Pizarro: Ärger verraucht. Das Interview

Gut gelaunt sieht man Claudio Pizarro am liebsten.
Profis
Montag, 06.02.2012 // 17:14 Uhr

Montagmorgen, der Tag nach dem 2:2-Remis in Freiburg. Trainingsfrei. Die Profis kommen zur Pflege ins Stadion. Darunter auch Claudio Pizarro, der wenige Stunden zuvor in Freiburg noch total sauer war. Für ihn war die Punkteteilung eine gefühlte Niederlage. Das WERDER.DE-Team traf den peruanischen Goalgetter auf dem Parkplatz des Trainingsgeländes am Weser-Stadion und nutzte die Zeit für einen kleinen Plausch.

Claudio, gestern warst du noch total sauer, jetzt kannst du ja schon wieder lachen! Hat sich deine Wut wieder etwas gelegt?

Claudio Pizarro: „Der Ärger ist verflogen. Ich bin nicht mehr sauer. Wir gehen zwei Mal in Führung, aber schaffen es nicht, die drei Punkte mit nach Hause zu nehmen. Das hat mich geärgert. Freiburg ist eine gute Mannschaft. Gar keine Frage. Für uns wäre es jedoch eine gute Chance gewesen, wieder näher an die ersten vier Plätze heranzukommen."

Dabei hatte Markus Rosenberg in der 53. Spielminute die Vorentscheidung auf dem Schlappen, setzte den Ball leider gegen den Pfosten. Zum sechsten Mal in dieser Saison. Hast du mit ihm schon gesprochen?

Claudio Pizarro: „Ich habe mich gleich am Flughafen länger mit Markus unterhalten, ihm Mut zugesprochen. Er ist ein guter Stürmer, er hat zurzeit einfach ein bisschen Pech. Ich würde mich sehr freuen, wenn er gegen Hoffenheim wieder treffen würde."

Dann allerdings nicht an deiner Seite. Nach deiner fünften gelben Karte bist du am Samstag zum Zuschauen verdammt. Wie holt Werder dennoch drei Zähler?

Claudio Pizarro: „Da wird die ganze Mannschaft gefordert sein. Wir müssen jetzt versuchen, nach drei Remis in Folge wieder einen Sieg zu landen. Ich werde auf der Tribüne sitzen und mitzittern."

Wir unterhalten uns mittlerweile seit einigen Minuten vor Pizarros Auto. Die Temperaturen liegen im zweistelligen Minusbereich. „Piza" friert, wir ebenfalls. Der Peruaner bietet uns an, das Gespräch in seinem Volkswagen fortzusetzen. Er macht sofort die Heizung an und lässt seinen iPod über das Autoradio abspielen.

Es ist schon verdammt kalt draußen. Wie kommst du als Südamerikaner eigentlich mit diesen eisigen Temperaturen zurecht?

Claudio Pizarro: „Ich bin jetzt schon so viele Jahre in Deutschland. An das Wetter hier habe ich mich gewöhnt. In Peru sind zurzeit zweistellige Plusgrade. Das ist schon ein Unterschied. Manchmal vermisse ich die Sonne."

Auf deinem Radiodisplay leuchtet der Titel ‚Llevala a Tu Vacilón' auf. Du wirkst dabei so positiv. Was steckt hinter diesem Song?

Claudio Pizarro: „Das Lied stammt von einer kubanischen Band. Grob übersetzt bedeutet der Song ‚Nimm sie mit deine Freude'. Ich versuche, immer positiv zu denken. Selbst in schwierigen Zeiten. Das hat mich weit gebracht. Die Musik hilft mir dabei. Sie hat etwas Befreiendes. Ich kann abschalten und einfach mal die Seele baumeln lassen."

Spaß bereitet dir auch dein großes Hobby, die Pferdezucht...

Claudio Pizarro: „Das ist mein Business. Ich züchte Pferde und verkaufe sie anschließend wieder. Pferde sind imposante Tiere, ein bisschen wie wir. Sie sind kräftig und haben Power. Das gefällt mir."

Mit viel Energie drängen jetzt auch einige junge Spieler in den Kader. Wie siehst du das als Routinier?

Claudio Pizarro: „Sie machen bislang einen hervorragenden Eindruck. Es war nicht zu erwarten, dass sie so tough auftreten werden. Neben dem Platz sind sie noch ein bisschen schüchtern. Das ist aber normal."

Siehst du dich da in der Vaterrolle?

