Lorenzens turbulente Wochen und intensive Momente

Werders Sturmtalent Melvyn Lorenzen hat turbulente Wochen hinter sich (Foto: nph).
Profis
Samstag, 10.01.2015 // 18:34 Uhr

Wenn Melvyn Lorenzen spricht, ist er ganz ruhig. Wohlüberlegt und bestimmt wählt der 20-Jährige seine Worte. „Ich bin durch die lange Verletzungszeit ruhig geworden und vielleicht auch etwas reifer", erklärt der gebürtige Londoner in der Lobby von Werders Teamhotel Regnum Carya. Kurz vor Weihnachten erlebte Lorenzen die turbulente Rückkehr in die Bundesliga nach zermürbender „Leidenszeit", jetzt ist er mit dem Team im Trainingslager in Belek.

Im Interview mit WERDER.DE blickt Lorenzen noch einmal auf ein hartes Jahr zurück, schildert den emotionalsten Moment seiner Karriere und verrät, wie ihn die schwere Verletzung verändert hat.

WERDER.DE: Konntest du deinen Weihnachtsurlaub trotz der ganzen Aufregung genießen?

Melvyn Lorenzen: „Weihnachten konnte ich zum Glück wie geplant mit meiner Familie in der Nähe von Kiel feiern. Anschließend habe ich noch ein paar Tage mit meinen Freunden verbracht, aber in den Urlaub geflogen bin ich nicht mehr (lacht). Schade, dass es mit der Oman-Reise nicht mehr geklappt hat, das Land hörte sich sehr spannend an."

Deutlich lockerer und ausgelassener

WERDER.DE: Kurz vor dem Jahresende wurde es richtig turbulent für dich. Plötzlich standst du in der Startelf und hast direkt dein erstes Bundesliga-Tor erzielt. Hast du schon Zeit gefunden, das zu verarbeiten?

Lorenzen: „Damals hatte ich gar keine Zeit zu überlegen, was gerade passiert. Im Winterurlaub habe ich mir die Zeit vor der Winterpause noch mal vor Augen geführt. Ich war gerade mal drei Wochen mit der U 23 im Training, dann durfte ich schon bei den Profis mittrainieren. Dass ich so schnell die Chance und das Vertrauen der Trainer bekommen hab, war schon ein Riesending für mich. Gegen Hannover gleich von Anfang an zu spielen, war ein positiver Schock."

WERDER.DE: Über den Moment deines Tores gegen Hannover und deinen anschließenden Jubel wurde viel berichtet. Hast du noch vor Augen, was dir in diesen Sekunden durch den Kopf ging?

Lorenzen: „Ich kann mich nur erinnern, wie der Ball einschlägt, das Netz zappelt und ich mich umschaue. 40.000 Fans jubeln, freuen sich mit dir - das ist unbeschreiblich. Ich habe mich an die Worte meines Kumpels erinnert, wollte unbedingt den Torjubel machen, den wir besprochen hatten, aber der Rest war komplett unkontrolliert und emotional. Ich habe mich riesig gefreut und an meine lange Leidenszeit gedacht. Das war definitiv ein sehr intensiver Moment."

WERDER.DE: Du sprichst es an. Mit einem Knorpelschaden musstest du insgesamt ein Jahr pausieren. Wie groß war die Befreiung in diesem Moment?

Lorenzen: „Es war eine riesengroße Erleichterung und auch eine Überraschung. Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell geht nach meiner Rückkehr ins Mannschaftstraining drei Wochen zuvor. Ein ganzes Jahr habe ich so gut wie kein Fußball gespielt. Manche sagten, ich brauche ein halbes Jahr, bis ich wieder in Form bin, andere sagten ein ganzes Jahr voraus. Natürlich bin ich noch nicht wieder bei 100 Prozent, aber dieser eine Moment war sehr wichtig für mich."

WERDER.DE: Wie hast du über die ganze Verletzungspause hinweg den Kopf oben behalten?

Lorenzen: „Ich habe einige Rückschläge einstecken müssen, bei denen ich mir gedacht habe: Wann hört das endlich auf? Im Sommer war ich beinahe wieder bei der Mannschaft, musste aber alles zurück auf Null fahren. Ehrlich gesagt habe ich trotzdem nie gezweifelt, das Ziel vor Augen behalten und mir, so simple das klingt, immer wieder gesagt: Wenn du das willst, dann schaffst du das - früher oder später."

Selbstvertrauen und Reife

WERDER.DE: Vor ziemlich genau einem Jahr wurdest du auch recht überraschend vom Trainingslager der U23 in das Camp der Profis berufen. Seither hat sich einiges verändert. Ein Vorteil für dich?

Lorenzen: „Aktuell sind viele U 23-Spieler und das Trainerteam mit dabei, das ich gut kenne. Das ist auf jeden Fall leichter für mich. Ich glaube, jeder fühlt sich wohler, wenn er Leute um sich herum hat, die er kennt und die einen verstehen. Jetzt bin ich ausgelassener als bei meinem ersten Trainingslager, wo ich viel ruhiger, schüchterner und zurückhaltender war. Da habe ich geguckt, was die erfahrenen Spieler machen, weil ich das gar nicht kannte. Jetzt bin ich da deutlich lockerer."

WERDER.DE: Wie ist denn die Stimmung innerhalb des Teams?

Lorenzen: „Sehr gut. Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendeiner denkt, die ganzen jungen Spieler nerven. Die Mischung stimmt, insgesamt harmoniert das alles sehr gut. Ich bin mit Janek Sternberg auf einem Zimmer, mit dem ich schon beim allerersten U 23-Trainingslager einen Raum geteilt habe. Wir zocken viel PlayStation und spielen dann natürlich FIFA (lacht)."

WERDER.DE: Die Stimmung im Team ist gut, doch alle wissen auch worauf es in der Rückrunde ankommt. Es gilt Punkte im Abstiegskampf zu sammeln. Wie schätzt du die Situation ein?

Lorenzen: „Der Trainer weiß genau, was noch zu tun ist. In den letzten Wochen haben wir meiner Meinung nach eine ordentliche Punkteausbeute gehabt. Wenn wir weiter so konzentriert arbeiten, kommen wir auch unten raus."

WERDER.DE: Eigentlich war dein Plan, erst in dieser Vorbereitung wieder anzugreifen, aber die rasante Entwicklung hat dich eingeholt. Was sind deine Ziele für das Trainingslager und für die Wochen danach?

Lorenzen: „Ich werde weiter angreifen, das ist klar. Grundsätzlich will jeder spielen und Erfahrung sammeln. Da ist es natürlich schön, wenn der Cheftrainer einem vertraut. Aber ich muss mich auch gedulden, das gehört zu der Entwicklung eines jungen Spielers dazu."

WERDER.DE: Woher nimmst du diese Ruhe?

Lorenzen: „In meiner langen Verletzungszeit habe ich gelernt, geduldiger zu sein, mir die Zeit zu nehmen. Es kommt nicht alles auf einmal. Rückblickend ziehe ich vielleicht ein gewisses Selbstvertrauen und die Reife, besser mit Problemen umzugehen, aus meiner Verletzungspause - einfach insgesamt ruhiger zu bleiben ist wichtig. Früher war ich sehr selbstkritisch und habe mich verrückt gemacht, wenn etwas nicht lief. Das habe ich abgelegt. Früher hab ich mir eine Woche einen Kopf gemacht, jetzt nur noch einen Tag (lacht)."

Aus Belek berichten Yannik Cischinsky und Dominik Kupilas