Nachhaltigkeit ist Werders Dauersignal gegen Rassismus

Interview mit Geschäftsführer Dr. Hess-Grunewald

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: Der SVW engagiert sich seit Jahren in der Flüchtlingsarbeit (Foto: WERDER.DE).
WERDER BEWEGT
Mittwoch, 01.06.2016 // 17:59 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Werder steht für pure Bundesliga-Tradition, für herausragende sportliche Erfolge, hohe Sympathiewerte, eine große Verbundenheit mit der Hansestadt - und seit Jahren auch für ein ausgeprägtes soziales Engagement in Bremen und der Umgebung. Mit der CSR-Marke WERDER BEWEGT engagieren sich die Grün-Weißen unter anderem in mehreren Programmen für geflüchtete Jugendliche und Kinder. Das Credo lautet dabei stets: Mit Nachhaltigkeit eine dauerhaft gelungene Integration fördern! Denn eine Willkommenskultur ist nur mit Willkommensstruktur möglich. Dafür kämpft auch Werders Präsident und Geschäftsführer Dr. Hubertus Hess-Grunewald.

Im Interview mit WERDER.DE spricht Dr. Hess-Grunewald über die Entwicklung der Flüchtlingsarbeit der Grün-Weißen, über die Diversity Tafel, die nächste Woche im Weser-Stadion stattfinden wird, und klärt auf, mit welchem Projekt sich die Bundesliga-Mannschaft künftig für Geflüchtete einsetzt.

WERDER.DE: Am Wochenende sorgten Äußerungen von AfD-Politiker Hermann Gauland über Nationalspieler Jerome Boateng für große Empörung. Wie haben Sie die Aussage empfunden, dass die Menschen Boateng zwar als Fußballer gut fänden, ihn aber nicht als Nachbarn haben wollten?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Herr Gauland hat sich mit seiner Äußerung um in der Fußballersprache zu bleiben – klar ins Abseits gestellt. Ich würde ihm aus voller Überzeugung entgegnen, dass er mit seiner Behauptung falsch liegt. Die starken Reaktionen von Fans beim Länderspiel oder das Video der deutschen Nationalmannschaft haben gezeigt, dass Rassismus und Diskriminierung hier keinen Platz mehr haben darf – weder im Fußball noch allgemein in der deutschen Gesellschaft. Ohne Frage hat die Entwicklung der Flüchtlingszahlen in ganz Deutschland einen Diskurs ausgelöst. Meiner Meinung nach haben die Menschen aber in den letzten Monaten und Jahren starke Signale gesendet und unter Beweis gestellt, dass unsere Gesellschaft vor allem für eine Willkommenskultur steht. In Bremen war das unter anderem die Aktion 'Bremen ist bunt, wir leben Vielfalt'."

Mit Elan dabei: Drei Teams mit Geflüchteten trainieren schon dank Werder (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Dennoch gibt es große Herausforderungen in der Flüchtlingsthematik. Welche Rolle kann Fußball bei der Integration spielen?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Ohne Zweifel können Sport und besonders der Fußball als populäre Sportart dabei eine riesengroße Rolle spielen. Das zeigen zahlreiche erfolgreiche Projekte – auch in Bremen. Sport bietet schlicht den schnellsten Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe und damit verbunden viele Chancen für Integration. Zudem sind Toleranz und gegenseitiger Respekt Werte im Sport, die sich eins zu eins auf das Leben innerhalb der Gesellschaft übertragen lassen. Werder arbeitet deshalb bereits seit Jahren daran, diese verbindende Kraft des Fußballs zu nutzen."

WERDER.DE: Welche konkreten Projekte gibt es bereits beim SV Werder?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Mit SPIELRAUM und ‚Bleib am Ball‘ setzt sich unsere CSR-Marke WERDER BEWEGT dafür ein, dass Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung eben genau diese gesellschaftliche Teilhabe erleichtert wird. In den letzten vier Jahren haben wir gemeinsam zahlreiche Sport- und Bildungsangebote aufgebaut. Es gibt Trainingseinheiten, Feriencamps, Turniere und vieles mehr. Vor allem die enge Kooperation mit Refugio, die uns als starker Partner unterstützen, ist hier hervorzuheben. Wir bringen unsere Expertise bei den Sportangeboten mit, Refugio die sozialpädagogischen Kompetenzen vor allem in puncto Flüchtlingsarbeit. Wichtig ist uns, dass es sich dabei nicht nur um reine Flüchtlingsprojekte handelt, sondern auch integrative Wirkung haben, zum Beispiel auch für alle Kinder und Jugendliche offen steht, die einen schwierigen sozialen Hintergrund haben."

