"Gehofft, eine Chance zu bekommen"

Ousman Manneh im Interview

In Bremen Nord fand Ousman Manneh sein erstes fußballerisches Zuhause in Deutschland (Foto: WERDER.DE).
Interview
Mittwoch, 28.09.2016 // 16:30 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Mit 17 kam Ousman Manneh als Flüchtling nach Deutschland. Mittlerweile ist er in seinem Heimatland in aller Munde. Als erster Gambier stand Manneh in der Startelf eines Bundesligisten und überhaupt ist er erst der zweite Spieler aus dem westafrikanischen Land, der in Deutschlands höchster Spielklasse zum Einsatz kam. Für ihn ging damit ein Traum in Erfüllung. Beim Blumenthaler SV fand er vor zwei Jahren ein erstes fußballerisches Zuhause in Deutschland, aus dem Wohnheim in Lesum tingelte er jeden Tag zum Training.

Mit WERDER.DE begab sich der 19-jährige Stürmer auf das Trainingsgelände im Bremer Norden, um die Anfänge noch einmal Revue passieren zu lassen. Im Interview verrät Manneh, warum er sich für Werder entschieden hat, wie er den medialen Rummel um seine ersten Einsätze bei den Profis erlebt hat und wie ihm Raphael Kazior und Alexander Nouri auf dem Weg zum Profi geholfen haben.

WERDER.DE: Welche Gedanken kommen in dir hoch, wenn du hier in Blumenthal wieder auf dem Platz stehst?

Ousman Manneh: „Ich kann mich noch gut daran erinnern wie es war, als ich hier jeden Tag trainiert habe. Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein. Das war eine geile Zeit. Ich habe so viele tolle Geschichten erlebt und Menschen kennengelernt.“

Alexander Nouri begleitet Manneh seit dessen erstem Tag bei Werder (Archivfoto: nordphoto).

WERDER.DE: Wie lief das damals ab? Bist du zum Training gegangen und hast gesagt: ‚Hallo, ich bin Ous und möchte hier spielen‘?

Ousman Manneh: „Ich habe im Internet nach einer Mannschaft gesucht. Zunächst habe ich mir Borgfeld und Huchting angeschaut, aber da waren nur fünf Spieler beim Training und da wusste ich: Das ist nichts für mich. Als ich dann Blumenthal gegen Werders U 19 in der Regionalliga gesehen habe, habe ich mir die Nummer eines Blumenthaler Trainers rausgesucht. Der Trainer der 1. Herren hat mir bei Whats App das Probetraining vermittelt. Am nächsten Tag hab ich vorgespielt und wurde genommen. Ich war so froh! Noch heute habe ich mit so vielen Spielern aus Blumenthal Kontakt.“

WERDER.DE: Du hast aber auch schon in deiner Heimat Fußball gespielt. Wie sahen deine ersten Schritte in Gambia aus?

Ousman Manneh: „Mit sieben Jahren habe ich begonnen in der Akademie zu spielen. Da war immer samstags und sonntags Training, aber die Woche über habe ich mit den Jungs aus meiner Straße gekickt. Wir hatten ein richtiges Team und haben natürlich jeden Tag gespielt.“

WERDER.DE: Wer waren damals deine Vorbilder?

Ousman Manneh: „Ich hatte so viele Vorbilder, Zlatan Ibrahimovic zum Beispiel oder Robin van Persie.“

WERDER.DE: Hast du das Gefühl, dass du mittlerweile selbst ein Vorbild geworden bist, vielleicht sogar für junge Flüchtlinge?

Ousman Manneh: „Auf Instagram schreiben mir viele Jungs, dass sie so werden möchten wie ich oder ich ihr Vorbild bin. Ich antworte ihnen dann, dass ich nicht der beste Spieler bin und es auch nie sein werde. Und, dass sie mit harter Arbeit vermutlich mehr erreichen können als ich jemals schaffen werde.“

Ich komme aus Gambia und ich möchte irgendwann für meine Heimat auflaufen.
Ousman Manneh

WERDER.DE: Hättest du jemals gedacht, dass du Fußball-Profi wirst?

Ousman Manneh: „Es war immer mein großes Ziel, irgendwann professionell Fußball zu spielen – egal ob in der Bundesliga, der Premier League oder in Spanien. Ja, ich habe dran geglaubt, dass ich es schaffe, denn ohne die Überzeugung, kann man solche Ziele nicht erreichen. Aber ich bin sehr dankbar, es geschafft zu haben.“

WERDER.DE: Warum hast du dich trotz einiger anderer Angebote für Werder entschieden?

