"Teamspieler suchen nicht nur Harmonie"

Baumann im Interview

Frank Baumann beantwortete grundsätzliche Fragen zu seiner neuen Position (Foto: WERDER.DE).
Profis
Freitag, 27.05.2016 // 15:02 Uhr

Das Interview führte Yannik Cischinsky

Am Freitag wurde Frank Baumann offiziell als Geschäftsführer Sport vorgestellt. Bereits vor der offiziellen Pressekonferenz traf er sich mit WERDER.DE um grundsätzliche Fragen seiner Arbeit detailliert zu besprechen. Herausgekommen ist das erste Interview des neuen Sportchefs der Grün-Weißen mit klaren Aussagen zum Trainer, zu Veränderungen und der Arbeitsweise unter der Regie des langjährigen Kapitäns der Grün-Weißen.

WERDER.DE: Herr Baumann, für diesen Freitag war die Entscheidung in der Trainerfrage angekündigt worden. Jetzt steht fest: Werder wird auch in der kommenden Saison von Viktor Skripnik und seinem bestehenden Trainerteam trainiert. Können Sie ihre Entscheidung erklären?

Frank Baumann: "Ich bin überzeugt, dass wir für Werder einen sehr starken Trainer brauchen. Diese Position ist aus meiner vollen Überzeugung heraus eine von ganz wenigen Schlüsselpositionen im ganzen Verein. Ich habe in sehr intensiven Gesprächen mit Viktor und seinem gesamten Trainerteam die Überzeugung gewonnen, dass sich Viktor dieser Verantwortung bewusst ist und sie auch mit großer Leidenschaft ausfüllen wird."

WERDER.DE: Warum war es nötig, diese Gespräche zu führen?

Frank Baumann: "Es war klar, dass ich mir nach der Übernahme der sportlichen Verantwortung ein sehr genaues Bild verschaffen musste. Ein übereiltes 'Weiter so!' hätte niemandem geholfen. In meinen Gesprächen bin ich zudem auf ein sehr selbstkritisches Trainerteam gestoßen, dass daran interessiert war, ihre erste volle Saison detailliert aufzuarbeiten und Verbesserungspotential freizulegen. Ich glaube, das ist uns gemeinsam gelungen. Ich gehe mit einem sehr guten Gefühl in die neue Saison."

Baumann ist überzeugt, dass Skripnik die Trainerfunktion weiterhin kraftvoll ausfüllen wird (Archivfoto: nordphoto).

WERDER.DE: Kritiker hätten lieber den Trainer gewechselt.

Frank Baumann: "Dazu gehörte ich nicht. Ich habe Viktors Start als Trainer bei Werder aus nächster Nähe verfolgt. Ich habe ihn intensiv durch diese ersten Monate begleitet. Ich habe erlebt, mit welcher Kraft er vor der Mannschaft stehen kann. Mit welcher Leichtigkeit er eine Mannschaft führen kann. Er ist in diesem ersten Jahr vom letzten Platz gestartet und hat bis zum 34. Spieltag um Europa gespielt. Er hat jetzt eine ähnlich gute Rückrunde hingelegt. Schaut man auf die abgelieferten Ergebnisse, lag er bei zwei von drei Halbserien, die er verantwortet, dort, wo wir uns festsetzen wollen."

WERDER.DE: Aber was ist mit den ganzen Gerüchten der letzten Wochen, die Spieler hätten alles selbst gemacht?

