Bargfrede-Interview: Bin schon recht weit, aber...

Bargfrede hatte sichtlich Spaß am Freimarkt-Besuch mit WERDER.DE.
Profis
Donnerstag, 31.10.2013 // 11:16 Uhr

Der Begriff „Seuchenjahr" wurde vermutlich für exakt solche Monate erfunden, die hinter Philipp Bargfrede liegen. Immer, wenn der 24-Jährige gerade wieder fit war und sich wieder an die Mannschaft heran gekämpft hatte, folgte ein neuer Rückschlag.

Der Begriff „Seuchenjahr" wurde vermutlich für exakt solche Monate erfunden, die hinter Philipp Bargfrede liegen. Immer, wenn der 24-Jährige gerade wieder fit war und sich an die Mannschaft heran gekämpft hatte, folgte ein neuer Rückschlag. Entsprechend ehrgeizig waren die Ziele für die aktuelle Saison, doch schon am zweiten Trainingstag der Sommervorbereitung setzte ihn eine Meniskusverletzung erneut außer Gefecht. Schritt für Schritt kämpft sich Werders Nummer 44 nun wieder zurück. Um über die schwierigen letzten Monate zu sprechen und voller Zuversicht auf die kommenden Wochen vorauszuschauen traf sich Bargfrede mit WERDER.DE - natürlich auf dem Freimarkt, so wie es sich zu der Jahreszeit gehört.

WERDER.DE: In Bremen ist derzeit die fünfte Jahreszeit, es ist Freimarkt. Warst du in diesem Jahr schon hier?

Philipp Bargfrede: „Ich war bisher tatsächlich noch nicht privat hier, nur letzte Woche zusammen mit Nils Petersen beim Tag der Menschen mit Behinderung im Bayern-Zelt. Aber auch, wenn es die letzte Woche ist: Ich werde aber sicher auch nochmal privat herkommen, das gehört dazu."

WERDER.DE: Daran kommt man also auch in deiner Situation nicht vorbei?

Philipp Bargfrede: "Natürlich liegt der Fokus bei mir momentan mehr darauf wieder fit zu werden. Ich bin nach meiner Verletzung jetzt aber schon recht weit, kann schon wieder viel machen, bin täglich ein bis zweimal auf dem Platz und arbeite auch schon mit dem Ball. Das ist nicht nur gut für die Beine, sondern auch für den Kopf. Ich laufe nicht mit hängendem Kopf durch die Gegend!"

WERDER.DE: Ich kann mir vorstellen, dass das nicht immer so war in den letzten Wochen. Was für Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man immer und immer wieder mit Rückschlägen umgehen muss?

Philipp Bargfrede: "Zugegeben, bei dieser Verletzung war es für mich extrem schwer. Ich hatte im letzten Jahr eine lange Phase, in der ich verletzt war und nicht spielen konnte. Da nimmt man sich für die neue Saison natürlich extrem viel vor. Es kommt ein neuer Trainer und da willst du wieder voll angreifen. Dass dann gleich im zweiten Training so etwas passiert, war hart. Aber inzwischen blicke ich wieder optimistisch in die Zukunft."

WERDER.DE: Du sprichst den bitteren Moment am zweiten Trainingstag an. Sind das die Augenblicke, in der die Kehrseite der glitzernden Fußballwelt ans Licht kommen?

Philipp Bargfrede: "Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ich in der Saison, bevor ich den Sprung zu den Profis geschafft habe, bei den Amateuren auch wenig gespielt habe. Das kann man aber nicht ändern, das sind Verletzungen, vor denen man sich kaum schützen kann. Aber da muss man positiv bleiben - sonst zieht es einen runter."

WERDER.DE: Es ging aber nicht so weit, dass du alles in Frage gestellt hast und den Fußball gegen einen „normalen" Lehrberuf tauschen wolltest?

Philipp Bargfrede: "Wenn ich sagen würde, dass ich nie daran gedacht hätte, dann würde ich lügen. Aber dieser Gedanke verfliegt dann immer ganz schnell und weicht dem Optimismus und der Vorfreude, bald wieder auf dem Platz stehen zu können. Bisher ist es mir immer gelungen nach den Verletzungen zurückzukommen. Warum soll das dieses Mal nicht wieder so sein? Ich bleibe positiv. Es ist keine einfache Situation, aber ich weiß durchaus, dass es mir auch deutlich schlechter gehen könnte."

WERDER.DE: Lass uns über deine Reha sprechen. Kannst du uns aufklären, wie und wo du in den letzten Monaten an deiner Rückkehr gearbeitet hast?

