58 Sekunden, die keiner auf dem Radar hatte

In Erinnerungen schwelgen auf der Spielerbank mit Schale und Teamfoto: Max Lorenz und "Pico" Schütz.
Profis
Dienstag, 21.08.2012 // 18:13 Uhr

Man stelle sich folgendes Szenerio vor: Der SV Werder geht am Freitag in Dortmund nach 58 Sekunden in Führung, es gibt im Anschluss aber weder Foto- noch Videoaufnahmen davon! Unvorstellbar? Vor fast 50 Jahren - zur Einführung der Fußball-Bundesliga - trat genau dieser Fall ein.

Friedhelm „Timo" Konietzka traf im Bremer Weser-Stadion für den BVB. „Ich war fix und fertig. Das ging alles so schnell, wir hatten unsere Positionen noch gar nicht richtig eingenommen. Die Kameraleute waren noch gar nicht am Spielfeldrand, selbst Teile der Zuschauer haben das Tor verpasst. Ich dachte nur: Seid ihr bescheuert? Könnt ihr nicht eine Minute lang euren Mann decken? Es war zwar kein schönes Tor, aber es war die Führung für den BVB", blickt Werders-Ehrenspielführer Pico Schütz, der damals Teil der Mannschaft war, zurück auf einen historischen Moment. Mit einem guten Ausgang für grün-weiß.

Seither werden immer wieder Zeitzeugen gesucht, die dieses - visuell nicht festgehaltene - Ereignis immer und immer wieder rekapitulieren müssen. So wie beispielsweise die beiden Bremer Urgesteine Arnold „Pico" Schütz und Max Lorenz. Der eine aus Walle, der andere aus Hemelingen. Beide standen bei Werders erster Bundesligapartie überhaupt auf dem Feld und waren somit unmittelbar an den Geschehnissen vor einem halben Jahrhundert beteiligt. „Direkt nach dem Anstoß wurde der Ball von den Dortmundern nach außen zu Lother Emmerich, der auf meiner Seite spielte, gegeben. Zusammen mit Reinhold Wosab kreuzte er den Laufweg und passte in den Lauf von Timo Konietzka, der seinen Fuß eigentlich nur noch hinhalten musste. Lambertz war im Tor ohne Chance. Fertig, aus, 1:0 für die Borussia", erinnert sich Max Lorenz an das Tor zum 0:1, das in die Geschichte einging.

„Wir haben den Kopf danach nicht in den Sand gesteckt. Wir hatten die Sicherheit, egal es ob Schalke, der HSV oder Dortmund ist, die müssen uns vor eigenem Publikum erst einmal überwinden. Wir wollten das erste Spiel der Bundesliga gewinnen und wir haben es schließlich auch gewonnnen", so Lorenz weiter. Erst trifft Soya, dann Schütz. Den dritten Treffer macht Klöckner. Konietzkas Anschlusstor in der 90. Minute reicht nicht mehr. Etwa 300.000 Zuschauer strömen in die Stadien des ersten Spieltages. Die Preise sind günstig, das Trainingspensum wird erhöht, Profibedingungen werden mehr und mehr geschaffen. „Ich habe damals bei Jacobs gearbeitet. Für das Training wurde ich dann freigestellt. Zu meiner ersten Einheit bin ich ohne Schuhe und Trainingsklamotten gefahren. Ich weiß noch, dass Pico danach zu mir kam und sagte: Wir lassen dich nicht mehr gehen", so der gelernte Kaffeekaufmann Lorenz, der dabei von einem „Neubeginn für alle" spricht und insgesamt neun Jahre beim SV Werder spielte.

Auf den Tag genau werden beide Teams 49 Jahre später die 50. Bundesliga-Spielzeit einläuten. „Der Fußball boomt, besonders in Deutschland. Die Stadien sind immer voll. Es ist ein Stück weit wie im Theater. Das ‚Drumherum' zählt heutzutage mehr. Der Fußball an sich ist schneller geworden, aber nicht athletischer", sieht Lorenz die eine oder andere Veränderung. Und wie endet die Partie diesmal? „Ich glaube, dass Bremen in dieser Saison gut abschneidet. Gegen Dortmund hat sich Werder schon in der Vorbereitung durchgesetzt. Die packen das!", glaubt Schütz. Der 73-Jährige Lorenz wagt folgende Prognose: „Ich bin mir nicht sicher, aber ich rechne Werder nicht die größten Chancen in Dortmund aus. Die haben schon eine fertige Mannschaft, wir dagegen stehen ganz am Anfang, das Team ist noch ganz jung. Ich lasse mich am Freitag aber gerne eines Besseren belehren. Für die komplette Saison gilt: Machen wir es wie damals: Erst Zehnter werden und dann Meister", äußert sich Lorenz, der mit Werder Bremen nach Platz zehn im ersten, bereits im zweiten Bundesligajahr Deutscher Meister wurde.

von Timo Volkmann