Frank Baumann: "Alle diese Geschichten kann ich getrost ins Reich der Legenden und Übertreibungen verbannen. Die Schlussfolgerungen, die dort veröffentlicht wurden, sind absurd. Dass wichtige Spieler Einfluss auf Trainingsinhalte nehmen, war auch im Doublejahr völlig normal und spricht für einen souveränen Trainer, genau wie das Hinzuziehen eines Psychologen. Ich musste schon oft mit dem Kopf schütteln, wie in diesem famosen Endspurt alles Negative Viktor und seinem Team angelastet und alle positiven Dinge anderen zugeordnet wurden. Die Rückrunde hat aus meiner Sicht gezeigt, in welchem hohen Maß der Trainer bereit und in der Lage war, nach einer verkorksten Hinrunde richtige Schlüsse zu ziehen und seine Arbeit auf dem Platz weiterzuentwickeln. Ich bin sicher, dass ein ähnlicher Schritt nach vorn auch mit den Erfahrungen aus dem Saisonfinale möglich ist."

WERDER.DE: Wo haben die Gespräche Handlungsbedarf ergeben?

Frank Baumann: "Sportlich müssen wir sicher an einigem arbeiten. Es ist aber auch eine meiner Aufgaben im Miteinander zwischen Medien und Trainer wieder eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts zu fördern. Und ich meine das wirklich nicht als Einbahnstraße. Der Cheftrainer muss in erster Linie auf dem Platz und in der Kabine Leistung abliefern, aber er ist auch gut beraten, in einem gewissen Maße Einblicke in seine Arbeit zu geben, die Menschen mitzunehmen und auch mal mit einem ehrlich interessierten Journalisten das eine oder andere zu diskutieren. Fakt ist aber auch, dass wir auf dieser Position nicht unbedingt einen geschliffenen Rhetoriker brauchen."

WERDER.DE: Auch ihr Dienstantritt wurde durchaus misstrauisch begleitet. Waren Sie überrascht?

Frank Baumann: "Nein, Veränderungen werden nicht immer mit Hurra aufgenommen. Das ist normal. Ich habe die Berichterstattung verfolgt. Ich kann damit leben, weil mir nicht wichtig ist, wie ich bewertet werde, wenn ich hier anfange, sondern wie ich bewertet werde, wenn meine Arbeit hier endet und wie mich vor allem die Menschen bewerten, mit denen ich eng zusammengearbeitet habe."

Wir sind als Team gut gerüstet, die Herausforderungen anzunehmen
Frank Baumann

WERDER.DE: Ihre Erfahrung als Manager wurde durchaus kritisch hinterfragt.

Frank Baumann: "Ach, mit der Erfahrung ist das so eine Sache. Ich wette mal, die meisten Manager, die ihre Ziele nicht erreichen, sind welche mit Erfahrung. Und es gibt viele Kollegen wie Uli Hoeneß bei den Bayern, Christian Heidel in Mainz, Max Eberl in Gladbach oder Michael Zorc in Dortmund, die wunderbare Arbeit leisten oder geleistet haben, weil sie in erster Linie Ideen und Leidenschaft für einen Klub entwickelt haben, mit dem sie sich auf besondere Weise identifiziert haben und nicht weil sie bei ihrem Start über besonders viel Erfahrung verfügt haben."

WERDER.DE: Sie fühlen sich also gut gerüstet für die Arbeit in den nächsten Jahren?

Frank Baumann: "Ja, wir sind als Team gut gerüstet, die Herausforderungen anzunehmen. Ich bringe meine Erfahrung aus 20 Jahren Profifußball mit ein. Ich habe hier an der Seite von Klaus Allofs Verhandlungen geführt und bei Transfers mitgewirkt, dann drei Jahre als Direktor Profi-Fußball gewirkt, Transfers getätigt, Verhandlungen geführt. Wir können in der jetzigen Zusammensetzung mit meinen Geschäftsführer-Kollegen und dem Team dahinter das Geschäft aus allen Perspektiven beleuchten und handeln. Wir haben sehr gute Netzwerke und genaue Vorstellungen, wo es hingehen soll."

Wieder zurück an seinem Schreibtisch im Weser-Stadion: Frank Baumann (Foto: Rospek).

WERDER.DE: Es soll auf jeden Fall auf dem Werder-Weg weitergehen...

