Die etwas anderen 90 Minuten

Fragen kommen beim Unterricht genügend auf. Trotzdem sind Franco und Santi eifrig dabei.
Profis
Dienstag, 05.11.2013 // 11:31 Uhr

Nach dem 3:2-Sieg gegen Hannover, ist vor dem Spiel gegen Schalke. Nach einem trainingsfreien Tag am heutigen Dienstag geht es für die Profis am Mittwoch wieder auf den Rasen. Zwei Werderaner hingegen kommen derzeit auch abseits des Platzes ins Schwitzen. WERDER.DE besuchte Santiago Garcia und Franco Di Santo beim Deutschunterricht. Und ganz ohne Ball geht es auch dabei nicht: Fußballspielend lernen die beiden Begriffe, wie „Hacke", „Spitze" oder „Innenrist".

Arne Kops heißt der Deutschlehrer der beiden Argentinier. Und er ist nicht zum munteren Kick vorbeigekommen, sondern zum Pauken. Obwohl sie der Sprachtrainer fordert, haben Santiago Garcia, Franco Di Santo und ihr Lehrer beim lockeren Vokabel-Lernen viel zu Lachen. Noch hallen zwei Sprachen durch die Wohnung von Santiago Garcia. Immer, wenn das Spanisch überhandnimmt, hebt Arne Kops kurz die Stimme und spricht demonstrativ auf Deutsch weiter. Mit Erfolg: die einzelnen Teile des Fußes können die beiden Argentinier inzwischen unterscheiden. Nach der Lerneinheit mit dem Lederball setzen die Werder-Profis ihre Arbeit am Wohnzimmertisch fort.

Dort liegen schon Stifte und Vokabelhefte bereit. Und die sind bereits gut gefüllt. Arne Kops muss trotzdem kurz eingreifen, um eine geeignete Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Denn auf dem Tisch haben Santiago Garcia und seine Freundin Carla Gebäck und Getränke bereitgestellt. „Hier sieht`s ja aus wie bei einem Kindergeburtstag! Da müssen wir erst ein bisschen Platz schaffen", kommentiert Arne Kops die Dekoration schmunzelnd. Dann konzentrieren sich die drei wieder aufs Wesentliche - mit kleinen Ausnahmen, natürlich. Schon steht der nächste Themenkomplex an: Satzkonstruktionen. Wahrscheinlich schaudert es den Werder-Profis schon beim Hören dieses Wortes.

Obwohl sich das Deutsch so viele Vorwürfe gefallen lassen muss, stellen sich Werders Argentinier der Herausforderung tapfer. Erst seit ein paar Wochen nehmen Franco Di Santo und Santiago Garcia Sprachunterricht. Die wichtigsten Sätze haben sie aber schon intus. Wohl jedem Fan hüpft vor Vorfreude das Werder-Herz, wenn Franco Di Santo sagt: „Ich schieße sehr gerne Tore." Lachend gibt Arne Kops Praxistipps: „Den Satz kannst du in jedem Interview benutzen, der kommt immer gut."

Danach aber schieben die drei munter Kärtchen mit einzelnen Wörtern auf dem Tisch hin und her. Die Schüler sollen den Begriffen die richtige Position im Satz zuweisen. Teilweise klappt das schon ganz gut. Santiago Garcia verfolgt jede Anweisung seines Sprachlehrers mit aufmerksamem Blick, wiederholt eben Gelerntes für sich selbst. „Santi, schießt du gerne Ecken?", fragt Arne Kops jetzt. Nach kurzem Nachdenken versteht der Verteidiger die Frage und antwortet prompt mit „Nein." Dann erkundigt er sich in seiner Muttersprache nach einem Wort und bildet selbstständig den Satz. „Ich köpfe gern."

Arne Kops von der Firma BeSpoken hat schon vielen Weder-Profis das Deutschsprechen beigebracht. Aktuell lernen auch Theodor Gebre Selassie, Luca Caldirola und Mateo Pavlovic bei ihm. Dass die beiden argentinischen Neuverpflichtungen gemeinsam Unterricht haben, ist eine Ausnahme. Normalerweise übt „Santi" gemeinsam mit seiner Freundin Carla. Die beiden gehen das Lernen mit großem Ehrgeiz an, üben sogar außerhalb der Unterrichtszeit. Obwohl Carla bald für zwei Monate nach Argentinien fliegen wird, möchte sie per „Skype" am Sprachunterricht teilnehmen. Stürmer Franco Di Santo sieht das Lernen etwas gelassener. „Deutsch ist eine sehr schwere Sprache", gibt er zu. Trotzdem verspricht er mit einem großen Augenzwinkern: „Aber wir geben unser Bestes, um sie schnell zu lernen - Santi mehr als ich..."

Während in einem Fußballspiel nach 45 Minuten Zeit zum Durchatmen wäre, widmen sich die Schüler und ihr Sprachlehrer den trennbaren Verben. Dabei haben sie ihre Schwierigkeiten mit Begriffen wie „einwechseln". Denn plötzlich hat das Wort zwei Teile und es heißt: „Der Trainer wechselt Santi ein." Franco Di Santo greift zur Schere und zerschneidet das Verb an der Stelle, an der es getrennt werden soll. Unterricht zum Anfassen.

Wie gewohnt ist das Training vorbei- und zwar nach 90 Minuten. Ein- bis zweimal wöchentlich lernen die Fußballprofis bei Arne Kops. Die Verständigung auf dem Platz klappt jetzt schon hervorragend. Schließlich wird auf dem Platz eine Sprache gesprochen: Fußball. Bis die beiden allerdings ihre ersten Interviews auf Deutsch geben können, wird es wohl noch eine Weile dauern. Es sei denn, Journalisten geben sich mit einem Satz zufrieden: „Ich schieße sehr gerne Tore."

Von Laura Ziegler