Interview mit Klaus Filbry: Von Erpressung kann gar keine Rede sein

Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung, hält die Absage aller weiteren Länderspiele für "folgerichtig".
Profis
Samstag, 26.07.2014 // 11:36 Uhr

Seit Ende der Woche steht fest: Das Länderspiel zwischen Deutschland und Gibraltar am 14.11.2014 findet nicht im Bremer Weser-Stadion statt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) reagierten damit auf die Pläne des Bremer Senats, den Verband an den Polizeikosten für Einsätze rund um Bundesligaspiele in Bremen zu beteiligen. Im Interview erklärt Werders Vorsitzender der Geschäftsführung, Klaus Filbry, warum er die Absage des Länderspiels für „folgerichtig" hält, welche finanziellen Auswirkungen die Entscheidung auf Werder Bremen hat und warum er den Vorwurf der Erpressung seitens der Bremer Politik für haltlos hält.

WERDER.DE: Klaus Filbry, wie erwartet hat die DFL das Länderspiel im November zwischen Deutschland und Gibraltar verlegt. Es wird jetzt in Nürnberg ausgetragen. Wie sehr schmerzt es, wenn man jetzt den Beschluss schwarz auf weiß vorliegen hat?

Klaus Filbry: "Obwohl wir ja schon entsprechende Signale aus Frankfurt hatten, tut es uns und allen Fußballfans der Region sehr weh. Es ist ein emotionaler Schmerz und ein finanzieller. Und alles nur, weil das Bundesland Bremen glaubt, Absprachen nicht einhalten zu müssen und als einziges von 16 Bundesländern aus einer bisher funktionierenden Solidargemeinschaft ausscheren zu müssen. Ich bin ganz ehrlich, ich hätte nie geglaubt, dass die Bremer Politik diesen Schritt geht. Der Vertrauensverlust zwischen den großen Verbänden und Bremen ist riesig. Die Absage aller weiteren Länderspiele in Bremen ist nur folgerichtig."

WERDER.DE: Welche Absprachen meinen Sie?

Klaus Filbry: "Im Mai 2012 haben Sportverbände und Politik intensiv über das Thema Sportgroßveranstaltungen und Polizeieinsätze gesprochen. In einer Sitzung mit allen Innenministern und Vertretern von DFL, DFB und DOSB wurde ein gemeinsamer Zehn-Punkte-Plan erarbeitet, der unter anderem Gewältprävention und täterorientierte Aufklärung als Schwerpunkte setzte und das Thema Übernahme von Polizeikosten ausschloss, weil sich in dieser Runde alle einig waren, dass dieser Weg nicht zielführend wäre. Allein Werder hat im Sinne dieses Zehn-Punkte-Plans finanzielle Ausgaben im siebenstelligen Bereich getätigt, um hier entsprechend zu arbeiten. Und dabei reden wir nicht von den Steuern, die Werder jährlich zahlt. Ich glaube, Werder ist derjenige Verein in der Bundesliga, der diesen Plan am vorbildlichsten umsetzt. Im Mai 2014 wurde dem Sportvertretern auf der Innenministerkonferenz noch mal deutlich signalisiert, dass vorbildlich gearbeitet wird, der Sport sich zu hundert Prozent an die Absprachen gehalten hat. Vor diesem Hintergrund ist die heftige Reaktion von DFB, DFL und DOSB für mich absolut nachvollziehbar."

Werder tätigt Aufwendungen im siebenstelligen Bereich

WERDER.DE: Wie groß ist denn neben dem „emotionalen Schmerz" der „finanzielle" für Bremen und Werder?

Klaus Filbry: "Das Länderspiel gegen Gibraltar war mit 600 000 Euro für Werder Bremen und die Weserstadion GmbH budgetiert. Einnahmen, die jetzt entfallen. Auch die Bremer Tourismusbranche wird sehr traurig sein, weil sie Umsatzeinbußen hat. Das Schlimmste ist, dass sich die Menschen in Bremen auf diese Großveranstaltung gefreut haben. Sie wollten die Weltmeister-Mannschaft sehen, der sie den ganzen Sommer die Daumen gedrückt haben. Dafür müssen sie jetzt nach Nürnberg fahren."

WERDER.DE: Der Bremer SPD-Fraktions-Chef Björn Tschöpe griff den Sport und den DFB gestern scharf an und sprach vom Versuch „eine demokratisch legitimierte Regierung und ein frei gewähltes Parlament mit dem Entzug von Sportveranstaltungen erpressen zu wollen". Was sagen Sie dazu?

