Europa für Hertha ganz nah – trotz eklatanter Auswärtsschwäche

Anschwitzen – Hertha BSC vor dem Gastspiel im Weser-Stadion

Der international erfahrene Salomon Kalou ist eine Offensivstütze bei Hertha BSC (Foto: Nordphoto).
Profis
Samstag, 29.04.2017 // 09:30 Uhr

von Maximilian Hendel

Pál Dárdai ahnte natürlich, dass er auch vor der anstehenden Reise ins Weser-Stadion unweigerlich auf die weiterhin eklatante Auswärts-Negativserie angesprochen werden würde, die sein Team seit beinah fünf Monaten verfolgt. „Eine Frage, die wir dir nicht ersparen können“, wie ein anwesender Berliner Journalist auf der Donnerstagspressekonferenz von Hertha BSC fast schon entschuldigend seine anschließende Erkundigung einleitete, ertrug der ungarische Cheftrainer stoisch: „Achtmal in Folge verloren, was habt ihr euch für dieses Mal vorgenommen?“

So sehr sie ein mögliches neuntes Mal selbstverständlich vermeiden wollen, machten die sportlichen Verantwortlichen der ‚Alten Dame’ allerdings erst gar keinen Hehl aus der bevorstehenden, „wahnsinnig schwierigen“ Aufgabe, als die sie Michael Preetz auswies. Für Herthas Geschäftsführer Sport sind „die Rollen klar verteilt“. Am heutigen Samstag, 29.04.2017, um 15.30 gegen Werder Bremen „spielt die Mannschaft der Stunde gegen jene, die auswärts momentan nicht jede Woche überrascht. Insofern fahren wir da nicht als Topfavorit hin.“

Michael Preetz: „Die Rollen sind klar verteilt“

Schon mehrmals kreuzten sich die Wege von Claudio Pizarro und Pál Dárdai. Während ersterer weiterhin für Werder angreift, ist Dárdai seit 2015 Berlins Cheftrainer (Foto: Nordphoto).

Neben der gegenwärtig latenten Erfolglosigkeit außerhalb ihres heimischen Olympiastadions erschließt sich dem 49-Jährigen jener Eindruck vor allem aufgrund der erheblichen Verletztenmisere. Nachdem sich in der zurückliegenden Trainingswoche mit Innenverteidiger John Anthony Brooks (Muskelfaserriss im Hüftbereich) und Linksverteidiger Marvin Plattenhardt (Muskelfaserriss im Oberschenkel) zwei Korsettstangen der Viererabwehrkette noch alles andere als Kurzzeitblessuren zugezogen hatten, vergrößerte sich das Personallazarett im Kader auf unter anderem sechs potentielle Leistungsträger. Niklas Stark schlägt sich mit einer Belastungsreaktion im rechten Fuß herum, während auch Fabian Lustenberger (Aufbau nach Schambeinentzündung) oder Valentin Stocker (Oberschenkelprobleme) ebenso wenig einsatzbereit sein werden wie Rechtsaußen-Offensivantreiber Mitchell Weiser (Aufbau nach Muskelfaserriss im Oberschenkel). Immerhin hat Pál Dárdai angesichts der aktuell erschwerten Voraussetzungen seinen Humor keineswegs verloren. „Wir haben mit 20 Spielern plus Torhütern gearbeitet und mit 20 Spielern und gesunden Torhütern das Training abgeschlossen. Das war eine schöne Einheit, sogar mit ein wenig Sonne“, berichtete Herthas Rekordbundesligaspieler etwa über die vorletzte Übung der Woche am Donnerstag.

Jene „schöne Einheit“ attestierte der Fußballlehrer weniger aufgrund der angenehmen Wetterbedingungen, denn vielmehr weil ihm die Trainingsqualität seines Teams überzeugen konnte. Angesichts des neuerlichen Umstellungsbedarfes allen voran in der Defensivreihe gab es genügend taktisch fokussierte Inhalte einzustudieren. „Das hat gut ausgesehen“, lobte der 41-Jährige ausdrücklich. In Bremen „wollen wir nicht tief stehen und bis zur Grundlinie zurückfallen“, versicherte der Berliner Cheftrainer. Elementar dafür sei, „gut organisiert und mit guten Abständen“ zu agieren, „im gemeinsamen Block gut verteidigen“ und darüber hinaus „nicht irgendwie, sondern richtig anzulaufen.“ Soll heißen: „Wir brauchen jeden Spieler und dessen volle Konzentration. Alle müssen antizipieren, taktische Disziplin einhalten, die Wege gehen und Räume eng machen – über mehr als 90 Minuten. Werder hat einen richtig guten Lauf, aber wir sind vorbereitet.“

Torunarigha und Mittelstädt winkt die Startelf

Gegen Werder winkt Herthas Eigengewächs Jordan Torunarigha der zweite Startelf-Einsatz in der Bundesliga (Foto: Nordphoto).

Nun kommt es darauf an, ob und wie ausdauernd die Herthaner diese klar definierten Vorgaben dann auch tatsächlich vor ausverkauftem Haus bei den Grün-Weißen umsetzen können. „Das Bremer Publikum macht einen wahnsinnigen Rabatz, das ist eine tolle Atmosphäre“, hob Michael Preetz noch hervor und ergänzte ebenso deutlich: „Aber ehrlich gesagt, wir freuen uns darauf; auch die jungen Spieler unter Wettkampfbedingungen und diesem großen Druck zu sehen. Wir werden auf jeden Fall etwas mitnehmen, wissen nur noch nicht, ob es mehr Erfahrungen oder mehr Punkte sind.“ Die zwei freien Positionen in der letzten Reihe wird Pál Dárdai aller Voraussicht nach mit den beiden Jungprofis Jordan Torunarigha (19/Innenverteidiger) und Maximilian Mittelstädt (20/Linksverteidiger) besetzen. Zentral davor könnte der ebenfalls erst 20-jährige Brasilianer Allan wie zuletzt hintereinander in Mainz (0:1) sowie beim 1:0-Heimerfolg über Wolfsburg erneut mit Per Skjelbred die Doppel-Sechs ausfüllen.

Jedoch trotz der bekannten Berliner Auswärtskalamitäten, ihren zusätzlichen Verletzungssorgen und des ausgesprochen demonstrativen Understatements der Verantwortlichen wähnt Werders Cheftrainer Alexander Nouri seine Mannschaft unter nachvollziehbar keinen Umständen in vermeintlicher Sicherheit. „Wenn ich auf die Tabelle schaue, ist Hertha fünfter. Sie spielen bislang eine tolle Saison und verfügen über genug Qualität und Alternativen. Wir haben es in den vergangenen Wochen auch oft bewiesen und immer wieder fehlende Leistungsträger aufgefangen.“ Mit 46 Punkten besitzt Hertha BSC die beste Ausgangsposition für eine direkte Europa-League-Qualifikation. Norwegens Nationalkeeper Rune Jarstein hütet das Tor der viertbesten Bundesligadefensive, im Mittelfeld zieht das nimmermüde Konditionsereignis Vladimir Darida die Fäden, während im Angriff sowohl Salomon Kalou (6 Saisontore/5 Assists) als insbesondere auch Kapitän Vedad Ibisevic (12 Saisontore/4 Assists) nur darauf lauern, jede noch so kleine Bremer Unachtsamkeit auszunutzen. Alexander Nouri weiß daher nur allzu gut: „Wir sollten uns nicht dazu verleiten lassen, dass wir nicht an unsere Grenzen gehen müssen.“