"Claudio ist der bessere Torjäger"

Doppel-Interview mit Bode und Pizarro

Rekordhalter: Claudio Pizarro und Marco Bode erzielten je 101 Bundesliga-Treffer für Werder (Foto: WERDER.DE).
Profis
Montag, 21.03.2016 // 14:32 Uhr

Das Interview führte Dominik Kupilas

Diese Marke haben erst zwei Werder-Legenden in fast 53 Jahren geknackt: über hundert Tore für den SV Werder Bremen in der Bundesliga zu schießen, das schafften nur Marco Bode und Claudio Pizarro. Am Samstag gegen Mainz zog Pizarro mit Bode gleich, mit je 101 Treffer halten die beiden jetzt gemeinsam den Bundesliga-Tore-Rekord an der Weser. 

WERDER.DE brachte den Aufsichtsratsvorsitzenden und den Torjäger vom Dienst zum ausführlichen Doppel-Interview in der Spieler-Loge des Weser-Stadions zusammen. Umgeben von den Helden der Werder-Historie blicken die beiden Rekordhalter im ersten Teil des Interviews auf die Aufholjagd des Peruaners, Angst vor der bröckelnden Bestmarke und einen besonderen Aufsichtsratsbeschluss.

WERDER.DE: Es waren turbulente Wochen für dich Claudio. Du hast sechs Tore in deinen letzten vier Spielen erzielt, musstest das Gastspiel bei deinem Ex-Klub verletzungsbedingt von der Tribüne aus verfolgen und konntest am Samstag den Rekord von Marco Bode einstellen. Hast du die ganzen Eindrücke schon verarbeitet?

Claudio Pizarro: „Es war wirklich viel los. Wir brauchten Punkte, wir brauchten Siege, wir brauchten Tore. Darüber haben wir sehr viel gesprochen in den letzten Wochen. Vor allem die "Englische Woche" war sehr wichtig für uns. Dass ich seit Samstag mit Marco gleichgezogen bin, bedeutet mir sehr viel. Aber ich hatte gehofft, das wir gewinnen, wenn ich mein Rekordtor schieße. Das hat leider nicht geklappt.“

Das Duo hatte sichtlich Spaß beim Interview mit WERDER.DE (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: An dieser Stelle natürlich unseren Glückwunsch zum 101. Tor. Ich kann mir gut vorstellen, dass du es nicht bei den 101 Toren belassen wirst?!

Claudio Pizarro: Nach der Länderspielpause möchte ich weitere Tore für Werder schießen, damit die anderen nicht so schnell an mich herankommen (lacht). 

WERDER.DE: Und wie fühlt es sich an, im „Klub der Hunderter“ zu sein?

Claudio Pizarro: „Es ist immer wichtig und besonders, wenn man viele Tore schießen. Ich habe nicht gedacht, dass ich in der Zeit so viele Tore schießen kann. Aber so ist das im Fußball, es kommt in jedem Spiel was neues, man muss immer versuchen zu treffen. Ich freue mich sehr, dass es zuletzt so gut geklappt hat. Und wie ich eben schon sagte, ist es eine große Ehre für mich, Werders Rekordtorschütze zu sein.“

WERDER.DE: Bisher warst du das einzige Mitglied in diesem Klub. Richtet ihr jetzt einen eigenen Stammtisch ein?

Marco Bode: „Ja, wir machen jetzt einen Hunderterklub auf (lacht). Claudio ist ja deshalb zu Werder zurück zu kommen, um diesen Rekord zu knacken. Insgesamt hat er in der Bundesliga fast doppelt so viele Tore erzielt wie ich, er ist ein großartiger Torjäger. Und ich habe Tony Ujah auch schon gesagt, dass er den Rekord von Claudio klauen kann, wenn er jetzt zehn Jahre hier bleibt.“

WERDER.DE: Mal ehrlich, Claudio: Hättest du es für möglich gehalten, dass du es schaffst, den Rekord von Marco anzugreifen? Und wann hast du begonnen, ernsthaft daran zu glauben?

Claudio Pizarro: „Nein, wirklich nicht. Daran habe ich nicht geglaubt. Ich war natürlich schon relativ nah dran als ich im Sommer hierher zurückgewechselt bin. Und wenn dich dann alle Journalisten darauf ansprechen, sagt man irgendwann natürlich nicht mehr nein.“

An dieser Stelle natürlich trotzdem unseren Glückwunsch zum 101. Tor. Ich kann mir gut vorstellen, dass du es nicht bei den 101 Toren belassen wirst?!

Claudio hält sich nicht an den Aufsichtsratsbeschluss
Marco Bode

WERDER.DE: Dachtest du eigentlich deine 101 Tore sind ein Rekord für die Ewigkeit, Marco? Oder war dir klar, dass dieser Tag kommen wird?

