"Ich möchte Denkanstöße geben"

Interview mit Johannes Strate

Rhytmus und Werder im Blut: Revolverheld-Frontsänger Johannes Strate (Foto: nordphoto).
Profis
Freitag, 26.02.2016 // 15:56 Uhr

Das Interview führte Martin Lange

Johannes Strate gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Musikern Deutschlands. Davon profitiert seit kurzem auch der SV Werder Bremen. Im Interview für WERDER.DE und das WERDER MAGAZIN spricht Strate über seine Funktion als WERDER BEWEGT-Botschafter und seine Liebe zu den Grün-Weißen.

WERDER.DE: Johannes, warum hast du zugesagt, WERDER BEWEGT – LEBENSLANG als Botschafter zu unterstützen?

Johannes Strate: "Ich bin mit Werder aufgewachsen und Werder-Fan, so lange ich denken kann. Das soziale Engagement des Vereins ist einzigartig und beeindruckend. Es ist für mich eine große Ehre, meinen Herzensverein als Botschafter zu unterstützen."

Die WERDER BEWEGT-Botschafter beim Treffen der "Denkfabrik" (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Du engagierst dich für das Themengebiet ‚lebenslang umweltbewusst‘. Was möchtest du in diesem Bereich als Botschafter bewirken?

Johannes Strate: "Werder ist in Sachen Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit Vorreiter in der Bundesliga. Niemand außer uns hat eine riesige Photovoltaik-Anlage auf dem Stadiondach. Wir produzieren so viel nachhaltige Energie wie wohl kein anderer Club in Europa. Diese Spitzenposition wollen wir in den kommenden Jahren verteidigen. Dabei dürfen wir uns nicht mit dem Geleisteten zufriedengeben, sondern müssen uns in Sachen Nachhaltigkeit noch breiter aufstellen. Ich denke, dass es noch viele Bereiche gibt, in denen wir an diesem Thema arbeiten können."

WERDER.DE: Welche Bedeutung hat umweltbewusstes Leben für dich persönlich?

Johannes Strate: "Wenn nicht jeder anfängt, etwas netter zu unserem Planeten zu sein, dann gehen wir in ein paar Hundert Jahren unter – oder schon früher. Wir beuten unsere Natur derart aus, dass unbedingt ein Umdenken stattfinden muss. Werder ist hier vorbildlich. Und auch mit unserer Band unterstützen wir seit längerer Zeit Projekte, sei es für sauberes Wasser in der Dritten Welt oder allgemein für Nachhaltigkeit. Daher beschäftige ich mich mit diesem Thema schon seit vielen Jahren und bin zwar kein Profi, kenne mich aber ganz gut aus."

WERDER.DE: Die WERDER-BEWEGT-Botschafter haben sich Ende des vergangenen Jahres im Weser-Stadion zu einer sogenannten ‚Denkfabrik‘ getroffen. Was hast du von dieser Zusammenkunft mitgenommen?

Johannes Strate: "Eines vorweg: Es war ein sehr spannendes Treffen. Ich war in einer Arbeitsgruppe mit Klaus-Dieter Fischer und Moritz Rinke. Mit beiden hatte ich vorher noch nie länger gesprochen. Moritz Rinke ist ein sehr interessanter Mensch, ein toller Autor. Und Klaus-Dieter Fischer ist eine Werder-Legende. Mit ihm habe ich mich sehr lange unterhalten und finde, dass er sehr viele gute und moderne Ansichten und Ansätze hat. Ich teile seine Visionen, was mit Werder in den nächsten Jahren passieren sollte. Wir müssen mit einem modernen Weg zu alter Stärke zurückfinden. Und eines muss ich dazu noch sagen: Für mich ist es immer wieder toll, Thomas Schaaf zu treffen. Er war schon mehrfach bei unseren Konzerten, ist mittlerweile so etwas wie ein Vertrauter. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt. Und auch wenn er jetzt in Hannover arbeitet, ist und bleibt er ein Super-Typ und eine Riesen-Persönlichkeit."

WERDER.DE: Welche ganz besonderen Eigenheiten sollte sich Werder auch in Zukunft bewahren?