Frank Baumann: "Ich halte die Ziele des Werder-Weges wie wirtschaftliche Vernunft, guter Fußball, regionale Verwurzelung sowie Identifikation, Ausbildung, Weiterbildung und Durchlässigkeit von Talenten für richtig! Aber der Begriff des Werder-Weges wird aus meiner Sicht zu inflationär gebraucht, er muss für alles herhalten und wird fast negativ wahrgenommen. Das finde ich schade. Viel wichtiger ist deshalb, dass wir ihn mit unserem Handeln stärken."

WERDER.DE: Was wollen Sie anders machen als in den letzten Jahren?

Frank Baumann: "Das ist nicht die Frage. Mein Blick geht nur nach vorn. Ich werde die Themen auf meine Art anpacken. Ich bin Teamspieler, ich stehe für klare Aufgaben- und Rollenverteilung. Teamspieler zu sein bedeutet für mich nicht, zufrieden zu sein, wenn die eigene Leistung stimmt, sondern erst wenn das Gesamtkonstrukt erfolgreich ist. Teamspieler zu sein, bedeutet nicht, alles abzunicken, Harmonie zu suchen. Ein Team zu sein bedeutet auch gegenseitig Überzeugungsarbeit zu leisten, die Teamkollegen anzuspornen, zu unterstützen, Mitarbeiter zu entwickeln, aber eben auch offen anzusprechen, wenn wir uns auf halbem Weg schon zufrieden geben."

WERDER.DE: Was heißt das konkret?

Frank Baumann: "Ich glaube, dass wir in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen gute Dinge begonnen haben, bei denen wir jetzt konsequent dran bleiben müssen, um sie über die Ziellinie zu treiben. Wir sollten uns meiner Meinung nach sogar darauf einstellen, dass es bei den meisten Punkten gar keine Ziellinie geben wird, dass man in fast allen Bereichen immer noch besser sein kann und wir uns ständig überprüfen und weiterentwickeln müssen. Das gilt für alles: für Strukturen, für die Vermarktung, aber ich spreche hier zuallererst für den sportlichen Part."

Baumann will in Bremen ein Team entwickeln, mit dem sich die Fans identifizieren können (Foto: WERDER.DE).

WERDER.DE: Welche Ziele wird es im sportlichen Bereich geben?

Frank Baumann: "Das wird gemeinsam besprochen. Wir sind sicher noch nicht so gefestigt, dass man mit großen Versprechungen arbeiten sollte. Aber wir sollten uns auch nicht daran berauschen, dass unsere Fans die Meisterfeiern anderenorts in den Schatten stellen, weil wir den Abstieg vermieden haben. Dieser Rückhalt, diese unglaublichen Bilder der letzten Wochen, müssen doch für uns Ansporn und Verpflichtung sein, mehr erreichen zu wollen."

WERDER.DE: Welche Pläne haben Sie für das aktuelle Transferfenster?

Frank Baumann: "Ich habe schon die vergangenen Tage genutzt, um mich in die dringendsten Fragen einzuarbeiten. Da möchte ich mich ausdrücklich bei meinen Geschäftsführerkollegen Klaus Filbry und Hubertus Hess-Grunewald sowie im sportlichen Bereich bei Tim Steidten und allen anderen aus dem Team dahinter für die Unterstützung bedanken. Ich kann natürlich keine Details nennen, aber unser Ziel ist es, ein Team zu entwickeln, mit dem sich die Fans identifizieren können, ein Team, das sich mit der Stadt und mit unserer Art Fußball zu spielen identifiziert. Spieler sollten weniger nach Transfersummen und Wiederverkaufswerten beurteilt werden, sondern danach, welchen sportlich Beitrag sie hier leisten können, ob sie hierher passen und welche Entwicklung sie noch vor sich haben, um unser Team zum Erfolg zu führen. Alles andere sind Nebeneffekte, die sich im Erfolg von allein positiv entwickeln."

Frank, wir wünschen Ihnen für die kommenden Wochen einen sehr guten Start.