und sich zu beweisen. Und ich habe Clemens damals geraten: Zöger nicht zu lange, sondern sag der Öffentlichkeit ehrlich, wie du darüber denkst. Dann werden es die Menschen auch verstehen. Ich wusste allerdings, dass es sowieso seine Stärke ist, ehrlich mit allen Themen umzugehen. Letztlich musste Clemens aber auch jetzt die Entscheidung alleine treffen und für sich beurteilen, was richtig ist. Dass ihm dabei meine Meinung als Freund wichtig war, freut mich sehr."

WERDER.DE: Wie würdest du denn deine Beziehung zu Clemens beschreiben?

Per Mertesacker: „Zwischen uns herrscht eine besondere Verbindung aus der Werder-Zeit. Wir haben fünf Jahre lang ein Zimmer geteilt und sind immer noch sehr gut befreundet. Wir haben uns damals getroffen und es hat von Anfang an gepasst. Im Dezember letzten Jahres habe ich ihn an seinem Geburtstag spontan in Bremen besucht. Ich hatte es mir schon länger vorgenommen und wollte damit zeigen, dass er etwas Besonderes ist.“

WERDER.DE: Sind solche 'besonderen' Freundschaften im Profi-Fußball eine Rarität?

Per Mertesacker: „Das Geschäft ist schnelllebig. Und innerhalb von knapp sechs Jahren, die ich jetzt weg bin, ändert sich eine Mannschaft fast komplett. Mit wem aus der aktuellen Werder-Mannschaft habe ich denn damals noch zusammengespielt? Die kann ich an einer Hand abzählen. Das sind vielleicht noch Claudio Pizarro, Felix Wiedwald und eben Clemens. Das geht so fix, da verliert man sich auf dem Weg schnell. Aus den Augen aus dem Sinn, das ist oft so im Fußball."

WERDER.DE: Macht das manchmal nachdenklich?

Per Mertesacker: „Ich nehme das niemandem übel. Es ist einfach so, dass man eine gewisse Zeit miteinander verbringt und dann geht es in unterschiedliche Richtungen weiter. Aber es kann eben auch passieren, dass es wirklich sehr, sehr gut passt. Und im Fall von Clemens und mir ist das so."

Die Werder-Mitarbeiter Felix Ilemann (li.) und Dominik Kupilas trafen sich mit Per Mertesacker zum Gespräch (Foto: WERDER.DE)

WERDER.DE: Was bedeutet Freundschaft ganz allgemein für dich?

Per Mertesacker: „Ein gewisses Verständnis für die andere Person sollte man mitbringen. Loyalität ist für mich ganz wichtig. Sich gegenseitig weiterzubringen ebenso, aber sich auch mal gegenseitig zu hinterfragen. Das sind alles wichtige Dinge. Im Fußball begegnet man vielen Ja-Sagern und Leuten, die dir Honig um den Mund schmieren. Aber ich brauche Leute um mich, die mich hinterfragen. Das sind dann diejenigen, die ich kurzfristig nicht ganz so gerne habe, die mir aber langfristig weiterhelfen (lacht)."

WERDER.DE: Inwiefern sind dir echte Freundschaften wichtig?

Per Mertesacker: "Im Fußball-Business geht es um viel. Es geht um viel Geld, es sind viele Emotionen im Spiel. Da sind die Beziehungen oft sehr oberflächlich. Dass daraus Freundschaften erwachsen, ist selten. Bei uns war egal, was kam, es war egal, wie sehr wir uns im Training angeschissen haben. Wir haben immer wieder zueinander gefunden und konnten sehr gut differenzieren zwischen den Geschehnissen auf und neben dem Platz. Aber es gibt wenige, bei denen das so gut funktioniert - sich gegenseitig so zu helfen, aber auch anzuscheißen. Das habe ich in diesem Ausmaß nicht so häufig erlebt und deshalb sollte man das, was man hat, auch festhalten."

WERDER.DE: Wie viele Freunde hast du?

Per Mertesacker: "Gute Frage. Wahrscheinlich unter zehn. Und Clemens ist definitiv einer davon (lacht)."

WERDER.DE: Auf Facebook folgen dir allerdings etwa drei Millionen Freunde – wie viele echte sind dabei?

Per Mertesacker: „Das weiß ich nicht, das kann ich nicht sagen (lacht). Aber es ist schön, dass so viele Leute an dir interessiert sind, beziehungsweise etwas von dir mitbekommen wollen. Die Fanzahl ist in den letzten Jahren tatsächlich extrem gewachsen – auch durch meinen Wechsel zu Arsenal, ein Verein, der global eine ganz andere Strahlkraft hat. Und dann möchte und muss man natürlich auch etwas von sich preisgeben. Ich fühle mich gut dabei, wenn sich so viele Menschen für meine Person interessieren. Es ist mir wichtig, mich dann auch authentisch zu zeigen und gut rüberzukommen. Es macht mich stolz, aber ich kann gut damit umgehen – und echte Freunde sind ganz sicher nicht viele dabei."

 

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