WERDER.DE: Im Dezember 2015 wurden die Angebote für Geflüchtete bei Werder noch einmal ausgeweitet. Unter anderem kam mit Henrik Oesau ein Mitarbeiter zu Werder, der die zahlreichen Aktivitäten für Geflüchtete koordiniert.

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Das ist richtig. Seitdem besteht mit dem Programm ‚Willkommen im Fußball‘ eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die wiederum von der Bundesliga-Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration gefördert wird. Wir haben uns dafür entschieden, die bezuschussten Gelder einerseits in den Ausbau und die Qualitätssicherung unserer bestehenden Projekte wie ‚Bleib am Ball‘ zu investieren und anderseits mit einem erfahrenen Mitarbeiter neue Angebote zu schaffen."

Werder bietet in verschiedenen Stadtteilen Bremens offene Fußballtrainings an (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Ein halbes Jahr später sind bereits zahlreiche Früchte der Arbeit zu erkennen. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Wir bieten mittlerweile in verschiedenen Stadtteilen Bremens ein offenes Fußballtraining an. Am Weser-Stadion sind es mittlerweile drei Trainingsgruppen für Jungs mit sogenanntem ‚Fluchthintergrund‘ und seit Anfang des Jahres auch eine für Mädchen. Auch ein Tischtennis-Angebot gibt es seit Kurzem für Geflüchtete, eine integrative Gruppe ‚Fitte Mädchen‘ ebenfalls. Über den Sport hinaus werden Ausflüge, Ferienprogramme oder Projekte wie Filmdrehs gemacht, in die junge Flüchtlinge eingebunden werden."

WERDER.DE: In Zahlen ausgedrückt heißt das…

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "…, dass wir in unseren eigenen Projekten pro Woche rund 70 jugendliche Flüchtlinge betreuen, in denen unserer Partner sind es weitere 70. In den offenen Angeboten in den Stadtteilen machen nochmals wöchentlich circa 60 Jugendliche mit, davon immer mehr Geflüchtete. Ein erheblicher Teil unserer Freikarten werden an unsere Flüchtlingsprogramme oder die unserer Partner vergeben. Pro Jahr erreichen wir also aufgerechnet rund 6.300 Kinder und Jugendliche, eine beeindruckende Zahl, wie ich finde. Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigen aber nicht die Zahlen, sondern vor allem die Auszeichnungen, mit denen die Arbeit unserer WERDER BEWEGT-Mitarbeiter gewürdigt wurde."

Wir holen die Kinder und Jugendlichen dort ab, wo sie leben.
Dr. Hubertus Hess-Grunewald

WERDER.DE: Zum Beispiel der Integrationspreis des DFB 2013 oder der Diversity Preis 2012. Was zeichnet denn das Engagement von Werder aus?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Wir schmeißen nicht hundert Bälle in eine Einrichtung, sondern holen die Kinder und Jugendlichen dort ab, wo sie leben, um es mal ganz plakativ zu formulieren. Im ersten Schritt versuchen wir den Jugendlichen einen niederschwelligen Zugang zum Sport zu geben und zwar in ihrer näheren Umgebung. Unsere Projekte bieten ihnen einen geschützten Raum – ohne Hürden und vor allem ohne große Verpflichtungen, wie es sie zum Beispiel oft im Vereinsfußball gibt. Da heißt es oft: ‚Du bist zu spät! Du kommst zu unregelmäßig! Du hast nicht die richtige Trainingskleidung!‘ Außerdem schreiben wir den Coaches – oft selbst ehemalige Flüchtlinge – kein starres Konzept oder Programm vor. Die Trainer entscheiden, welche Inhalte für die Gruppe am besten passen. Das ist ganz wichtig."