Johannes Strate: "Wir haben in der Bundesliga unglaublich hohe Sympathiewerte. Viele mögen unseren Club – ganz sicher für die Art und Weise, wie wir wirtschaften, dafür, dass wir tolle Spielerpersönlichkeiten und immer eine gewisse Kontinuität hatten. Wir pflegen die hanseatische Zurückhaltung, sind kein Werks-Club und nicht mit der ‚dicken Hose‘ unterwegs wie andere. Wir haben kein ständiges Chaos wie der HSV, bei dem immer alles nach außen getragen wird. Es ist wichtig, dass wir unser sympathisches Image bewahren. Aber es ist auch wichtig, dass wir die Zeichen der Zeit erkennen. Wir brauchen Geld. Und auch wenn es mir als Fan nicht gefallen würde, ist es doch klar, dass in dieser Situation zum Beispiel über den Verkauf der Namensrechte fürs Weser-Stadion nachgedacht werden muss. Ich sehe mich als Botschafter durchaus in der Verantwortung, Denkanstöße zu geben."

WERDER.DE: In eurer Band hältst du die Werder-Fahne hoch und verteidigst sie gegen einige HSV-Fans…

Johannes Strate: "Auch einen Hertha-Fan haben wir. Der hat im Moment natürlich gut lachen. Wenn wir zusammen sind, diskutieren wir viel über Fußball. Aber auch die HSV-Fans bei uns sagen: ‚Wir wollen nicht, dass Werder absteigt. Es ist ein Traditionsclub, der in die Liga gehört. Diese Rivalität tut der Bundesliga gut.‘ Es bleibt bei uns auch bei diesen Diskussionen immer freundschaftlich. Allerdings gucken wir das Nordderby nie zusammen. Denn das wäre dann sicher nicht mehr ganz so freundschaftlich (lacht)."

Steht für Werder ein: der gebürtige Bremer Johannes Strate (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Ein Werder-Erlebnis, an das du dich ganz besonders erinnerst?

Johannes Strate: "Als erstes muss ich immer daran denken, wie ich 2004 am Bremer Flughafen stand, der Flieger aus München landete und Thomas Schaaf aus dem Cockpit die Werder-Fahne schwenkte. Ich war damals 24 Jahre alt, Werder hatte gerade in München den Meistertitel klar gemacht, ich bin mit meinen Kumpels zum Flughafen gefahren, und wir waren alle sternhagelvoll. Wie Ivan Klasnic damals bei seinem Tor OIiver Kahn umkurvt hat und Uli Hoeneß einen hochroten Kopf hatte – das sind Bilder, die ich nie vergessen werde. Wunderschön!"

WERDER.DE: Wie lebst du heute deine Leidenschaft für Werder aus?

Johannes Strate: "Ich versuche, so oft wie möglich ins Stadion zu gehen, habe aber leider nicht immer Zeit. Ich habe auch schon mal in New York im letzten Moment eine Möglichkeit aufgetan, ein Werder-Spiel zu gucken. Außerdem versuche ich mich im Internet über Statistiken zu informieren, über Transfermarktgerüchte. Ich habe auch ein paar Trikots, aber es ist nicht so, dass unsere Wohnung mit lauter Werder-Utensilien geschmückt ist oder die Wände grün-weiß gestrichen sind. Wenn ich in Hamburg ausgehe, passe ich allerdings schon auf, dass ich nicht blau-weiß angezogen bin… (lacht)"

WERDER.DE: Schaffst du es, deinen drei Jahre alten Sohn Emil auf den Werder-Weg zu führen, obwohl ihr in Hamburg wohnt?

Johannes Strate: "Er hat überhaupt keine andere Chance. Er sagt jetzt schon: HSV ist doof (lacht). Und er geht in eine Kita auf St. Pauli. Das passt gut, denn alle Väter dort kommen entweder aus einer anderen Stadt und haben daher ihren Lieblingsclub oder sind eben Fans des FC St. Pauli. Wenn Emil irgendwann sagen würde, dass er den FC St. Pauli ganz toll findet und zu einem Spiel will, dann könnte ich damit leben. Ich gebe zu: Die Suche nach der richtigen Lage der Kita war nicht ganz ohne Hintergedanken (lacht)."

Ich hatte Angst vorm Ball. Der Trainer hat gesagt: Vergiss es, das ist nicht dein Sport!
Johannes Strate

WERDER.DE: Im Rahmen eurer Tour macht ihr am 16. März – einen Tag vor deinem Geburtstag – in Bremen Station…

Johannes Strate: "…und wir freuen uns sehr darauf! Wir spielen in der ÖVB-Arena, eine Riesensache für uns. Bisher waren wir immer im Pier 2. Natürlich werden viele Freunde von mir da sein. Auch Felix Wiedwald hat sich mit seiner Frau, die, wie ich gehört habe, großer Fan ist, angekündigt. Vielleicht kommt Thomas Schaaf, auch von Marco Bode und Thomas Wolter habe ich gehört, dass sie Lust haben, dabei zu sein. Das wird eine interessante Runde. Ich freue mich natürlich, dass ich mit meinen alten Kumpels in meinen Geburtstag reinfeiern kann. Am nächsten Tag geht es dann weiter nach Berlin."

