"Wir haben Klinsmann viel zu verdanken"

Interview mit Leistungsdiagnostiker Axel Dörrfuß

Axel Dörrfuß arbeitet seit Oktober im Dress des SV Werder (Foto: WERDER.DE).
Profis
Montag, 11.01.2016 // 16:23 Uhr

von Yannik Cischinsky

Im Winter-Trainingslager wird der Grundstein für die zweite Halbserie gelegt. Dieses Prinzip gilt seit Urzeiten im Profifußball. Doch die Trainingsmethoden unterliegen heutzutage einem ständigen Wandel. Einer, der neben Athletik-Coach Jörn Heineke den athletischen Bereich beim SV Werder steuern und strukturieren soll, ist Leistungsdiagnostiker Axel Dörrfuß. Seit Oktober ist der gebürtige Erlangener bei den Grün-Weißen, in Belek begleitet er das Team erstmals im Trainingslager. 

WERDER.DE hat sich mit dem 44-Jährigen getroffen, um mit ihm im exklusiven Interview über seine Aufgaben rund um die Mannschaft, die Bedeutung verschiedener Trainingsmethoden und seine Position in der Beliebtheitsskala innerhalb der Mannschaft zu sprechen.

WERDER.DE: Kannst du uns zu Beginn erst einmal skizzieren, was deine Aufgabenstellung bei Werder ist?

Axel Dörrfuß: „Da muss ich etwas weiter ausholen (lacht). Zunächst einmal kümmere ich mich um den athletischen Bereich der Bundesligamannschaft. Der zukünftige Fokus liegt dann darauf, Performance, Coaching, Steuerung von Leistung und Leistungsdiagnostik im gesamten Verein zu strukturieren. Es geht darum, für gewisse Standards zu sorgen und durch alle Mannschaften hindurch aufzubauen. Das ist meine zukünftige Aufgabe nachdem wir das ‚Schiff Profiabteilung‘ ins Fahren gebracht haben. In Belek bin ich dabei, um den Athletik-Coach Jörn Heineke zu unterstützen. Es gibt genügend Aufgaben, die wir uns teilen und engagiert zusammen angehen."

Morgenlauf im Trainingslager (Foto: nph)

WERDER.DE: Du bist seit Anfang Oktober im Verein. Wie ist dein Eindruck von der oft zitierten ‚Werder-Familie‘?

Axel Dörrfuß: „Man kann auf jeden Fall von einer Familie sprechen. Ich habe im Leistungssport schon ein bisschen was erlebt und muss sagen: Es ist schon ein besonderer, sehr familiärer Verein. Es ist mir leicht gefallen, mich einzuleben. Man wurde mit offenen Armen aufgenommen. Es ist wirklich ein angenehmes Umfeld und Arbeiten."

WERDER.DE: Jetzt befinden wir uns mitten im Trainingslager nach über zwei Wochen Winterurlaub. Vielen Fans stellt sich sicher die Frage: Verlieren die Spieler eigentlich viel von ihrer Fitness in der Pause über die Feiertage?

Axel Dörrfuß: „Sie würden viel verlieren, wenn wir nicht dagegen steuern würden. Denn, obwohl der Großteil der Spieler über mehrere Trainingsjahre im Profi-Bereich verfügt, sind ihre Leistungskurven sehr labil. Wenige Tage des Nichtstuns hinterlassen Spuren."

WERDER.DE: Und wie habt ihr dagegen gesteuert?

Axel Dörrfuß: „Zum Beispiel haben wir den Laktattest nicht zu Beginn der Rückrunde gemacht, sondern auf Anfang Dezember vorgezogen um nochmal mehr Informationen von jedem Einzelnen zu bekommen. Unter Berücksichtigung seiner Belastungssituation, Spielanteile, Verletzungshistorie und Trainingsjahre und so weiter haben wir den Spielern ein individuell auf sie abgestimmtes Programm als ,Hausaufgabe` mitgegeben. Das haben sie alle sehr, sehr gut umgesetzt. Die gewonnenen Daten sind unser jetziges Fundament für die Vorbereitung."

WERDER.DE: Wenn man das Tagesprogramm hier im Trainingslager mal so durchgeht, hat man als erstes den klassischen Morgenlauf vor Augen. Welchen Sinn verfolgt das Laufen am Morgen oder ist es nur eine disziplinarische Maßnahme nach dem Motto: ‚Ihr müsst mehr tun!‘?

Axel Dörrfuß: „Es ist ein Klassiker, das muss man sagen, aber er hat seine Daseinsberechtigung. Der Morgen- oder auch Nüchternlauf soll den Stoffwechsel ankurbeln. Wenn der Stoffwechselprozess besser funktioniert, hat man während der 90 Minuten ein sparsameres System, kann schneller regenerieren, ist fit für die nächsten Einheiten und das folgende Spiel. Aber selbst ohne diese Daseinsberechtigung würde es zur Atmosphäre des Trainingslagers irgendwie mit dazugehören."

Es wird wohl kaum einen Athletik- oder Fitnesstrainer geben, der beim Team ganz hoch im Kurs steht.
Axel Dörrfuß

WERDER.DE: Trainingslager bedeutet immer auch konditionell schuften zu müssen. Wie verteilt ihr diese Einheiten über den Tag gesehen?

