Lieblingsonkel Viktor auf EURO-Tour

U 17-Coach Viktor Skripnik reiste zur EM 2012 in seine Heimat Ukraine. Im Interview mit WERDER.DE schildert er seine Eindrücke.
Profis
Freitag, 15.06.2012 // 14:32 Uhr

Werders U 17-Trainer Viktor Skripnik stand in seiner aktiven Zeit nicht nur für die Grün-Weißen auf dem Feld, er war auch Nationalspieler der Ukraine. Jetzt ist Skripnik zur EURO 2012 in seine Heimat gereist und begleitet die Spiele seiner Landesauswahl als Zuschauer oder als Experte im ukrainischen Fernsehen. WERDER.DE hat den Coach angerufen und mit ihm über die Stimmung im Land, die Erwartungen an das Team und seine persönlichen Erfahrungen bei der Europameisterschaft in seinem Heimatland gesprochen.

Hallo Viktor, heute Abend geht's wieder los für die Ukraine. Die Euphorie ist seit dem Auftaktsieg riesig. Freust du dich schon auf die Partie gegen Frankreich?
Viktor Skripnik: Ja, wir sind gerade unterwegs nach Donezk. Wir machen einen richtig schönen Familienausflug, im Auto sitzen mein Bruder und meine Neffen.

Oh, bei den Neffen stehst du wahrscheinlich gerade richtig hoch im Kurs. Hast du sie denn mit Karten versorgen können?
Viktor Skripnik: Ja das lief ganz gut. Ich habe durch meine Zeit als Nationalspieler sehr gute Kontakte zum Verband und habe die Karten bekommen, die wir wollten. Zuvor haben wir uns mit der Familie hingesetzt und genau beratschlagt, welche Spiele wir uns anschauen wollen. Mein Urlaub ist ja auch nicht unendlich lang.

Bist du nur bei der EURO unterwegs oder genießt du auch Land und Leute?
Viktor Skripnik: Es ist ein richtig schöner Heimaturlaub. Ich besuche meine Eltern und Schwiegereltern in meiner Heimatstadt Dnjepropetrovsk. Ich habe hier früher lange Jahre Fußball gespielt und fühle mich noch sehr verbunden. Ich war das letzte Mal im Winter in der Ukraine und jetzt kann ich gut vergleichen, was alles in diesen Monaten passiert ist. Die Vorbereitung auf die EM war sehr intensiv. Nicht nur in den Städten wurden Sachen verbessert, es gibt jetzt auch mehr Sicherheitskräfte und Polizei. Auch das Informationssystem für Touristen ist viel besser geworden. Man sieht also, dass die Europameisterschaft dem Land gut tut. Zumindest hat man das in Kiew deutlich gesehen. In den anderen Städten war ich bisher noch nicht.

In Kiew hast du am Montag den Ukraine-Sieg gegen Schweden gesehen. Das muss toll gewesen sein.
Viktor Skripnik: Ja, das war es. Dass wir einen Rückstand in einen 2:1-Sieg drehen konnten, haben wohl nicht viele erwartet. Da hat man gesehen, dass bei so einem Turnier nicht immer die Favoriten gewinnen. Die Stimmung im Stadion war natürlich super und danach wurde in der Stadt die ganze Nacht weiter gefeiert. Weil Schweden die gleichen Nationalfarben hat, wie die Ukraine, war ganz Kiew in gelb getaucht.

Und du warst gelb geschminkt und mit Schal mittendrin?
Viktor Skripnik: Nein, ich bin zwar noch ein bisschen im Stadion geblieben und habe mich dann im unmittelbaren Umfeld umgeschaut, aber die Feierlichkeiten in der Stadt habe ich im Fernsehen gesehen. Ich wollte nicht die ganze Nacht feiern. Am nächsten Tag musste ich 500 Kilometer nach Dnjepropetrowsk fahren.

Gibt´s da keine Flugverbindung?
Viktor Skripnik: Doch schon, aber ich wollte das Land sehen. Ein bisschen Atmosphäre mitbekommen. So oft habe ich ja nicht die Gelegenheit. Es ist wirklich sehr schön hier.

Hast du der Mannschaft den Sieg zugetraut?
Viktor Skripnik: Ehrlich gesagt, nein. Klar, wenn ich danach gefragt wurde, habe ich natürlich immer auf einen Sieg unserer Mannschaft getippt. Aber ich war unsicher. Es war vorher noch nicht klar, wie stark die Ukraine eigentlich ist. Es war das erste Spiel und auf dem Team lastete ein sehr großer Druck. Weil wir in Gruppe D sind, haben wir als letztes gespielt. Alle anderen Teams waren schon im Einsatz und man hat gesehen, wie hoch das Niveau bei der EURO ist.