Claudio Pizarro: „Naja, soweit ist es noch nicht. Ich sehe mich als Führungsspieler und somit auch automatisch als ein Vorbild für die jungen Spieler. Sie beobachten mich beim Training, nehmen gerne Tipps von mir an. Sie können lernen, wie man die Tore macht (lacht)."

Der Abstand dieser jungen Mannschaft auf Platz eins beträgt elf Punkte, zum Erreichen der Champions League-Quali fehlen acht Zähler. Wo steht Werder nach dem 34. Spieltag?

Claudio Pizarro: „Ich habe immer gesagt, dass noch alles offen ist. Wir haben noch viele Spiele, viele Möglichkeiten Punkte zu holen. Natürlich ist der Abstand etwas größer geworden. Ich glaube, die vier Mannschaften, die ganz vorne drin stehen, werden sich noch einen großen Kampf liefern und sich dadurch die Punkte gegenseitig rauben. Dann kommt unsere Chance. Wenn wir unsere Spiele gewinnen, können wir eine gute Platzierung holen. Das Wichtigste ist, dass wir jedes Spiel zuhause gewinnen müssen. Das hat in der Vorrunde schon nahezu perfekt funktioniert. Wenn wir es schaffen, auch auswärts mehr Zähler zu holen, werden wir nächste Saison wieder international spielen."

Champions League oder Europa League also dann mit Pizarro? Du hast die Möglichkeit, deinen Vertrag am Saisonende zu kündigen...

Claudio Pizarro: „Natürlich möchte ich, dass sich die Mannschaft für die Champions League qualifiziert. Das ist einfach ein toller Wettbewerb. Ob wir das schaffen oder nicht, hängt aber nicht von meiner persönlichen Entscheidung ab, bei Werder zu bleiben."

Im Fußball hast du nahezu alles erreicht, was möglich ist. Meisterschaften, Pokalsiege, Weltpokal. Nur mit Bremen konntest du die Schale noch nicht holen. Werden die Werder-Fans ihren Liebling noch einmal auf dem Rathausbalkon sehen?

Claudio Pizarro: „Das wäre sicherlich ein Traum für mich. Es würde meiner Seele gut tun, mit Werder noch einen Titel zu holen, wenn möglich die Deutsche Meisterschaft."

Daneben möchtest du auch unbedingt mit deinem Heimatland Peru zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien antreten. Wie realistisch ist dieser Traum?

Claudio Pizarro: „Das stimmt. Wir haben noch viele Chancen, uns zu qualifizieren. Die Spiele, die im Juli kommen, sind sehr wichtig für uns. Sollten wir gegen Kolumbien und Uruguay gewinnen, sind wir wieder ganz dick im Geschäft."

Dann wärst du 35 Jahre alt und ein sehr, sehr erfahrener Spieler. Im Internet ist zu lesen, dass dein Lebensmotto ‚Man muss aus Fehlern lernen' ist. Hast du in deiner langen Karriere Fehler gemacht, wie hast du aus ihnen gelernt?

Claudio Pizarro: „Ich habe Fehler gemacht. Natürlich. Aber es waren keine dabei, bei denen ich sagen würde: ‚Claudio, was hast du da schon wieder gemacht?' Ich habe aus meinen Fehlern gelernt, sie haben mich dazu gebracht, mich stetig zu verbessern. Ohne meine Fehler wäre ich nicht der, der ich heute bin."

Wäre es ein Fehler, Bremen zu verlassen?

Claudio Pizarro: „Das kann ich jetzt noch nicht sagen, das liegt einfach zu weit in der Zukunft. Ich kann nur sagen, dass das Familiäre in Bremen mir gefällt. Die Bremer lieben ihre Spieler. Das ist schon besonders. Fest steht, dass ich nicht nach Peru zurückgehen werde."

Du erweckst den Eindruck, dass du in den letzten Jahren als Typ unheimlich gewachsen bist. Die deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit oder Festhalten an Regeln beherrscht du aus dem Effeff. Täuscht dieser Eindruck?

Claudio Pizarro: „Nein. Ich habe viel gelernt. Meine Frau sagt, dass ich ein Deutscher bin. Ich bin immer so pünktlich überall. Es ist jetzt meine Natur."

Wie deutsch sind mittlerweile deine Kinder?

Claudio Pizarro: „Die Große, Antonella, ist sehr deutsch. Bei den anderen beiden muss man noch abwarten. Es ist mir sehr wichtig, dass sie auch Elemente aus Südamerika übernehmen. Mir fällt da das südamerikanische Essen ein. Das ist einfach lecker. Ich selbst koche nicht. Und irgendjemand muss mich ja bekochen (lacht)."

 

Das Interview führte Timo Volkmann