Nordderby! Allheilmittel gegen die Krise?

Das Derby zwischen Werder und dem HSV ist das Spiel des Jahres, wissen auch Marko Arnautovic (l.) und Robert Tesche.
Profis
Donnerstag, 01.01.1970 // 01:00 Uhr

Die Situation beim Hamburger Sportverein könnte derzeit kaum brenzliger sein. Nach der schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte (Platz 15) missglückte auch der Start in die neue Spielzeit.

Die Situation beim Hamburger Sportverein könnte derzeit kaum brenzliger sein. Nach der schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte (Platz 15) missglückte auch der Start in die neue Spielzeit. Peinliches Erstrunden-Aus im DFB-Pokal, peinliche Auftaktniederlage in der Liga, gewünschte Neuzugänge kamen entweder verspätet (Jiracek, Badelj) oder (bislang) gar nicht (van der Vaart). Nicht nur HSV-Urgestein Uwe Seeler schlägt Alarm, eine ganze Stadt hat trotz 125-jährigem Vereinsjubliäum keinen Grund zu Feiern. Und jetzt, am kommenden Sonnabend, den 1. September 2012 um 15.30 Uhr, bittet auch noch Werder Bremen zum Nordderby.

Selten zuvor war Uwe Seeler so besorgt wie in diesen Tagen. Besorgt um „seinen" Klub, den HSV: „Was ich gegen Nürnberg gesehen habe, war noch schlimmer als in der vergangenen Saison." Was Seeler sah, war eine 0:1-Heimniederlage seines Hamburger Sportvereins gegen den 1. FC Nürnberg. Seit 20 Jahren hatten die Franken nicht mehr gewonnen in Hamburg. Jetzt, zum Auftakt der neuen Spielzeit 2012/2013, war es wieder soweit. Und so wirklich überrascht war niemand, hatten doch zahlreiche Fachleute und Experten vorausgesagt, dass dem HSV eine ganz schwere Saison bevorstünde.

Eine schwere Saison, die nach Abgängen von Leistungsträgern wie Paolo Guerrero, Mladen Petric, Gökhan Töre oder David Jarolim mit einer guten Vorbereitung begann, dann aber mit einem peinlichen Erstrunden-Aus im DFB-Pokal ihren Lauf nahm. 2:4 hieß es am Ende gegen den Drittligisten Karlsruher SC. Im Grunde ist der HSV gestartet, wie Werder Bremen. Auch die Grün-Weißen blamierten sich gegen einen Drittligisten, schieden gegen Preußen Münster (2:4 n.V.) aus und verloren ihr erstes Ligaspiel (1:2 in Dortmund). Doch an der Weser herrscht längst keine Untergangsstimmung. Aufwärtstrend: erkennbar. Stimmung: gut.

Marko Marin (r.) traf beim letzten Aufeinandertreffen beider Teams im Februar und sicherte Werder einen 3:1-Erfolg in Hamburg.

Nicht so beim Liga-Dino. Der Verein, der als einziger in 50 Jahren Bundesliga noch nie den Weg ins Unterhaus antreten musste, offenbarte zuletzt in allen Mannschaftsteilen Probleme. Die Saison steckt noch in ihrer Anfangsphase, doch das Wort Abstieg ist in Hamburg bereits allgegenwärtig. War die Euphorie zuletzt immer groß, ist die Erwartungshaltung nun stark gesunken, auch beim Publikum. Zum ersten Saisonheimspiel kamen knapp über 50.000 Fans in die Imtech-Arena. In den Jahren zuvor war das Stadion beim ersten Heimauftritt immer ausverkauft.

Ein Ligafehlstart droht allerdings nicht nur dem HSV, sondern auch Werder Bremen. Werder-Trainer Thomas Schaaf freut sich jedoch in erster Linie auf die Partie: "Wir können uns wieder beweisen. Es waren immer interessante Spiele gegen Hamburg, in denen beide Mannschaften alles abgeliefert haben. Das erwarte ich diesmal auch." In der Hamburger Startaufstellung erwarten nicht wenige die Neuzugänge Milan Badelj (Dinamo Zagreb) und Petr Jiracek (VfL Wolfsburg). „Die beiden sind keine Unbekannten", zeigt sich Schaaf gut vorbereitet, will den Fokus aber vor allem auf dem eigenen Team wissen: "Wir konzentrieren uns in erster Linie auf unsere Aufgaben. Die wollen wir erledigen, so gut es geht."

In der jüngsten Vergangenheit gelang dies den Bremern. In der letzten Saison entschied Werder beide Duelle gegen den HSV für sich (2:0, 3:1). „Im Fußball geht es um Ergebnisse. Es wäre deshalb schon sehr gut, gegen den HSV zu gewinnen", erklärt auch Werder-Geschäftsführer Klaus Allofs, für den es auch um "die Vorherrschaft im Norden" geht. Kann der HSV diese am Sonnabend an sich reißen, wäre sie das nötige Allheilmittel, das alle Störgeräusche und Baustellen in den Hintergrund rücken und auch die Fans besänftigen könnte.

Auf der anderen Seite kann eine Derbyniederlage die Lage beim HSV weiter verschärfen. Zuletzt sah HSV-Idol Seeler beim Team von Trainer Thorsten Fink "überhaupt keinen Fortschritt." Der deutsche Schriftsteller Erich Kästner sagte einst: „Nur Stillstand bedeutet Rückschritt." So gesehen ist Seelers Aussage damit entkräftet, denn Stillstand gibt es beim Hamburger SV nun wirklich nicht.

Von Cord Sauer