Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wenn die TSG Werder Bremen empfängt, ist ein umkämpftes Duell garantiert, wissen auch Tobias Weis und Clemens Fritz (r.).
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

In Sinsheim brennt dreieinhalb Wochen vor Weihnachten der Baum. Nach acht Niederlagen und 32 Gegentoren in 14 Spielen befindet sich die TSG Hoffenheim auf Relegationsplatz 16.

In Sinsheim brennt dreieinhalb Wochen vor Weihnachten der Baum. Nach acht Niederlagen und 32 Gegentoren in 14 Spielen befindet sich die TSG Hoffenheim auf Relegationsplatz 16. Trainer Markus Babbel bleibt trotz der Negativbilanz im Amt - auch, weil Klub-Mäzen Dietmar Hopp aktuell in Florida urlaubt und Manager Andreas Müller um Ruhe bemüht ist. Dabei ist die Stimmung alles andere als ruhig im Kraichgau. Und ausgerechnet vor dem nächsten Spiel gegen Werder Bremen steht ein Spieler im Fokus, der beide Klubs kennt und doch nicht auf dem Platz stehen wird.

Seit 2008 spielt die TSG 1899 Hoffenheim in der höchsten deutschen Spielklasse. Die Endplatzierungen seitdem können sich für einen Liganeuling durchaus sehen lassen: einmal Rang 7 und je dreimal Rang 11 erreichte die TSG zuletzt. Grund genug, um den nächsten Schritt zu wagen. Vor dieser Saison wurden deshalb zunächst hochgehandelte Spieler verpflichtet, ehe das Ziel „Internationaler Wettbewerb" ausgeschrieben wurde. Sämtliche Träume und vor allem sämtliche Ansprüche scheinen sich, wenige Wochen vor Weihnachten, in Luft aufgelöst zu haben. Zum Fest der Liebe (und der Geschenke) hat man in Sinsheim nur noch einen Wunsch - und der lautet: Klassenerhalt.

Große Spieler, große Erwartungen, große Enttäuschungen

Viele Neueinkäufe, unter ihnen auch Eren Derdiyok (2.v.l.), sollten Hoffenheim in die Europa-League führen.

Die Liste der Stars, die zu Saisonbeginn ihre Zelte im Kraichgau aufschlugen, ist lang: mit Matthieu Delpierre (Stuttgart), Eren Derdiyok (Leverkusen) und Tim Wiese (Bremen), aber auch mit Patrick Ochs, Chris (beide Wolfsburg) oder Takashi Usami (Bayern) sollte der Großangriff auf die Europa-League-Startplätze gelingen. Besonders die Defensive wurde namhaft verstärkt und besonders die Defensive ist es, die wegen vieler Gegentore zuletzt immer wieder im Fokus stand. Schon im ersten Pflichtspiel der Saison hagelte es eine deftige Niederlage: 0:4 gegen einen Viertligisten in der ersten DFB-Pokalrunde.

In der Bundesliga wurde der Start ebenfalls verpatzt: 1:2 in Gladbach, 0:4 gegen Frankfurt, 3:5 in Freiburg. Die darauffolgenden Siege gegen Hannover (3:1) und Stuttgart (3:0) wurden gerade als Befreiungsschlag gewertet, da ging es auch schon wieder abwärts. Seit dem fünften Spieltag hat Hoffenheim nur noch einen Sieg einfahren können (3:2 gegen Schalke). Vor der Partie gegen Werder befindet sich das Team von Trainer Markus Babbel auf Platz 16. „Es ist im Geschäft nun mal so, dass sofort über einen diskutiert wird. Du machst dir Gedanken: Bist du ein guter Trainer, bist du ein schlechter Trainer. Im Moment bin ich ein schlechter Trainer, weil die Resultate nicht stimmen", erklärte der TSG-Coach Babbel jüngst in einem Interview.

Schaaf: TSG-Spieler „stehen für Qualität“

Die Bilanz spricht für Werder: auch beim letzten Gastspiel in Hoffenheim hatten die Bremer Grund zum Jubeln.

Unter der Woche verlor das Babbel-Team in Nürnberg 2:4. Nun, am 15. Spieltag, kommt Werder in die „Wirsol Rhein-Neckar-Arena". Die Bremer sind nicht unbedingt ein Lieblingsgegner der Weiß-Blauen: neunmal trafen beide Klubs bisher aufeinander, sechsmal gewannen die Hanseaten. Beim letzten Gastspiel im Kraichgau (August 2011) siegten die Bremer 2:1 durch Tore von Marko Arnautovic und Markus Rosenberg.

Werder-Coach Thomas Schaaf warnt trotz der positiven Bilanz: „Die TSG ist eine Mannschaft, die wesentlich besser Fußball spielen kann, als der Tabellenplatz aussagt. Wir dürfen uns davon nicht blenden lassen. Die Spieler, die dort auflaufen, stehen für Qualität." Bei all den lobenden Worten hat Schaaf jedoch auch zur Kenntnis genommen, in welch einer brenzligen Phase sich der kommende Werder-Gegner befindet: „Man hat in Hoffenheim damit gerechnet, eine bessere Rolle in der Liga zu spielen. Dass man nun nicht zufrieden ist, ist doch klar. Aber in der Liga passieren eben Dinge, die man vorher nicht einplanen kann. Noch stehen die Mannschaften ja relativ eng zusammen."

Tim Wiese ist "noch nicht angekommen“

Es war bislang nicht die Saison des Tim Wiese. Der Ex-Bremer ist verletzt und nicht mehr die unumstrittene Nummer 1 im TSG-Tor.

Wie man es dreht und wendet, für die TSG ist es schon jetzt die schlechteste Saison ihrer - zugegeben noch jungen - Bundesligageschichte. Besonders Torhüter Tim Wiese wurmt das. Der im Sommer aus Bremen gekommene Keeper sollte dem Team das Siegergen einpflanzen, wurde prompt zum Kapitän ernannt und schlug schnell forsche Töne an: „Wir können hier Großes erreichen", erklärte er noch Ende Juli. Sogar das Wort „Champions-League" fiel. Die Wirklichkeit kommt weitaus weniger glanzvoll daher. Hoffenheim ist die Schießbude der Liga - unter anderem auch, weil Wiese im TSG-Trikot bislang nur selten überzeugte.

Mit einem Bänderriss im Knie fällt der ehemalige Bremer nun bis zur Winterpause aus und kann nicht gegen seinen Ex-Verein auf dem Platz stehen. Der zweite Mann im TSG-Tor heißt Koen Casteels. Einer, der auch ohne Wieses Verletzung seine Chance bekommen hätte, wie Babbel vor wenigen Tagen überraschend und ohne spezielle Nachfrage öffentlich verkündete: „Wir hätten Wieses Verletzung als Vorwand nutzen können, doch wir sagen es klar: Wir hatten den Eindruck, dass Koen besser mit der Mannschaft harmoniert. Tim ist noch nicht so angekommen, wie wir uns es wünschen."

Von einer offiziellen Degradierung wollte TSG-Manager Andreas Müller hingegen nichts wissen. Er stärkte Wiese den Rücken: „Tim Wiese ist ein hervorragender Torhüter, der seine Leistung nur noch nicht hat bringen können." Es scheint, als hätte der ehemalige Bremer bei allen Diskrepanzen zumindest das mit seinem neuen Klub gemeinsam.

Von Cord Sauer