Saisonrückblick Teil IV: Frühjahrsgefühle

Abgedreht: Werders Mittelfeldspieler Zlatko Junuzovic hatte maßgeblichen Anteil an Werders Erfolgen zu Rückrundenbeginn und verlängerte seinen Vertrag bis 2018 (Foto: Heidmann)
Profis
Mittwoch, 10.06.2015 // 10:35 Uhr

So surreal diese rauschhaften Wochen auch anmuteten, in denen ein von vielen Beobachtern schon leichtfertig abgeschriebener Abstiegskandidat urplötzlich vorzeitige Frühjahrsgefühle entfachte: Man brauchte in dieser Phase gar nicht darüber grübeln, sondern durfte einfach mal genießen! „Manchmal muss ich mich schon kneifen. Wir zeigen den Werder-Fans gerade Fußball, den sie von Werder Bremen sehen wollen. Du kannst den Leuten was anbieten und stolz darauf sein, denn wir haben dafür sehr akribisch gearbeitet", bemerkte Cheftrainer Viktor Skripnik beglückt, nachdem die Bremer ein dominant ertrotztes 3:2 gegen das seit Monaten bärenstark aufspielende Überraschungsteam aus Augsburg einfuhren.

Dies war der fünfte Bundesliga-Sieg in Serie und gleichsam vorläufiger Höhepunkt einer außerordentlichen Erfolgswelle, wie sie die Grün-Weißen seit beinah acht Jahren schon nicht mehr erwischt hatten. „Die Körpersprache ist phänomenal. Wenn man das mit vor einigen Monaten vergleicht, ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht", ergründete Zlatko Junuzovic und schloss an: „Wir haben eine junge Truppe, die lebt, die einfach Spaß macht. Der Zusammenhalt ist großartig. Einer zerreißt sich für den anderen. Das Trainerteam leitet uns und wir vertrauen ihnen."

Schwungvoll offensiv und furchteinflößende Standards: Werder zum Verlieben

Eineinhalb Monate zuvor begrüßten gut 200 Werder-Anhänger ihre Mannschaft beim Laktattest auf „Platz 11" im neuen Jahr. Vor allem warben sie dabei lautstark um Junuzovic. Die Initiative #junobleibtbremer wühlte den 27-Jährige geradezu auf: „Ich bin ein wenig überrumpelt, überfordert und weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich da reagieren soll." Den bemerkenswerten Ansporn nahm das Team mit ins achttägige Trainingslager nach Belek. Während Nils Petersen (Freiburg), Eljero Elia (Southampton), Ludovic Obranik (Rizespor), Richard Strebinger (Regensburg) und Oliver Hüsing (FC Hansa) auf Leihbasis neue Herausforderungen aufnahmen, stießen U19-Europameister Levin Öztunali (Leverkusen), Schlussmann Koen Casteels (Wolfsburg) und Torwarttalent Michael Zetterer (U'haching) neu zum Kader. Kaum vier Tage vor Punktspielstart präsentierte Werder noch eine letzte Winterverpflichtung: Jannik Vestergaard aus Hoffenheim.

Und als ob der dänische Schlacks schon ewig ein Tandem mit Alejandro Gálvez bilden würde, zementierten unter anderem die überragenden Zweikampfwerte und gelungenen Spieleröffnungen der beiden Innenverteidiger (Vestergaard 85% - 87% und Gálvez 82% - 70%) nur einen Grundstein für den nie gefährdeten 2:0-Auftaktsieg über Hertha BSC. „Sehr viel Ballbesitz, sehr viel Dominanz" sah Geschäftsführer Thomas Eichin: „Wir waren cool und robust. Genauso stelle ich mir das vor." Und im Angriff? Da meldete sich Franco Di Santo zum perfekten Anlass kerngesund zurück. Vorbereitet von Gebre Selassie hebelte der Argentinier den Ball erst aus spitzem Winken so schlitzohrig wie „fies" (Hertha-Keeper Thomas Kraft) mit dem Innenrist diagonal ins gegenüberliegende Eck (43.). Später vollendete er Fritz' kongeniale Eingabe quer in der Luft liegend mit einem listig aufsetzenden Seitfallzieher (69.). Die Rückrunde einläutende Englische Woche hätte zu keinem besseren Zeitpunkt terminiert werden können, denn direkt folgend sicherten sich die Grün-Weißen herausragend erkämpfte drei Punkte in Hoffenheim (2:1, Di Santo 8./Bargfrede 52.) und ließen sich ebenso wenig von Champions-League-Achtelfinalist Bayer Leverkusen aufhalten (2:1, Selke 17./Junuzovic 29.).

Junuzovic: „Auf dem Weg, Spitzenmannschaften richtig, richtig zu fordern“

Nur Stunden vor dem 21. Spieltag, der diesmal auf den 14. Februar fiel und den 3:2-Erfolg gegen den FC Augsburg bereithielt, setzte der vielfach umworbene Zlatko Junuzovic ein aufsehenerregendes Signal, indem er einen neuen Vertrag bis 2018 unterzeichnete (Theo Gebre Selassie tat es ihm schon in der folgenden Woche gleich). Kurzum: Ein Valentinstag zum Verlieben. Und ein Werder-Team zum Verlieben, das in diesen Wochen mit schwungvoll und ohne Umwege aufgezogenem Offensivspiel sowie konsequent furchteinflößenden Standardsituationen - allen voran initiiert durch Präzisionsschütze Junuzovic - imponierte. Trotz aller Euphorie verlor wohlweislich niemand die Bodenhaftung. „Wir wissen, wo wir herkommen", beglaubigte Fin Bartels, wozu Thomas Eichin ergänzte: „Wir alle sind sehr, sehr wachsam." Demut und Konzentration verhalfen sogleich zum nächsten unverhofften Punktgewinn auf Schalke. S04 sah bereits wie der sichere Sieger aus und „jeder weiß, wie schwierig es ist, hier nach Rückstand noch ein Tor zu erzielen", betonte Cheftrainer Viktor Skripnik nachher.

Doch als die Nachspielzeit schon vorangeschritten war und der letzte ruhende Bremer Ball in die Gefahrenzone flog, schob sich der gerade von einem Innenbandriss genesene Sebastian Prödl im Fünfmeterraum so clever wie fair vor Schalkes Keeper Wellenreuther, um von hoch oben aus wuchtig einzuköpfen. Erst der spätere Vizemeister und Pokalsieger VfL Wolfsburg vermochte daraufhin, Werders Schwung in einer irrwitzigen Begegnung einstweilen zu dämpfen. Unmittelbar nach Wiederanpfiff verfielen ansonsten furiose Grün-Weiße in einen fünfminütigen Kollektivblackout, der die sagenhafte 3:2-Halbzeitführung in eine bittere 3:5-Niederlage schrumpfen ließ. „Vielleicht waren wir einen Tick zu euphorisch, dafür sind wir bestraft worden", ahnte Thomas Eichin. Felix Kroos musste erkennen: „Dieses Spiel heute verlieren wir nur gegen zwei Teams - Wolfsburg und den FC Bayern." Aber eine vielversprechende Erkenntnis blieb haften: „Wir sind auf dem Weg dahin, dass wir Spitzenmannschaften richtig, richtig fordern", blickte Torschütze Zlatko Junuzovic zuversichtlich voraus.

von Maximilian Hendel


Der abschließende fünfte Teil des WERDER.DE-Saisonrückblicks folgt am Freitag