Klaus Filbry: "Das muss ich entschieden zurückweisen. Es gibt, wie gesagt, deutliche Absprachen zwischen dem Sport und der Innenministerkonferenz. Und Bremen ist jetzt das einzige von 16 Bundesländern, das einfach mal entscheidet, sich nicht daran halten zu wollen, aber die zusätzlichen Leistungen des SV Werder für mehr Sicherheit im Rahmen des Zehn-Punkte-Plans gerne mitgenommen hat. Jetzt von „Erpressung" zu reden ist die Krönung dieses Vorgehens."

WERDER.DE: Bremer Politikvertreter argumentieren, dass die DFL 300 Millionen Gewinn gemacht hat, und damit ihren Teil der Kosten übernehmen könnte.

Klaus Filbry: "Das ist doch Populismus pur. Die DFL ist nicht darauf aus, gewinnorientiert zu arbeiten. Wer ein bisschen Ahnung hat, weiß, dass die DFL nahezu alle diese Gelder wieder an ihre 36 Vereine ausschüttet. Die bezahlen alle Steuern und ihre Investitionen für Gewaltprävention. Allein Werder Bremen hat pro Jahr auf diesem Sektor Aufwendungen im siebenstelligen Bereich. Das heißt nichts anderes als dass von diesen 300 Millionen schon eine Riesensumme bezahlt wird, um die gemeinsam verabredeten Maßnahmen zu unterstützen."

"Wir werden den Dialog wieder aufnehmen"

WERDER.DE: Sollten sich die Pläne des Bremer Senats durchsetzen und die DFL künftig die Mehrkosten für Polizeieinsätze übernehmen, wird es dann nicht von der Partei, die „die Zeche bezahlt" eine Einflussnahme auf die Einsätze geben?

Klaus Filbry: "Das ist sehr hypothetisch und plakativ, aber es ist durchaus eine große Sorge der Polizeigewerkschaft in Bremen, dass jeder Einsatz dann sehr kritisch beobachtet wird und mit vielen Diskussionen verbunden sein wird. Natürlich wird dann das Bestreben der Partei, die mitbezahlen muss, vorhanden sein, sich einzumischen und Einfluss zu nehmen. Das ist sicher nicht im Sinne einer Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit. Und ich betone noch einmal, das will auch keiner aus dem Sport."

WERDER.DE: Was passiert eigentlich bei Europapokalspielen?

Klaus Filbry: "Das ist ein Punkt, an dem meiner Meinung nach deutlich wird, dass der Plan des Bremer Senats auch nicht zu Ende gedacht ist. Was, wenn es nicht mehr um Spiele der DFL geht, sondern um internationale? Wie reagiert dann die UEFA? Allein diese Verunsicherung, die vielen offenen Fragen, werden Verbände zum Anlass nehmen, große Sportveranstaltungen nicht mehr nach Bremen zu vergeben. DOSB-Präsident Hörmann hat ja bereits entsprechende Signale ausgesendet. Aber auch außerhalb des Sports beschäftigt man sich mit dem Thema. Was ist dann mit anderen Großereignissen wie dem Freimarkt oder dem Karneval in Köln und Düsseldorf? Alle diese Themen wären von diesem Gesetzesentwurf betroffen. Das hätte signifikante Auswirkungen. Dann würden noch ganz andere Debatten losgetreten."

WERDER.DE: Wie geht es in Zukunft weiter, ist das Tischtuch mit dem Bremer Senat zerschnitten, wird Werder jetzt bei DFB und DFL „schief angeschaut"?

Klaus Filbry: "Überhaupt nicht. Mit DFL und DFB sitzt Werder im gleichen Boot, wir haben das gleiche Ziel, wir waren über alle Reaktionen und Vorgänge informiert. Und auch die Zusammenarbeit mit der Stadt wird nicht dauerhaft darunter leiden. Mit unseren Ansprechpartnern auf städtischer Ebene arbeiten wir hervorragend zusammen. Heiner Heseler, der Bremer Wirtschafts-Staatsrat, und weitere Vertreter der Bremer Politik sitzen mit mir im Aufsichtsrat der Bremer Weserstadion GmbH. Dort ist die Zusammenarbeit sehr konstruktiv und vertrauensvoll."

WERDER.DE: Was passiert dann, wenn sich die ersten Emotionen gelegt haben?

Klaus Filbry: "Dann werden wir hinter den Kulissen den Dialog aufnehmen. Wir werden versuchen zu verstehen, warum sich Bremen hier in Form von Herrn Mäurer als Innensenator und der SPD-Fraktion nicht an den gemeinsamen Beschluss der Innenministerkonferenz hält. Wir werden weiter Überzeugungsarbeit leisten, dass das bestehende Konzept bereits Früchte getragen hat. Wir wissen, dass es im Senat auch Menschen gibt, die das genau so sehen."