"Im Kopf stand nur: Bayern, Bayern!"

Profis
Donnerstag, 08.05.2014 // 11:36 Uhr

"Wo soll man bloß anfangen?", kennt selbst Tim Borowski, einer der Hauptprotagonisten der Double-Saison 2003/2004, nicht DIE Antwort auf die Frage, welches Highlight für ihn persönlich der 3:1-Triumph ...

"Wo soll man bloß anfangen?", kennt selbst Tim Borowski, einer der Hauptprotagonisten der Double-Saison 2003/2004, nicht DIE Antwort auf die Frage, welches Highlight für ihn persönlich der 3:1-Triumph in München und das, was anschließend folgte, war. Waren es die 90 Minuten selbst? Die Jubeleinlagen unmittelbar nach Schlusspfiff? Oder doch eher die Ankunft am späten Abend am Bremer Flughafen? 'Boro', Ailton, Schaaf und Co. erinnern sich an die ganz speziellen Momente, die sich exakt vor zehn Jahren abspielten.  

Thomas Schaaf: „Mit dem Double-Jahr sind für mich persönlich sehr viele Erinnerungen und Bilder verbunden. Egal, ob es in München war oder als wir hier in die Stadt zurückgekommen sind. Es gibt unglaublich viele schöne Bilder. Beispielsweise als wir hier in Bremen gelandet sind nach dem Spiel in München oder als wir durch die Stadt gefahren sind und die Leute uns zugejubelt haben. Das war außergewöhnlich. Da bekommt man immer noch eine Gänsehaut, wenn man daran zurückdenkt. Das ist eine große Freude." 

Tim Borowski:

„Wo soll man bloß anfangen? Der 3:1-Sieg in München, die anschließende Ankunft am Bremer Flughafen, der Autokorso zum Rathaus - das waren Eindrücke, die man als Spieler nie vergisst. Und dadurch, dass vor der Saison niemand einen Pfifferling auf uns gesetzt hatte, waren die Erfolge umso schöner. Wir waren 2003/2004 einfach eine fantastische Truppe, zum Teil sind wir noch heute befreundet. Selbst Rückschläge konnten uns nichts anhaben. Als beispielsweise die Wechsel von Ailton und Mladen Krstajic zu Schalke 04 bekannt wurden, war das für uns erst mal ein Schock. Einige Medien haben für reichlich Unruhe gesorgt, aber wir haben uns davon nicht beirren lassen. Alle haben sich hochprofessionell verhalten und weiter Vollgas gegeben. Ich weiß, es klingt abgedroschen, aber wir waren einfach Woche für Woche voll auf die jeweilige Aufgabe fokussiert. Und unser Selbstvertrauen wurde im Laufe der Saison immer größer. Wir wussten, wie stark wir sind, irgendwann war es völlig egal, gegen wen oder wo wir spielten. Der Gewinn des Titels war sensationell. Ich will nicht bestreiten, dass wir danach ordentlich gefeiert haben. Allerdings dauerte es nicht lange, bis uns bewusst wurde, dass wir mit dem Double etwas Einmaliges schaffen können. Das Pokalfinale war dann vielleicht nicht das beste Spiel meiner Karriere, aber sicher eines der emotionalsten."

Johan Micoud:

„Wir hatten den Glauben, dass wir es wirklich schaffen konnten. Das war ganz entscheidend, um die beiden Titel zu gewinnen."

Andreas Reinke:

„Ich war erst zehn Minuten in Bremen, da hatte ich schon einen Strafzettel an der Windschutzscheibe kleben. ‚Das geht ja gut los‘, habe ich mir gedacht, aber Gott sei Dank blieb es das einzige Negativerlebnis. Von einem Double-Gewinn hätte ich allerdings nicht zu träumen gewagt. Eigentlich wollte ich dem SV Werder ‚nur‘ helfen, sich für das internationale Geschäft zu qualifizieren. Was uns ausgezeichnet hat? Ich glaube, vor allem unser Umgang miteinander. Wir haben auch mal Tacheles geredet, aber danach sind wir gemeinsam ein Bier trinken gegangen. Wir konnten uns immer in die Augen schauen. Heute ist das vielleicht schwieriger geworden, damals wurde man noch nicht an jeder Ecke fotografiert. Natürlich hatten wir herausragende Einzelkönner in unseren Reihen. Johan Micoud stand fußballerisch sicher eine Stufe über allen anderen - und Ailton hat jedes Ding reingemacht, das ihm vor die Füße kam. Das A und O waren aber unsere mannschaftliche Geschlossenheit und eine perfekte Aufgabenteilung. Thomas Schaaf hat uns immer hervorragend vorbereitet. Motiviert waren wir fast automatisch, als Ziel reichte: Lasst uns Platz eins verteidigen. Wenn man im Erfolgssog ist, wird man immer gieriger aufs Gewinnen. Deshalb sind uns auch viele ‚Last-Minute-Siege‘ gelungen. Wir waren immer davon überzeugt, dass wir noch ein Tor schießen können."