Gab es für dich bis dahin viele Überraschungen?
Viktor Skripnik: Ja, ziemlich viele sogar. Ich hätte gedacht, dass Polen das Auftaktspiel gegen Griechenland gewinnt. Russland hat mich mit der starken Leistung gegen Tschechien auch überrascht. Dann haben die Dänen noch Holland geschlagen, die ja eigentlich zu den Favoriten gehörten. Das waren Ergebnisse, die ich so nicht erwartet hätte. Das zeigt einmal mehr wie schwer solche ersten Spiele für die Favoriten sind. Umso besser, dass wir gegen Schweden gewinnen konnten. Das sind ganz wichtige drei Punkte.

Schewtschenko hat die beiden Tore gemacht. Wie war das für ihn?
Viktor Skripnik: Für Andriy war es eines der besten Spiele aller Zeiten. Nach dem Abpfiff hat er im Fernsehen gesagt, er fühlt sich wieder wie ein 20 Jahre junger Mann. Das Gefühl hatte ich auch, so, wie er die Tore gemacht hat. Er hatte Riesenspaß dabei wieder im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Er hat es genossen, dass alle Welt über ihn redet. Ich glaube, er ist momentan einfach nur überglücklich. Ich gönne ihm das.

Wie wichtig ist ein erfahrener Spieler wie Schewtschenko für das ukrainische Team?
Viktor Skripnik: Andriy hat ein sehr enges Verhältnis zu dem ukrainischen Fußball. Er ist schon bei der Nationalmannschaft, seit er 19 Jahre alt ist. Seit einigen Jahren spielt er für Dynamo Kiew. Es ist wichtig für den ukrainischen Fußball, dass wir solche erfahrenen Spieler haben, die den anderen Spielern Sicherheit geben. Ich habe ja selbst sechs Jahre mit ihm in der Nationalmannschaft gespielt.

Und Voronin stand auch in der Startelf. War das für dich überraschend, dass die beiden "Oldies" zusammen im Sturm gespielt haben?
Viktor Skripnik: Das haben nicht alle erwartet, aber Voronin hat auch mehr auf der Zehner-Position gespielt. Insgesamt hat die Ukraine gerade eine unheimlich tolle Mischung im Team. Da sind erfahrene Spieler wie Voronin, Tymoshchuk und Schewtschenko, die auch schon bei der WM in Deutschland dabei waren. Dann kommen junge Spieler, wie Konoplyanka und Yarmolenko dazu. Da steckt viel Potenzial drin.

Wie läuft's heute gegen Frankreich?
Viktor Skripnik: Unser Team hat schon gezeigt, dass sie so stark ist und gut funktioniert. Aber Frankreich und dann England sind noch ein anderes Kaliber. Ich hoffe, dass das Team sich noch steigern kann. Sonst wird es später sehr schwierig werden.

Hast du denn momentan Kontakt zu eurer Nationalmannschaft. Schaust du auch mal im Mannschafts-Quartier vorbei?
Viktor Skripnik: Nein, momentan möchte ich das nicht. Als ehemaliger Spieler weiß ich, dass die Mannschaft jetzt die Zeit für sich braucht. Auf die Spieler prasselt genug ein. Da möchte ich nicht reinfunken. Schließlich stehen sie momentan sehr im Mittelpunkt und ich respektiere, dass sie sich konzentrieren müssen. Ich rufe dann lieber nach dem Turnier einige Spieler an und rede mit ihnen über die EM.

Aber außerhalb der Mannschaft triffst du momentan bestimmt viele Bekannte und andere Ex-Spieler. Was war da die schönste Begegnung bisher?
Viktor Skripnik: Ja, es ist einiges los. Ich habe mich besonders über das Treffen mit Oleg Salenko gefreut. Wir kennen uns noch aus der Zeit, als wir beide noch in der Liga gegeneinander gespielt haben. Ich war Verteidiger bei Dnjepr Dnjepropetrovsk und er Stürmer bei Dynamo Kiew. Da haben wir uns einige heiße Duelle geliefert. Darüber haben wir viel geredet, als wir uns Anfang der Woche getroffen haben, also über die gute, alte Zeit.

Salenko hat doch früher für Russland gespielt oder?
Viktor Skripnik: Genau, Oleg hat sich damals für die russische Nationalmannschaft entschieden, obwohl er eigentlich Ukrainer ist. Das haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mehrere Spieler gemacht. Er war sogar Torschützenkönig bei der Weltmeisterschaft 1994. Jetzt macht er hier was für das Fernsehen und analysiert die Spiele der ukrainischen und der russischen Nationalmannschaft.

Du wirst heute Abend auch als Fernsehexperte auftreten, oder?
Viktor Skripnik: Ja genau. Die haben mich gefragt. Ich werde dann vor dem Spiel über die Mannschaft philosophieren und in der Halbzeit und nach dem Abpfiff die Partie analysieren. Und dann geht's mit meinen Neffen schnell wieder nach Hause.

Das Interview führte Michael Rudolph

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