Zurück ans Limit nach zwei Lehrstunden

Anschwitzen - Borussia M'Gladbach im Fokus

Szene aus Werders letztem Gastspiel: Maximilian Eggestein verfolgt Gladbachs Ibrahima Traoré (Foto: Nordphoto).
Profis
Samstag, 17.09.2016 // 09:00 Uhr

von Maximilian Hendel

Jetzt, da die neue Saison endgültig richtig Fahrt aufnimmt,

sind Verschnaufpausen im dichten Terminkalender einstweilen rar gesät. Dennoch

hätte Borussia Mönchengladbachs Cheftrainer André Schubert seinem Team vor der

heutigen Abendpartie des dritten Bundesligaspieltags (18.30 Uhr, Borussia-Park)

gegen Werder Bremen nur zu gern ein kurzes Abschalten gewährt. „Eigentlich war

mal der Donnerstag angedacht“, gestand er auf der gestrigen Pressekonferenz; angesichts

des denkwürdig kuriosen wie mühseligen Champions-League-Trips unter der Woche

zu Manchester City ein äußerst nachvollziehbares, aber genau deswegen eben auch

nicht realisierbares Anliegen.

Heftige Niederschlagskapriolen hatten kurz vor Anpfiff den eigentlichen Dienstagabendtermin gekippt und um punktgenau 24 Stunden aufgeschoben. Der ausdrückliche Wunsch des Bundesligisten, den Anstoß wenigstens auf den frühen Mittwochabend anzusetzen, wurde nicht erhört. Ganz zu schweigen von hektischen Neuplanungen in puncto Übernachtung und Abreise sowie der gehörig über den Haufen geworfenen Vorbereitung auf das Aufeinandertreffen mit den Bremern.

Denkwürdig kuriose Reise nach Manchester

Seit September 2015 im Amt: Gladbachs Cheftrainer André Schubert (Foto: Nordphoto).

Bei allem Unbehagen gegenüber der Hauruck-Neukoordinierung, unter der vor allem die weit gereisten Gladbacher zu leiden hatten: „Wir können es nicht ändern und müssen Profis genug sein, damit müssen wir umgehen“, wusste Schubert. Der Klub und seine mitgefahrenen Fans bewiesen derweil imponierend enge Bande. Hunderte Anhänger improvisierten kurzerhand, um das Spiel trotz abgelaufener Unterkünfte oder Job-Verpflichtungen nicht zu verpassen. Sportdirektor Max Eberl bedankte sich nachher bei allen per Handshake. Das Eintrittsgeld übernahm die Borussia. Doch bereits frühzeitig zeichnete sich ab, dass das sportliche Kräftemessen der Gladbacher mit einem der „europäischen Top-Fünf Klubs“ (O-Ton Schubert) ein allzu ungleiches werden sollte. „City ist mit einer unglaublichen Wucht, Wahnsinnsphysis und unheimlichen Geschwindigkeit gekommen“, blickte der Gladbacher Cheftrainer am Freitag noch beeindruckt zurück.

Als Ausnahmeangreifer Sergio Aguero in der Schlussphase seinen Dreierpack geschnürt hatte, beschwor Borussias offizieller englischsprachiger Twitter-Kanal galgenhumorig: „Please announce rain“. An Kelechi Iheanacho ging das vorüber. Er setzte kurz vor Abpfiff den 4:0-Schlusspunkt für Pep Guardiolas ‚Citizens’. „Wenn wir so eine Mannschaft ärgern wollen, müssen wir in allen Bereichen am Limit sein - athletisch, physisch, technisch, taktisch und vom Kopf her. Das waren wir nicht“, blieb André Schubert bloß zusammenzufassen. Aber immerhin auf einen wirkungsvollen Effekt vertraut der 45-Jährige: „Es ist wunderbar, von den Besten zu lernen. Das konnten wir am Mittwoch.“ Was den gleich wieder anstehenden Punktspielalltag betrifft, scheinen die Vorzeichen nunmehr grundlegend umgekehrt. Wobei Schubert beim entsprechenden Hinweis eines Journalisten auf Gladbachs anzunehmender Favoritenrolle gegen Werder schier intuitiv erst einmal tief einatmete.

Schubert: „Können niemanden mit 90 Prozent bespielen“

Raffael ist kreativer Fixpunkt in Borussias Offensive (Foto: Nordphoto).

Denn mindestens weiterhin genauso präsent wie die jüngste Lehrstunde in der Königsklasse bleibt auch das zurückliegende Bundesligawochenende. Völlig gerechtfertigt war dabei das Gastspiel der Elf vom Niederrhein beim phasenweise rauschhaft aufspielenden Aufsteiger SC Freiburg 1:3 verloren gegangen. Umso deutlicher versucht Cheftrainer Schubert, seiner Mannschaft augenblicklich die Sinne zu schärfen: „Es gibt keinen Gegner in der Bundesliga, den wir mit 90 Prozent bespielen können. Das geht in die Hose. Wir müssen Vollgas geben von der ersten bis zur letzten Minute, müssen die Dinge umsetzen, die uns stark machen.“ An richtig guten Tagen entwickeln die Gladbacher dann aus all ihren kreuzgefährlichen, ständig rotierenden Offensivreihen heraus eine derartige Unberechenbarkeit und Euphorie, der sich nicht zuletzt im heimischen Borussia-Park die wenigsten Kontrahenten erwehren können. Saisonübergreifend gewann Gladbach die letzten acht Bundesliga-Heimspiele in Serie.

Doch sobald - Schubert hat es betont und vor allem Christian Streichs Freiburger imponierenden Anschauungsunterricht geboten – seiner Elf im Spielverlauf schon wenige Prozente an Eifer, Bereitschaft und Konzentration abhanden kommen, gerät ihr offensiver Stil zur tückischen Gratwanderung, den in letzter Konsequenz die defensive Dreierkette leidvoll zu spüren bekommt. Zur Stammkraft in jener für ihn noch ungewohnten Positionskonstellation ist Werders Abgang Jannik Vestergaard indes noch nicht geworden. (Schubert: „Er weiß, dass es gewisse Dinge gibt, gewisse Laufwege, Abstimmungsgeschichten, an denen er arbeiten muss.“). Nichtsdestotrotz ist sein erster Startelfeinsatz überhaupt gegen die alten Kollegen nicht ausgeschlossen. Vor der Entscheidung über die Anfangsformation stimmte das Gladbacher Trainerteam am Freitag die eigenen Spieler zunächst allerdings mittels Videoanalyse auf die Grün-Weißen ein: „Da konzentrieren wir uns darauf, wie sie in den ersten Spielen gespielt haben.“ Dass sich die Bremer ihrerseits weitaus besser präsentieren wollen als auf dem angesprochenen Videomaterial, ist ebenso selbstverständlich.