WERDER.DE: Und demnächst füllt ihr mit einem Open Air das Weser-Stadion?

Johannes Strate: "Das ist sicher ein Lebenstraum. Da würde es mir auch nichts ausmachen, wenn er erst in 30 Jahren in Erfüllung geht. Einige meiner ersten Konzerte habe ich damals im Weser-Stadion erlebt, zum Beispiel mit Bon Jovi. Aber für uns ist das noch ein sehr weiter Weg. Und die ÖVB-Arena ist für den Moment schon mal richtig geil."

WERDER.DE: Wigald Boning, auch WERDER-BEWEGT-Botschafter, hat neulich in einem Zelt im Mittelkreis des Weser-Stadion übernachtet. Wäre das auch was für dich?

Johannes Strate: "Spektakulär! Eine witzige Idee! Ich könnte mir das auch vorstellen. Das macht schon was her im Lebenslauf (lacht). Aber nun hat er es schon getan. Und ich bin niemand, der Dinge nachmacht."

WERDER.DE: Musisches Talent ist dir in die Wiege gelegt und wie man weiß sehr ausgeprägt. Wie ist es mit sportlichem Talent?

Johannes Strate: "Ich habe als Kind versucht, beim FC Worpswede Fußball zu spielen. Aber ich hatte Angst vorm Ball, und der Trainer hat zu mir gesagt: Vergiss es, das ist nicht dein Sport. Eigentlich schade, damals war ich sieben, und vielleicht wäre es ja doch etwas geworden. Der Tour-Alltag bringt es mit sich, dass man mal ein Gläschen Wein oder ein Bier trinkt oder sich nicht ganz so gesund ernährt. Da muss man jenseits der 30 dann schon mal gegensteuern. Deshalb mache ich ein bisschen Fitness und jogge, damit ich nicht völlig auseinandergehe. Ich habe allerdings leider keinen Sport, den ich richtig gut beherrsche, so dass es vielleicht sogar Sinn machen würde, ihn in einer Liga zu betreiben."

WERDER.DE: Nehmt ihr während der Tour oder im Studio schon mal zur Entspannung den Fußball und kickt ein bisschen?

Johannes Strate: "Das kommt tatsächlich vor. Wir haben auch schon an Charity-Spielen teilgenommen. Und ich kann mich erinnern, dass ich da sogar mal ein Tor geschossen habe. Aber wenn wir so etwas machen, zählt in erster Linie der Spaßfaktor."

WERDER.DE: Der Profi-Fußball ist heute ein riesiges Geschäft, und es geht um mehr als 22 Leute, die 90 Minuten auf dem Rasen einem Ball hinterherrennen. Mit welchen Gedanken beobachtest du diese Entwicklung?

Johannes Strate: "Ich bin durchaus kritisch. Und ich finde es beschämend, wenn ich von den Diskussionen über Korruption bei der FIFA und beim DFB höre. Die Durchführung einer WM in Katar finde ich richtig schlimm. Allerdings weiß ich, dass ich mir die Spiele auch anschauen werde, wenn sie dort stattfinden. Aber es gibt tatsächlich zu viele negative Dinge, die den Fußball heutzutage begleiten. Ich will gar nicht wissen, was hinter den Kulissen noch alles los ist und nicht an die Öffentlichkeit gelangt. Ich kenne viele Fußballer, die noch einen großen Idealismus mitbringen und Werte vertreten, für einen Sieg alles geben und sich nicht kaufen lassen. Aber bei einigen Funktionären der Verbände ist aus meiner Sicht Skepsis angesagt. Ich möchte daran glauben, dass es größtenteils mit rechten Dingen zugeht, weil ich den Fußball einfach so liebe. Und es würde mich total frustrieren, wenn irgendwann rauskommt, dass in der Bundesliga von außen über Sieg oder Niederlage entschieden wird. Das wäre fürchterlich. Dann wäre der Sport, unser Volkssport Fußball, tot."

 

Zur Person: Johannes Strate

Johannes Strate wurde am 17. März 1980 in Bremen geboren und wuchs in Worpswede auf. Er ist Sänger und Frontmann der Band Revolverheld, deren Erfolgsalbum 'MTV Unplugged in drei Akten' Ende 2015 Platz 2 der deutschen Charts erreichte. Mit diesem Album geht die Band nun auf Tour und spielt unter anderem am 16. März 2016 in Bremen.

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