Saisonrückblick Teil V: "Soll ich jetzt schimpfen?“

Auch wenn letztendlich Rang zehn heraussprang, bis zum Schluss hielt Werder das Rennen um Europa offen (Foto: nph).
Profis
Freitag, 12.06.2015 // 09:45 Uhr

Dennoch: Gerade weil die Bremer im Endspurt streckenweise den körperlichen und mentalen Strapazen der zurückliegenden tabellarischen Extremsituation von Herbst bis April Tribut zollten, war es desto bemerkenswerter, wie sie auf den letzten Metern ungeahnte Reserven anzapften und ein kleines Finale um die europäischen Startplätze erkämpften. Erst die Niederlage in Dortmund, beim wiedererstarkten BVB, verursachte noch ein leichtes Abrutschen in der Abschlusstabelle. Zwar „fühlt sich der zehnte Platz heute so an wie der vierte Platz bei Olympia", gestand Geschäftsführer Thomas Eichin direkt nach Spielschluss, „aber die kleine Enttäuschung wird in den nächsten Tagen verfliegen und dann werden wir zufrieden auf diese Saison zurückblicken."

Nicht unbedingt erahnte Höhenflüge halten zugleich ja stets manche Tücken bereit. Was tun, wenn etwa die Gefahr lauert, plötzlich irrational gestiegenen Ansprüchen ausgeliefert zu werden? Wohl denen, die in dieser Situation den nüchternen Cheftrainer Viktor Skripnik an ihrer Seite wissen, der leichtsinnig überhöhten Erwartungshaltungen beharrlich entgegenwirkte: „Wir sind zwei, drei Monate unter der Erde gewesen. Jeder hat uns schon in der zweiten Liga gesehen. Auf einmal kämpfen wir noch um den Europapokal. Soll ich jetzt auf meine Jungs schimpfen? Ich bin so froh, nicht da zu sein, wo es jetzt heiß ist - im Tabellenkeller ist es echt Wahnsinn." Das strich der Ukrainer nach einem 1:1 am 32. Spieltag in Hannover heraus, als die Grün-Weißen es verpasst hatten, sich auf Bundesligarang sieben zu etablieren.

500. Bundesligaheimsieg im 102. Nordderby gegen den HSV

Der erste echte Wermutstropfen des Jahres hatte das Team Anfang März ereilt. Nach eigentlich aussichtsreicher Anfangssequenz geriet Werder auf dem morastigen Geläuf der tobenden Bielefelder Alm unverhofft in den Schlamassel und kassierte so das unnötige 1:3-Pokal-Achtelfinalausscheiden beim wehrhaften Drittligaspitzenreiter Arminia. „Wir schieben das weder auf Platz, Schiedsrichter, Wetter oder sonst was", bekräftigte der zutiefst enttäuschte Viktor Skripnik und zürnte: „Alles hat gefehlt; die richtige Einstellung, Körpersprache, Konzentration und auch Glück. Das war nicht das Werder der letzten Zeit." Umso eindringlicher die prompt auf den berechtigten Tadel gefolgte „Trotzreaktion" (Raphael Wolf). Franco Di Santos Geniestück, ein ansatzlos vom linken Strafraumeck per Innenrist diagonal in den Torwinkel beförderter Kometenschweif (35.), brachte die volle Punkteausbeute in Freiburg ein. „Alle sind ans Limit gegangen. Nur so geht's", bezeugte Schlussmann Wolf. Bis zum nächsten Sieg war jedoch mehr als ein Monat Geduld gefragt.

Zu spät besann sich Werder gegen den FC Bayern auf eigenen Mut (0:4), ein Elfmeter kurz vor Ultimo kostete wiederum das fast sicher geglaubte 1:0 in Köln. Daraufhin trennten sich die Grün-Weißen leistungsgemäß 0:0 vom FSV Mainz, ehe sie durch das 2:3-Gastgeschenk in der Nachspielzeit einen Punkt beim VfB Stuttgart herschenkten. Von diesem kleinen Durchhänger befreiten sich die Bremer im 102. Nordderby gegen den Hamburger SV. Zusätzlich wertvolle Dramaturgie war dem jedes Halbjahr aufs Neue packenden Anlass gegeben, da Di Santos Elfmetertor (84.) Werders insgesamt 500. Bundesligaheimsieg einfädelte. Der legendäre Pico Schütz, nur wenige Tage vor dem Derby verstorben, wird all das von weit oben lächelnd verfolgt haben. Zwischen den zwei anschließenden Auswärtsunentschieden in Paderborn (2:2) und Hannover (1:1) lag noch Thomas Schaafs erster Auftritt als Gästecoach in Bremen, der genauso wie die anwesende grün-weiße Meistermannschaft von 1965 im vollbesetzten Weserstadion mit Standing Ovations gewürdigt wurde.

Eichin: „Sehr stolz, wie wir alles gemeistert haben“

„Es ist außergewöhnlich, so warmherzig empfangen worden zu sein", meinte der 54-Jährige gerührt, „doch bei alldem wollte ich hier mit der Eintracht gewinnen." Davie Selkes entscheidender Treffer (66.) für Werders überzeugenden 1:0-Heimsieg ließ das aber nicht zu. Bereits zwei Spieltage vor Saisonende hatte Viktor Skripniks Mannschaft 43 Punkte angehäuft, so viele wie seit fünf Jahren nicht mehr. Thomas Eichins Maßgabe für den kniffligen Schlussakt gegen Gladbach und Dortmund lautete demgemäß: „In den letzten zwei Spielen sollen die Jungs einfach alles raushauen, was noch geht." Leider versäumten sie knapp einen krönenden Abschluss auf dem bis zuletzt möglichen siebten Platz. Das sollte keineswegs jene „großartige Leistung" schmälern, „die die Jungs das Jahr über gezeigt haben", wie Viktor Skripnik auf der letzten Saisonpressekonferenz hervorhob.

Lucien Favres Gladbacher, zweifellos das unangefochtene Rückrundenteam, erwiesen sich beim 0:2 im letzten Heimspiel schlichtweg als zu eingespielt und kaltschnäuzig, um ihnen Punkte abzuringen. Zudem waren offensive Wucht und Rasanz des BVB letztendlich zu groß, sodass Werder ein 2:3 einstecken musste. „Vielleicht wäre die Europa League auch zu früh gekommen", wandte Zlatko Junuzovic wohlüberlegt ein, „man muss aufpassen, nicht zwei Schritte auf einmal machen zu wollen. Das kann nach hinten losgehen. Wir haben eine rasante Entwicklung hinter uns, die uns die Wenigsten und wir selbst auch nicht zugetraut hätten." Und trotz dass die Grün-Weißen noch aus den einstelligen Tabellenplätzen rutschten, auf denen sie seit dem 20. Spieltag ununterbrochen standen, konnte auch Thomas Eichin mit großer Wertschätzung gegenüber dem Geleisteten resümieren: „Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft und den Verein; wie wir das alles gemeistert haben, wie wir uns aus der Situation herausgearbeitet haben, wie wir mit dem Druck umgegangen sind und wie ruhig wir geblieben sind, das macht mir für die neue Saison unglaublichen Mut."

von Maximilian Hendel