EM: Skripnik der "klatschnasse" Fernsehexperte

Viktor Skripnik ist zur EURO 2012 in sein Heimatland gereist und hat die Spiele der Ukraine live verfolgt.
Profis
Mittwoch, 20.06.2012 // 18:23 Uhr

Viktor Skripnik stand in seiner aktiven Zeit nicht nur für die Grün-Weißen auf dem Feld, er war auch Nationalspieler der Ukraine. Jetzt ist Werders U 17-Trainer zur EURO 2012 in seine Heimat gereist und begleitet die Spiele seiner Landesauswahl als Zuschauer und als Experte im ukrainischen Fernsehen. WERDER.DE hat den Doubelsieger von 2004 angerufen und mit ihm über die Stimmung nach dem Ausscheiden der Ukraine und sein Erlebnis als Fernsehexperte gesprochen.

Hallo Viktor, leider ist die Ukraine schon nach der Gruppenphase aus der EM ausgeschieden. Bist du sehr enttäuscht?

Viktor Skripnik: Ehrlich gesagt habe ich so etwas erwartet. Es war klar, dass Frankreich und England ein anderes Kaliber sind, als die Schweden, gegen die wir gewinnen konnten. Das muss man einfach realistisch sehen. Ich finde, wir haben gegen England besser gespielt, als gegen Frankreich, aber trotzdem hat die Leistung nicht gereicht. Klar ist es schade, aber wir müssen das jetzt akzeptieren. Wir haben gegen ein Team mit einem großen Namen gespielt. Das ist etwas anderes, als gegen eine vermeintlich schwache Mannschaft rauszufliegen.

Hast du das letzte Spiel im Stadion gesehen?

Viktor Skripnik: Ich war gestern noch in Donezk dabei und habe mich heute auf den Weg zurück gemacht. Gerade bin ich in Wien am Flughafen und ab morgen bin ich wieder im Weser-Stadion an meinem Arbeitsplatz.

Wie war da die Stimmung nach dem Abpfiff?

Viktor Skripnik: Die Fans hätten gerne ein Wunder gesehen. Das hat leider nicht geklappt. Randale oder so was gab es aber natürlich nicht, auch wenn die Stimmung ging da etwas auseinander: Manche Leute waren sehr enttäuscht und traurig, aber die meisten haben das Ergebnis am Ende akzeptiert und der Mannschaft alles Gute gewünscht. Dazu haben auch die Spieler beigertragen, die sich nach dem Spiel toll präsentiert und sich ordentlich beim Publikum verabschiedet haben. Das hat beispielsweise nach dem Ausscheiden der russischen Mannschaft gefehlt.

Was sagst du zur umstrittenen Szene, als der Ball hinter der Linie war, aber kein Treffer für die Ukraine gegeben wurde?

Viktor Skripnik: Das ist so eine Szene, über die jetzt jeder diskutieren will. Ich bin da natürlich auch unzufrieden. Wenn es das 1:1 gegeben hätte, wäre das Spiel wieder komplett offen gewesen. Wir hätten noch gewinnen können und dann wären wir auf einmal überraschend im Viertelfinale gewesen. Aber so etwas kann immer passieren im Fußball, wo Menschen einfach Fehler machen, auch wenn das bitter für uns ist.

Was kann das ukrainische Team aus der EURO 2012 mitnehmen?

Viktor Skripnik: Insgesamt muss man sagen, dass es ein gutes Turnier und eine gute Erfahrung für die Mannschaft war. Besonders für unsere jungen Spieler waren die drei Spiele sehr wichtig, auch wenn sie jetzt den Rest der EM im Fernsehen verfolgen müssen.

Während du das letzte Spiel also im Stadion verfolgt hast, warst du bei der Partie gegen Frankreich Fernsehexperte bei einem ukrainischen Fernsehsender im Einsatz. Da hat es so heftig geregnet, dass das Spiel für fast eine Stunde unterbrochen wurde. 

Viktor Skripnik: Das war eine außergewöhnliche Situation. Ich musste zwei Stunden vor Anpfiff im Stadion sein und dann hat es ja angefangen zu gewittern und heftig zu schütten. Da war mir schon ein bisschen bange, das war sehr unangenehm. Ich war klatschnass und musste so über eine Stunde im Stadion stehen und dann haben wir am Ende auch noch verloren. Das ist nicht so optimal gelaufen. Aber trotzdem war das eine sehr gute Erfahrung für mich, als Experte live im Fernsehen aufzutreten und die Zeit zu überbrücken, bis das Spiel anfängt. Mit ist zum Glück kein richtiger Fehler passiert, aber ich musste mich schon sehr konzentrieren (lacht).

Hattest du da Erfahrungen als Experte im Fernsehen?

Viktor Skripnik: Ja, ich habe so etwas schon gemacht, aber bisher nicht live. Ich habe nach dem Spiel schon mal einen Kommentar oder ein Interview gegeben. Jetzt musste ich alle Infos über den Trainer und alle Spieler kennen. Das kannte ich so nicht. Aber es hat mir gut gefallen und ich war danach sehr stolz. Wenn man weiß, dass die Familie alles im Fernsehen sieht und dann kommt man nach Hause und alle sprechen dich darauf an war toll. Diese zehn Tage in der Ukraine, die waren richtig gut für mich.

Das Auftaktspiel hast du in Kiew gesehen. Da hast du gesagt, dass die Stadt gut auf die EURO vorbereitet war. Die letzten beiden Spiele waren in Donezk. Wie war es da?

Viktor Skripnik: Das Stadion war noch besser, als das in Kiew. Schachtar Donezk spielt regelmäßig in der Champions League und das riesige Stadion ist sehr gut ausgerüstet. Da musste im Vorfeld auch nichts ungebaut werden. Allerdings wurden viele Hotels und der Flughafen ausgebaut. Da war schon zu sehen, dass etwas gemacht wurde. Auch die Infrastruktur war viel besser, als vor der EM.

Und die Stimmung?

Viktor Skripnik: Bis auf das eine Gewitter hatten wir schönes Wetter mit 30 Grad und ganz nette Zuschauer. Nach den Spielen waren die Leute ein bisschen frustriert und etwas laut, aber es ist nicht ausgeartet. Das gehört zum Fußball. Auch außerhalb des Stadions konnten die Leute Fußball gucken. Es gab große Leinwände für Public Viewing und eine Fanmeile. Die Menschen haben sich über die Spiele gefreut, dann gab es noch ein Bierchen dazu. Also die Stimmung war wie 2006 in Deutschland - einfach nur toll.

Das Interview führte Ronja Bomhoff