Ousman Manneh: „Als erstes hatte ich ein Probetraining beim HSV, dann bei St. Pauli, bei Schalke und ich sollte auch noch zu Wolfsburg, aber nachdem ich mir alles angeguckt habe, habe ich mir gesagt: Ich wohne seit einem Jahr hier in Bremen, ich kenne die Stadt, ich habe Freunde gefunden, die mir helfen können, und ich gehe hier zu Schule. Warum soll ich weggehen? Außerdem hat Werder viele junge Spieler in die Bundesliga gebracht. Ich habe gehofft, dass ich eines Tages auch eine Chance bekomme.“

Nach Mannehs ersten Testspiel-Einsatz herrschte ein Hype um den Youngster (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Was hättest du gemacht, wenn es nicht geklappt hätte?

Ousman Manneh: „Das ist wirklich keine leichte Frage… Ich bin ein positiver Mensch und habe eigentlich nie darüber nachgedacht, was wäre, wenn ich es nicht schaffe. Ich habe einfach jedes Training mein Bestes gegeben und gehofft, dass es reicht.“

WERDER.DE: Nach deinem ersten U 23-Tor in Rostock und dem Testspiel in Wilhelmshaven, in dem du vier Tore in 15 Minuten geschossen hast, gab es einen riesigen Hype um dich. Wie bist du damit umgegangen, erstmals so in der Öffentlichkeit zu stehen?

Ousman Manneh: „Dieses Spiel gemacht zu haben, war ein großes Gefühl, aber von den ganzen Medien wollte ich gar nichts hören. Ich wollte am liebsten nur schlafen (lacht). Ich bin ein schüchterner Mensch. So viele Freunde haben mir damals geschrieben, dass ich im Fernsehen war. Das ist mir nach wie vor unangenehm. Zum Beispiel auch, wenn Menschen auf der Straße über mich tuscheln. Ich möchte einfach nur Fußball spielen und Spaß haben.“

WERDER.DE: Wie schwer war es, danach für eine lange Zeit wieder in der 3. Liga bei der U 23 spielen zu müssen?

Ousman Manneh: „Natürlich war das erst einmal ein bisschen schwierig. Am liebsten hätte ich sofort mein erstes Profi-Spiel gemacht, aber Geduld gehört dazu. Unser U 23-Kapitän Raphael Kazior hat mir damals erzählt, dass es beim ihm als junger Spieler genau so lief wie bei mir. Er durfte früh bei den Profis mittrainieren und musste auf den ersten Einsatz warten. Er hat mir gut zugeredet und gesagt: ‚Du musst weiter an dich glauben und dich konzentrieren. Denke niemals, du bist nicht gut genug. Gehe weiter! Es kommt deine Chance!‘ Damals habe ich gelernt, dass das Heute nicht alles ist. Es gibt immer ein Morgen!“

WERDER.DE: Welche Rolle hat Alexander Nouri bei deiner Entwicklung gespielt?

Ousman Manneh: „Wenn ich etwas gut mache, guckt er mich nur schweigend an, wenn ich etwas schlecht mache, zählt er mir vor allen Teamkollegen ganz genau auf, was ich alles falsch gemacht habe. Das war ungewohnt, am Anfang war ich oft sauer auf ihn (lacht). Aber ich habe versucht, aus jedem Fehler zu lernen und ihn kein zweites Mal zu machen. Ich weiß jetzt, was er meint. Alex fordert mich. Er sagt, ich habe die Qualität und ich solle etwas daraus machen.“

Gegen Mainz 05 lief der 19-Jährige erstmals in der Bundesliga auf (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Was sind deine Ziele? Hast du den einen großen Traum im Leben?

Ousman Manneh: „Ich wollte immer in der Bundesliga spielen. Das habe ich letzte Woche geschafft. Mein Traum ist es, jetzt ein richtiger Torjäger wie Lewandowski oder Aubameyang zu werden. Ich weiß aber, wie unfassbar schwierig das wird.“

WERDER.DE: Du bist erst der zweite Gambier in der Bundesliga. Bedeutet dir das etwas?

Ousman Manneh: „Das ist sehr wichtig für mich. Aus meiner Heimat hatte es erst ein einziger in die Bundesliga geschafft. Leider war er nach seinem ersten Einsatz verletzt, sein Vertrag lief aus und er hat nie wieder gespielt. Für mich ist allein mit dem Bundesligaeinsatz schon ein Traum in Erfüllung gegangen.“

WERDER.DE: Nervt es dich, immer auf deine Flucht angesprochen zu werden und das Etikett des Flüchtlings zu tragen?

Ousman Manneh: „Als Flüchtling bezeichnet zu werden, ist kein Problem für mich. Ich war einer und ich werde immer einer sein. Aber ich muss nicht immer wieder danach gefragt werden, denn dann erinnere ich mich an das, was passiert ist, an meine Flucht. Dann kommt das alles wieder hoch.“

WERDER.DE: Könntest du dir vorstellen, für die Nationalmannschaft deines Heimatlandes zu spielen?

Ousman Manneh: „Jeder hat den Wunsch für seine Heimat zu spielen. Ich bin noch jung, ich habe noch Zeit. Klar ist aber: Ich komme aus Gambia und ich möchte irgendwann für meine Heimat auflaufen.“