Aycicek: ''Ein Anfang, mehr nicht!''

Gefeiert von seiner "zweiten Heimat", der Ostkurve: Levent Aycicek nach dem Paderborn-Spiel (Foto: Heidmann).
Profis
Mittwoch, 10.12.2014 // 16:02 Uhr

Lange hat Levent Aycicek auf diese Situation gewartet. Als 17-Jähriger schaffte der wuselige Spielmacher und frisch gebackener Weltmeister den Sprung in den Profi-Kader, galt als der grün-weiße Hoffnungsträger im offensiven Mittelfeld. Doch Kreuzbandriss und Meniskusschaden kosteten ihn zusammengerechnet 18 Monate. Seit Anfang des Jahres ist Aycicek jetzt verletzungsfrei. Allerdings erst seitdem Viktor Skripnik vor wenigen Wochen den Cheftrainer-Posten bei Werder übernahm, startet der mittlerweile 20-jährige Mittelfeldregisseur richtig durch.

Im Interview spricht Aycicek über die intensiven Erfahrungen der letzten Wochen, seine Lehren aus der langwierigen Verletzungszeit und den kommenden Gegner im Weser-Stadion Hannover 96, bei dem er in der Jugend selbst spielte.

WERDER.DE: Du hast in den letzten Wochen einen großen Schritt gemacht. Der erste Einsatz von Beginn an gegen Chemnitz im Pokal, dann zweimal in der Startelf gestanden und sogar ein Tor erzielt. Kann man sagen, bei dir läuft momentan alles perfekt?

Levent Aycicek: „Natürlich hat sich für mich ein großer Wunsch erfüllt. Gegen Paderborn lief es für mich, aber auch die gesamte Mannschaft überragend. Das war schon sehr viel Neues auf einen Schlag. Das auf den Zaun klettern, die Hoffnungen der Fans und und und..."

WERDER.DE: Wie gehst du damit um?

Aycicek: „Ich wurde von meinen Eltern so erzogen, immer bodenständig zu bleiben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell es gehen kann, wieder raus zu sein. Das braucht nur eine Verletzung. Ich weiß deshalb, dass das zwar ein Anfang war, aber nicht mehr. Ich kann mir davon nichts kaufen. Ich habe noch nichts erreicht und muss mich erstmal dauerhaft in die Mannschaft spielen. Das geht nur durch gute Leistungen - im Spiel, vor allem jedoch im Training."

WERDER.DE: Was sind die größten Unterschiede zwischen Regional- und Bundesliga?

Aycicek: "Das Spieltempo in der Bundesliga ist viel höher, alles geht schneller. Das liegt mir zwar grundsätzlich, aber ich muss mich trotzdem noch etwas umgewöhnen. Das wichtigste ist, dass ich weiter meine Minuten sammele, versuche die Leistung abzurufen und dann den ein oder anderen Treffer zu landen."

WERDER.DE: Wie sehr ist es Genugtuung oder Bestätigung, trotz zweier langer Verletzungspausen und Rückschlägen endlich den Sprung geschafft zu haben?

Aycicek: „Es war eine schwierige Zeit. Ich musste kämpfen, aber ich habe den Kampf angenommen. Zum Glück hatte ich damals meine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann bei Werder, mit der ich mich ablenken konnte und viele Leute die mich toll unterstützt haben. Mein Ausbilder, Herr Höfer, meine Familie und der Verein, der zu mir gestanden hat. Sonst hätte ich das nicht geschafft."

WERDER.DE: Mit Viktor Skripnik hast du einen Trainer, der dich ebenfalls seit Jahren kennt und auf dich baut...

Aycicek: „Ich habe in der U 17 zwei Jahre unter ihm gespielt und auch bei der U 23. Wir kennen uns gegenseitig sehr gut. Er weiß um meine Stärken, meinen Charakter und mit mir umzugehen. Das ist natürlich ein Vorteil für ihn und für mich. Natürlich haben zu Beginn viele Teamkollegen gefragt: ‚Und, was ist er für einer?‘ (lacht)"

WERDER.DE: Und? Was ist er für einer?

Aycicek: „Er ist ein lustiger Typ, ein super Trainer. Das Training unter ihm macht einfach Spaß. Allerdings kann er auch anders: Wenn es nicht läuft, geht es ordentlich zu Sache. Ich aber denke, das gehört dazu."

WERDER.DE: Durch die Niederlage in Frankfurt seid ihr wieder auf den vorletzten Platz gerutscht. Was ist euer Ziel bis zur Winterpause?

Aycicek: "Das kurzfristige Ziel ist, zur Winterpause nicht auf einem Abstiegsplatz zu stehen, damit wir etwas beruhigter in die Saisonvorbereitung gehen können."

WERDER.DE: Viktor Skripnik hat betont, das dafür besonders die Heimspiele wichtig sind. Am Samstag ist Hannover 96 zu Gast, ein Verein den du gut kennst. Gemeinsam mit deinem Bruder Deniz hast du in der Jugend für Hannover gespielt...

Aycicek: „Ich wurde dort drei Jahre ausgebildet. Mein Bruder und ich sind damals zusammen zu 96 gegangen, nachdem uns zunächst unser Vater trainiert hat. Es ist auf jeden Fall eine besondere Begegnung für mich. Zwar habe ich schon sechsmal mit Nachwuchsteams gegen Hannover gespielt und stand im Kader für ein Bundesliga-Duell, aber wenn ich jetzt spiele und wir gewinnen sollten, wäre das natürlich ein Highlight."

WERDER.DE: Du bist in Nienburg, das relativ mittig zwischen Bremen und Hannover liegt, geboren. Fühlst du dich eher als Bremer oder als Hannoveraner?

Aycicek: „Ich bin eher Bremer. Werder ist meine Heimat. Ich habe fünf Jahre im Internat über der Ostkurve gelebt und fühle mich im Verein sehr wohl. Bei mir zu Hause fühlen sich die meisten Leute eher Hannover zugehörig, auch meine ganzen Kumpels sind Hannover-Fans. Viele kommen am Wochenende ins Stadion und die meisten haben sogar gesagt, dass Werder gewinnen darf, sofern ich spiele (lacht). Das freut mich natürlich."

WERDER.DE: Zuletzt gab es ja zwei Heimsiege gegen Stuttgart und Paderborn. Wie schätzt du eure Chancen für Samstag ein?

Aycicek: „Zu Hause mit den Fans im Rücken sind wir stark. Das haben wir schon mehrfach gezeigt. Ich hoffe und glaube fest daran, dass wir gewinnen. Ein Sieg wäre enorm wichtig."