Philipp Bargfrede: "Operiert wurde ich bei Dr. Boenisch in Augsburg. Den ersten Teil der Reha habe ich dann in Traunreut, in der Nähe von München gemacht. Da habe ich die Möglichkeit gehabt, den Kopf freizubekommen. An den Wochenenden war ich unterwegs, zum Beispiel in Salzburg. Außerdem waren meine Freundin, mein Bruder und Kollegen zu Besuch, ich war mit Jens Jeremies (arbeitet in der Beratungsagentur von Bargfrede) beim Champions-League-Spiel von Bayern gegen Moskau. Das hat mir insgesamt schon sehr gut getan. Das hat mich auch vom Kopf weitergebracht."

WERDER.DE: Und seit wann bist du wieder in Bremen?

Philipp Bargfrede: "Seit dem Heimspiel gegen Nürnberg bin ich wieder hier. Ich bin exakt zum richtigen Zeitpunkt wiedergekommen, also quasi mit Start meines Lauftrainings. In den ersten sechs Wochen in Traunreut war ich noch sehr eingeschränkt, mein Programm hier ist also schon eine deutliche Steigerung für mich. Und das Beste: Bisher hatte ich keine Rückschläge, das Knie ist nie dick geworden und ich bin weitestgehend schmerzfrei."

WERDER.DE: Das klingt sehr positiv! Wie sehen jetzt die nächsten Schritte aus?

Philipp Bargfrede: "Ich bin so weit, dass ich fast alles machen kann. In der nächsten Zeit muss ich vor allem an der Kondition und der Koordination arbeiten, um die Bewegungsabläufe zu verbessern. Und dann hoffe ich schnellstmöglich wieder schmerzfrei und ohne Probleme kicken zu können."

WERDER.DE: Gibt es eine Prognose, wann das wieder der Fall sein könnte?

Philipp Bargfrede: "Das kann ich absolut nicht sagen. Ich bin jetzt schon eine recht lange Zeit raus und weiß nicht, wann ich wieder einsteigen, geschweige denn wieder spielen kann. Ich bin auf einem guten Weg, muss jetzt aber wieder komplett fit werden. Denn nur dann habe ich die Basis, vernünftig spielen zu können."

WERDER.DE: Dass das nicht von heute auf morgen geht, leuchtet ein. Wie gut tut es denn, wenigstens wieder im Kreise der Mannschaft sein zu können und nicht fernab in Bayern?

Philipp Bargfrede: "Es ist schon sehr wichtig, nicht komplett außen vor zu sein. Es bringt viel Spaß, wenn man mit den Kollegen zusammen ist. Und auch mit dem Fußballtennis im Kraftraum klappt es schon wieder ganz gut (lacht). Hoffentlich dauert es nicht mehr lange, bis ich wieder voll dabei bin."

WERDER.DE: Aktiv dabei warst du zwar noch nicht, aber lass uns über den bisherigen Saisonverlauf sprechen. Hast du alles verfolgen können?

Philipp Bargfrede: "Am Anfang fiel es mir echt schwer, die Spiele zu gucken, weil mich das echt runtergezogen hat, wenn ich darüber nachgedacht habe, nicht mitwirken zu können. Da habe ich die Spiele oft über den Live-Ticker verfolgt. Inzwischen gehe ich wieder regelmäßig im Stadion und drücke den Jungs da die Daumen."

WERDER.DE: Im nächsten Jahr feierst du zehnjähriges „Firmenjubiläum." Gibt es Momente, an die du spontan denkst, wenn du diese Zeit Revue passieren lässt?

Philipp Bargfrede: "Da fallen mir spontan einige Momente ein, denn es gab viele Highlights in dieser Zeit. Der absolute Höhepunkt war vermutlich auch gleichzeitig die größte Niederlage: Das DFB-Pokalfinale 2010 gegen Bayern. Aber auch die Anfangszeit bei den Profis und die Champions-League-Spiele gehören dazu. Und in den Jugendteams hatte ich ebenfalls viel Spaß. Zehn Jahre sind eben eine Hausnummer. Ich schaue aber selten zurück, sondern fokussiere mich voll auf die Zukunft."

WERDER.DE: Apropos Zukunft: Im Sommer 2014 läuft dein Vertrag aus. Gab es schon Gespräch, ob noch weitere Werder-Jahre dazukommen könnten?

Philipp Bargfrede: "Es hat noch keine Gespräche gegeben, das ergibt im Moment aber auch keinen Sinn. Ich möchte erst wieder richtig fit sein und auf dem Platz stehen, dann gehen wir diese Sachen an. Deshalb mache ich mir darüber noch keine Gedanken."

Das Interview führte Dominik Kupilas