WERDER.DE: Mal ganz naiv gefragt: Warum können die Jugendlichen denn eigentlich nicht einfach in Werders Junioren-Teams trainieren?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald (lacht): "Das ist aufgrund der FIFA-Regularien zum Schutz von Minderjährigen leider nicht möglich. Der Ursprung liegt darin, dass der Verband Transfers von minderjährigen Talenten zum Beispiel aus Südamerika verhindern will, es betrifft unsere Arbeit aber massiv. Um bei einem Bundesligisten wie Werder auch nur im Breitensport kicken zu können, muss man mindestens fünf Jahre in Deutschland leben. Deshalb ist unsere Arbeit mehr eine Art Schnittstelle zu vielen Bremer Vereinen. Wir vermitteln die Jugendlichen aus unseren SPIELRAUM- oder ‚Bleib am Ball‘-Gruppen in die Vereine, zum Beispiel in offene Trainings und dann möglichst in bestehende Mannschaften. Dazu haben wir ein großes, funktionierendes Netzwerk aufgebaut."

Enge Zusammenarbeit mit Politik und Wirtschaft: Dr. Hess-Grunewald mit Ex-Bürgermeister Jens Böhrnsen (Foto: nordphoto).

WERDER.DE: Für Geflüchtete ist es also äußerst schwer, überhaupt in Vereinen aktiv sein zu können.

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Das war es zumindest lange. Bislang brauchte man einen offiziellen Aufenthaltsstatus. Auch durch die Flüchtlingsarbeit in Bremen haben wir es aber geschafft, dass deutschlandweit mittlerweile die Erstregistrierung ausreicht, um beim Fußball am regulären Spielbetrieb teilzunehmen. Das heißt, viele können nun schon nach drei Wochen mit gleichaltrigen Jugendlichen im Verein spielen anstatt bis zu 14 Monate warten zu müssen."

WERDER.DE: Auch aus der Profi-Mannschaft heraus kommt ein starker Impuls, sich zu engagieren. Wie kam es dazu?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Zunächst einmal bin ich sehr glücklich, dass das Bewusstsein einer großen sozialen Verantwortung auch innerhalb unserer Mannschaft so fest verankert ist. Als vergangenes Jahr immer mehr Menschen Bremen erreichten, darunter speziell sehr viele Jugendliche, kam im Team der Gedanke auf, eine kontinuierliche Unterstützung zu leisten, die nachhaltig ist. Den Spielern war wichtig, dass den oft traumatisierten Menschen Zeit gespendet wird und nicht Geld in Form einer öffentlichkeitswirksamen Inszenierung."

WERDER.DE: Wie man es leider allzu häufig gesehen hat…

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Leider ja. Die Mannschaft wollte unbedingt, dass es sich um eine zweckgebundene Hilfe handelt, die bei den betreffenden Personen ankommt. Bereits im Januar kam es deshalb zu ersten Gesprächen zwischen Vertretern der Stadt und dem Mannschaftsrat. Gemeinsam wurde beispielsweise eine Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Habenhausen besichtigt. Die Spieler wollten sich selbst einen Eindruck verschaffen, mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen und herausfinden, was wirklich gebraucht wird."

WERDER.DE: Mittlerweile sind die Planungen weit fortgeschritten. Wie wird die Unterstützung konkret aussehen?

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Das Team wird einer Wohneinrichtung junger Geflüchteter im Stadtteil Walle einen Sportkoordinator finanzieren. Ende Juni nimmt dieser seine Arbeit in einer Einrichtung mit 88 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im ehemaligen Zollamt auf. Ich bin sehr froh, dass der Paritätische Wohlfahrtsverband dem Wunsch der Mannschaft nachkommt und eine Fortführung der Arbeit auch nach Auslauf der einjährigen Anfangsfinanzierung gewährleistet. Sehr positiv ist, dass in der Einrichtung an der Hans Böckler Straße Menschen einen Dauerwohnplatz für zwei bis drei Jahre bekommen. Die Vergangenheit zeigt, eine gelungene Integration ist nur mit genau solchen langfristig angelegten Projekten möglich."

WERDER.DE: Vor der Tür steht auch die Bremer Diversity Tafel 2016, die dieses Jahr im Weser-Stadion stattfinden wird.

Dr. Hubertus Hess-Grunewald: "Wir sind sehr stolz, dass wir mit WERDER BEWEGT als Gastgeber unsere Arbeit präsentieren können und uns mit vielen Bremer Unternehmen bei Themen wie der sozialen Verantwortung von Firmen, gelebter Vielfalt und Chancengleichheit im Alltag noch enger vernetzen können. In den letzten Jahren fand die Diversity Tafel ja im Mercedes-Benz Werk Bremen, bei der Gewoba unserem Partner Team neusta oder auf der Breminale statt. Ich erhoffe mir am kommenden Dienstag erneut einen regen Austausch und viele neue Ideen für unsere Arbeit."

 

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