Ailton:

„Einen Tag vorher konnte ich gar nicht schlafen, kein Essen. Im Kopf stand nur: Bayern, Bayern."

Fabian Ernst:

„Mit am besten in Erinnerung ist mir der Rückflug aus München. Als wir in Bremen ankamen, hat unser kleiner ‚OLT‘-Flieger erst mal eine Extrarunde über dem Flughafen gedreht. In dem Moment haben wir gesehen, dass sich halb Bremen am Rollfeld versammelt hatte. Einen schöneren Empfang hätte man sich nicht wünschen können. Die Saison 2003/2004 hatte irgendwann eine Eigendynamik entwickelt. Wann genau, das ist schwer zu sagen, vielleicht ging es am 7. Spieltag beim 1. FC Köln los. Wir gewannen 4:1, das weiß ich noch genau, ich habe damals drei Tore vorbereitet. Vielleicht war es auch beim 4:2-Sieg ein paar Wochen später in Freiburg. Irgendwann griffen einfach die Automatismen, wir haben gar nicht mehr großartig nachgedacht. Das war das Ergebnis einer langfristigen Entwicklung. Die Mannschaft wurde über Jahre aufgebaut und immer wieder punktuell ergänzt. Ich war ja zum Beispiel schon seit 2000 beim SV Werder. In Bremen hat man mir die Zeit gegeben, um sportlich und persönlich zu reifen. Das Double zu gewinnen, war sicherlich die Krönung. Mit Besiktas Istanbul ist mir das später in der Türkei noch einmal gelungen, aber die Bundesliga hat natürlich einen anderen Stellenwert. Wir hatten tolle Charaktere in der Mannschaft. Und die Art und Weise, wie Werder damals Fußball gespielt hat, war etwas ganz Besonderes. So etwas habe ich danach nie wieder erlebt."

Nelson Valdez:

„Es war damals erst meine zweite Saison als Profi. Dass wir dann direkt das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg holen konnte, ist noch heute mein größter Erfolg."

Valérien Ismaël:

„Ich erinnere mich noch an meine offizielle Vorstellung, als ich 2003 nach Bremen kam. Weil ich mir selbst immer sehr hohe Ziele gesteckt habe, sagte ich schon bei der Pressekonferenz, dass ich mit dem SV Werder Titel holen möchte. Die Menschen im Raum haben mich mit großen Augen angeschaut, aber das war mir egal. Denn ich habe von Anfang an gespürt: Hier passt es einfach. Die Vorbereitung auf die Saison lief allerdings alles andere als geplant. Im UI-Cup schieden wir gegen den FC Pasching aus. Damit hatten wir das erste Saisonziel, den Einzug in den UEFA-Cup, verpasst. Drei Tage später war das aber fast vergessen, weil wir zum Bundesliga-Start überraschend klar gewannen. Dabei hätten wir das Spiel bei Hertha BSC beinahe verpasst. Weil wir im Stau standen, kamen wir erst kurz vor 15.00 Uhr in Berlin an und hatten nur fünf Minuten zum Umziehen. Trotzdem gewannen wir 3:0. Vielleicht war das der erste Moment, in dem wir gemerkt haben, dass wir kein Team wie jedes andere sind. Mit Mladen Krstajic, meinem Partner in der Innenverteidigung, habe ich mich fast blind verstanden. Spätestens in der zweiten Saisonhälfte kannten wir unsere Bewegungsabläufe und Laufwege in- und auswendig. Solch eine Harmonie habe ich nie wieder mit einem Spieler gehabt. Die Saison 2003/2004 war einfach unvergesslich. Wir haben Geschichte geschrieben."