Boenisch-Kolumne: Am Sonntag müssen drei gehen

Sebastian Boenisch spielt mit Polen die Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land. Auf WERDER.DE berichtet der Verteidiger von seinen Erlebnissen bei diesem Event.
Profis
Donnerstag, 24.05.2012 // 12:02 Uhr

Jeder Fußball-Profi hat höchstens einmal in seiner Karriere die Chance ein großes Turnier in seinem Heimatland zu spielen. Die EURO 2012 ist für den gebürtigen Polen Sebastian Boenisch der bisherige Höhepunkt seiner Karriere. Trotz monatelanger Verletzungspause hat er den Sprung in den vorläufigen EM-Kader des Gastgeberlandes geschafft. Der Werder-Profi, der mit dem DFB U 21-Europameister 2009 wurde und sich danach zum Fußball-Verband seines Geburtslandes bekannt hat, berichtet an dieser Stelle in den kommenden Wochen regelmäßig von seinen Erlebnissen mit der Nationalmannschaft und bringt so allen Werder-Fans das Nachbarland, die Menschen und die Fußballkultur ein Stück näher. Viel Spaß!

TEIL 1

"Witam Werder-Fans!

Endlich geht es los! Am Dienstag hatten wir das erste Testspiel mit dem Euro-Kader. Mit dem 1:0 gegen Lettland ist die heiße Phase der Vorbereitung endgültig gestartet. Es folgen weitere und die werden ganz wichtig für mich. In diesen Spielen muss ich mir den Feinschliff, die Spielpraxis nach meiner langen Verletzungspause holen. Bei Werder hatte ich durch meine Rote Karte und die drei Spiele Sperre nach dem Gladbach-Spiel ja leider nicht so viele Gelegenheiten dazu. Dennoch war die Partie gegen die Borussia wichtig für mich, denn die Nominierung in die Startelf war der Beweis, dass ich mich nach vielen Monaten auf Bundesliga-Niveau zurückgekämpft hatte.

Für die Nationalmannschaft war das ein wichtiges Signal. Meine Trainer haben mir während meiner Verletzungszeit immer die Treue gehalten und viel Vertrauen gegeben. Ich hatte auch während meiner Reha-Phase sehr gute Gespräche mit unserem Nationaltrainer Frantisek Smuda, aber sicher, ob das Abenteuer EURO wirklich startet, ist man in so einer Phase nie. Das will man schwarz auf weiß haben. Leider konnte ich die offizielle Nominierung vor ein paar Wochen nicht im Fernsehen verfolgen, aber das hat mein Vater für mich getan. Ich habe zu diesem Zeitpunkt immer auf mein Handy geschaut bis die erlösende Nachricht endlich kam. Dieses Turnier bedeutet mir sehr viel.

Nach der Kür kommt für uns die Pflicht. Die Vorbereitung startete wie bei der deutschen Nationalmannschaft mit einem Regenerationsurlaub. Nach einem kurzen Treffen in Warschau sind wir mit unseren Familien in die Türkei geflogen. Auch ich hatte meine Freundin mitgenommen. Sie hatte sich nach den letzten Monaten, die sicher nicht immer einfach mit mir waren, ein bisschen Urlaub verdient. Die Verhältnisse waren optimal, ich kannte mich ja super aus, denn wir waren im selben Hotel wie Werder im Winter. Das MAXX Royal ist wirklich eine tolle Anlage mit der ich sehr positive Erinnerungen verbinde. Hier habe ich mein erstes Comeback im Januar gefeiert. Ich bin im Testspiel gegen AZ Almaar eine halbe Stunde vor Schluss eingewechselt worden und habe trotzdem eine ganze Halbzeit gespielt, das war die kuriose Partie mit dem dubiosen Schiri, der ewig nicht abgepfiffen hatte. Für mich war das richtig gut. Ich konnte gefühlt 200 Minuten Spielpraxis sammeln. Danach haben mich alle beglückwünscht, sich für mich gefreut. Das war ein toller Moment.

Solche Reaktionen sind wichtig in einer Mannschaft. Deswegen freue ich mich auch, dass wir in der Türkei perfekte Bedingungen hatten, um uns als Team noch besser zusammenzufinden. Leider war es ja eine relativ kleine Gruppe. Von unserem gesamten Kader war ungefähr die Hälfte dabei. Der Rest musste noch in europäischen Ligen ran oder wie unsere Dortmunder Kollegen das Pokalfinale spielen.

Aber die kleine Gruppe war auch ganz sinnvoll. Denn wir Polen haben sicher eine Sondersituation, da ich nicht der einzige bin, der in der Jugend noch für einen anderen Verband spielte. Obwohl wir alle gemeinsam ein Land vertreten, brauchen wir diese Kennenlernphase. Für mich ist es wichtig, mit jedem Teamkollegen auch eine gewisse persönliche Beziehung aufzubauen. Ich will wissen wie meine Kollegen ticken, in welchen familiären Verhältnissen sie leben. Ich glaube schon, dass es wichtig ist, so ein Gefühl zu entwickeln, wann kann ich auf den Teamkollegen zugehen, wann muss ich ihn in Ruhe lassen. Denn wir sind erst am Anfang einer hoffentlich langen Reise, die uns inzwischen hier nach Österreich, nach Lienz ins Trainingslager geführt hat.

Hier ist jetzt jeder motiviert bis in die Haarspitzen. Am Sonntag, einen Tag nach dem Spiel gegen die Slowakei, werden die letzten drei Kandidaten aus unserem EURO-Kader gestrichen. Es wird eine schwere Entscheidung und jeder hofft, dass er beim Abenteuer im eigenen Land dabei bleiben darf.

Viele Grüße an die Weser!

Do zobaczenia wkrótce, Basti