Marco Bode: „Ich habe es halb gehofft und halb befürchtet. Meine Tochter hat dagegen sofort gesagt, dass Claudio den Rekord nicht brechen darf. Ihr ist der Rekord wichtiger als mir. Ich bin froh, wie sich diese Saison für Claudio entwickelt hat und habe ein Stück weit gehofft, dass er es schafft. Er hat einige Wochen gebraucht, um reinzukommen, die Wintervorbereitung hat ihm dann extrem gut getan. Er ist jetzt auf einem super Niveau und in der Lage, uns dabei zu helfen, unsere Ziele zu erreichen. Das freut mich. Und wenn er mir nebenbei den Rekord ‚klaut‘, dann muss ich das schlucken.“

WERDER.DE: Wie hast du die letzten Tore von Claudio erlebt? Pure Freude über die damit verbundenen Punkte oder auch ein, zwei Gedanken an den wackelnden Rekord?

Marco Bode: „Ich war ja in Leverkusen bei dem Spiel dabei, als Claudio drei Tore gemacht hat und bin bei jedem Tor auch aufgesprungen. Beim Elfmeter hätte ich mir allerdings gewünscht, dass mal ein anderer schießt. Das gilt auch für vergangenen Samstag gegen Mainz. Zumal es auch einen Aufsichtsratsbeschluss gibt, der besagt, dass Claudio keine Elfmeter schießen darf, weil ich sie auch nicht schießen durfte (lacht). Aber sei es drum, er hält sich einfach nicht daran.“

Marco Bode spielte in seiner gesamten Karriere nur für den SV Werder (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Hand aufs Herz, Marco: Hättest du der erneuten Verpflichtung von Claudio überhaupt zugestimmt, wenn du das hättest kommen sehen?

Marco Bode: „Ich habe ihr zugestimmt und hatte es da auch schon befürchtet. Er war damals mit 89 Werder-Toren am Start und zwölf Treffer sind für einen Stürmer dieser Klasse in einer Saison durchaus erreichbar.“

WERDER.DE: Kannst du uns als ehemaliger Top-Stürmer erklären, was Claudio so besonders macht?

Marco Bode: „Er hat alles: eine großartige Technik, einen super Abschluss, den Instinkt am richtigen Platz zu stehen. Das Beobachten des Spiels ist etwas, das gute Fußballer lernen oder aus der Jugend heraus mitbringen. Man muss aufmerksam sein, auch wenn der Ball nicht in der Nähe ist. Und das kann Claudio. Er hat wirklich kaum Schwächen.“

WERDER.DE: Habt ihr euch eigentlich im Vorfeld mal über den Rekord und die Rekordjagd ausgetauscht? Oder spielte das bislang keine Rolle?

Claudio Pizarro: „Nicht wirklich. In den letzten Wochen haben wir darüber gesprochen, weil ich nah herangekommen bin. Davor ging es für uns alle nur darum, aus der schwierigen Situation rauszukommen.“

WERDER.DE: Nachdem du nun mit Marco gleichgezogen bist - was würde der alleinige Rekord für dich bedeuten, Claudio?

Claudio Pizarro: „Die Nummer eins aller Werder-Torschützen zu sein, wäre natürlich etwas ganz besonderes für mich und meine Karriere. Keine Frage.“

WERDER.DE: Gibt es dann denn eigentlich noch irgendwelche Rekorde, die du noch brechen kannst?

Claudio Pizarro: „Keine Ahnung, damit beschäftige ich mich nicht. Die Journalisten kommen zu mir und sagen mir, welchen Rekord ich brechen kann. Dann weiß ich das. Sicher ist, dass ich den Rekord von Gerd Müller nicht mehr schaffen werde (lacht)."

WERDER.DE: Was ist euer größtes Torjäger-Geheimnis. Gibt es eine Spezialzutat dafür? Habt ihr DEN einen Tipp bekommen?

Marco Bode: „Wenn man ehrlich ist, ist Claudio ein ganz anderer Spielertyp, ein Torjäger im besten Sinne. Ich hatte mal einen Taxifahrer, der mir gesagt hat: ‚Marco, du warst ein guter Spieler, aber für jedes Tor, das du erzielt hast, weiß ich mindestens eine Szene, in der du blind daneben geschossen hast‘ (lacht). Ich war kein Torjäger, sondern habe eher aus dem Mittelfeld heraus agiert. Aber ich wollte wirklich immer mit vor‘s Tor, weil Toreschießen am meisten Spaß macht am Fußballspielen. Deswegen bin ich selbst mit nach vorne gelaufen, wenn die Trainer mich hinten links aufgestellt haben. Ich hab nur so viele Tore erzielen können, weil ich durchgängig für Werder gespielt habe. Claudio hat ja für Bayern und Chelsea auch noch einige Treffer erzielt. Er ist der bessere Torjäger, ohne jeden Zweifel.“

 

Im zweiten Teil des großen Doppelinterviews, das am Mittwoch auf WERDER.DE erscheint, sprechen Bode und Pizarro über sechs gemeinsame Tore in einem einzigen Spiel, Vereinstreue und die Weltmeisterschaft als Höhepunkt zum Karriereende.

 

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