Axel Dörrfuß: „Der Fußball erlaubt aufgrund seiner Komplexität in der Planung von konditionellen Inhalten im gesamten saisonalen Verlauf keine klare Differenzierung mehr zwischen Konditionseinheiten und anderen Dingen. Wir müssen für die konditionellen Anteile in jeder Trainingsphase und jeder Trainingseinheit sorgen. Jörn Heineke und ich arbeiten mit sehr kurzen Einheiten, oft Blöcken von 15 bis 20 Minuten in denen wir Schwerpunkte setzen. Im Tagesverlauf findet sich morgens eher die Ausdauer- und nachmittags die Kraft- bzw. Schnellkraftkomponente wieder, weil man sich über Nacht anschließend besser regeneriert."

WERDER.DE: Als Athletiktrainer macht man sich bestimmt auch manchmal unbeliebt, oder?

Axel Dörrfuß: „Es wird wohl kaum einen Athletik- oder Fitnesstrainer geben, der beim Team ganz hoch im Kurs steht (lacht). Das weiß man und das gehört ein Stück weit auch zur Stellenbeschreibung dazu. Aber wir sind alle lange genug im Geschäft, um uns gegenseitig zu schätzen."

WERDER.DE: Als Leistungsdiagnostiker achtest du auch auf die Ernährung der Spieler. Welche Rolle nimmt das Essen im heutigen Profi-Fußball ein?

Axel Dörrfuß: „Leistung ist nur in einem gewissen erholten Zustand möglich. Die Bedeutung der Regeneration hat sich im Hochleistungssport Fußball deshalb enorm entwickelt. Alle Aspekte, die dazu beitragen, einen Spieler schneller oder besser zurück in einen belastbaren Zustand zu bringen, gewinnen mehr und mehr an Bedeutung. Die Ernährung ist neben dem Schlaf ein ganz entscheidender Aspekt. Das sind unsere beiden Anknüpfungspunkte."

Axel Dörrfuß hilft Claudio Pizarro bei der Ausführung einer Stretching-Übung (Foto: nph).

WERDER.DE: Und wie ist Werder in diesem Bereich aufgestellt?

Axel Dörrfuß: „Wir haben mit Weserkraft einen sehr guten Partner. Einerseits steht uns André Volkmann ernährungsberatend zur Seite und betreibt viele individuelle Schulungen mit den Spielern. Zum anderen bietet uns Weserkraft eine sehr große Produktpalette, was sowohl Spieler als auch das Trainerteam zu schätzen weiß. Denn: Es vergehen nur wenige Einheiten, bei denen nicht gewisse Nährstoffe wie Eiweiße, Kohlenhydrate oder Mineralstoffe, die während des Trainings verbraucht wurden, anschließend wieder supplementiert werden müssen."

WERDER.DE: Ein Trainingsgerät, das aus deinem Arbeitsbereich gar nicht mehr wegzudenken ist, sind die TRX-Bänder.

Axel Dörrfuß: Es gibt viele in der Fitnessbranche, die mit ihren Innovationen in den Profifußball vordringen wollen. Die wenigsten schaffen es. TRX hat es ganz klar geschafft. Die Bänder sind ein funktionelles Trainingsgerät für die Rumpfstabilität, das einerseits extrem robust ist, was für den Mannschaftssport durchaus wichtig ist. Wenn 25 Burschen an den Schlingen ziehen, muss es einfach halten. Darauf ist Verlass. Gleichzeitig sind die TRX-Bänder als Slingtrainer ein leichtes, kleines und portables Trainingsgerät, das wir gerade auf den Trainingslager-Reisen gut mitnehmen können. Es ist aus der Prophylaxe, aber auch der Rehabilitation bei verletzten Spielern nicht mehr wegzudenken. Da müssen wir uns bei Jürgen Klinsmann bedanken..."

WERDER.DE: Inwiefern?

Axel Dörrfuß: „Wir müssen uns an seine Zeit beim DFB zurückerinnern, was aus heutiger Sicht ein Meilenstein in der Entwicklung des Athletiktrainings im Fußball in Deutschland war. Wir haben Klinsmann und seinem Fitnessexperten Mark Verstegen aus unserer Sicht sehr viel zu verdanken. Man hat gesehen wie wichtig die Core Performance und Stability für den Fußball überhaupt ist. Das brachte in einigen Bereichen neue Erkenntnisse mit sich."

WERDER.DE: Abschließende Frage: Wie wichtig ist der Kraftraum bei der Auswahl der Hotels für ein Trainingslager?

Axel Dörrfuß: „Das ist abhängig von der Saisonphase. Im Winter ist die Vorbereitung so kurz, dass wir uns nicht allzu viel mit der gesamten Mannschaft im Kraftraum aufhalten wollen. Bei den optimalen Wetterbedingungen hier können wir die Trainingsvorbereitung oder gewisse Kraftzirkel auf dem Platz absolvieren. Das Wetter kann uns aber natürlich immer einen Strich durch die Rechnung machen. Deshalb müssen wir dafür Sorge tragen, dass diese Räume sehr gut ausgestattet sind. Sie sollten beispielsweise Kardio-Geräte für Spieler bereithalten, die einzelne Mannschaftseinheiten aufgrund von Blessuren aussetzen. Krafträumen wird bei der Auswahl des Hotels eine zunehmende Bedeutung zukommen."

 

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