Micoud-Interview: "Die Deutschen haben alles verstanden"

Johan Micoud und sein ehemaliger Teamkollege Lilian Thuram auf der Tribüne des Tennisstadions Roland Garros in Paris.
Profis
Sonntag, 26.02.2012 // 23:52 Uhr

In zwei Tagen steht das Länderspiel gegen Frankreich im Weser-Stadion auf dem Plan. Wir haben uns den besten Frankreich-Experten, den sich ein Werder-Fan vorstellen kann, ans Telefon geholt: Johan Micoud. Der Double-Sieger wird am Mittwoch auch selbst wieder an den Ort seiner schönsten Fußball-Zeit zurückkehren.

Hallo Joe, wir freuen uns, dass du Tickets für das Länderspiel in Bremen bekommen hast?
Johan Micoud: "Ich freue mich auch, es war gar nicht so klar, dass es klappt. Ich bekomme die Tickets von Baumi, da geht nichts schief. Umso mehr freue mich auf eine Rückkehr an die Weser. Voraussichtlich komme ich schon am Dienstag und schaue mir das Abschlusstraining der Franzosen an."

Es ist deine zweite private Rückkehr nach Bremen nachdem du 2008 zum UEFA-Cup-Spiel gegen St. Etienne von Werder eingeladen warst?
Johan Micoud: "Das stimmt. Klaus hatte mich für die Partie eingeladen: das war ein toller Augenblick für mich. Wieder im Weser-Stadion zu sein, die Stimmung wieder zu spüren. Das war ein ganz besonderer und angenehmer Augenblick."

Diesmal verhilft uns das Länderspiel gegen die Franzosen zu einem Wiedersehen. Arbeitest du immer noch als Fußball-Experte für einen französischen TV-Sender?
Johan Micoud: "Ja, für Canal Plus. Es ermöglicht mir in der Fußballwelt ziemlich unabhängig und frei zu bleiben. In einem Verein zu arbeiten bedeutet ein sehr zeitraubendes Engagement. Dafür fühle ich mich nicht bereit. Aber als TV-Experte kann ich unabhängig sein und der Branche treu bleiben."

Dürfen wir dich diesmal vor dem Länderspiel gegen Frankreich als Experten befragen?
Johan Micoud: "Kein Problem, was wollt ihr wissen."

Natürlich alles über Frankreich! Auf dem Papier ist es ein Klassiker, doch „L'Equipe tricolore" ist nicht mehr das Spitzenteam der Jahrtausendwende.
Johan Micoud: "Ich erwarte auch nichts Besonderes (lacht). Aber es geht um einen echten Test für Frankreich. Seitdem Laurent Blanc zusammen mit Jean-Louis Gasset die Mannschaft betreut, gab es keine richtige Gelegenheit für das Team, sich mit anderen Topmannschaften zu messen. Frankreich hat sich mit großen Schwierigkeiten durch das letzte Spiel für die EM qualifiziert, und zwar in einer ziemlich schwachen Gruppe. Es wird also eine riesige Herausforderung gegen einen der Favoriten für den EM-Titel."

Aber halt, „die Blauen" haben doch zuletzt gegen England und Brasilien gewonnen?
Johan Micoud: "Aber diese Spiele muss man ausklammern. Sie kamen durch ganz spezielle Sitautionen zustande. England hatte unglaublich viele Verletzte und spielte mit zahlreichen Debütanten. Ein Sieg in Wembley ist außergewöhnlich, aber es war nicht wirklich die englische Mannschaft. Genauso war es gegen Brasilien, da haben die Südamerikaner mehr als eine Stunde mit nur zehn Mann gespielt. Das Team hatte nichts mit der Auswahl zu tun, die heute die wichtigen Partien spielt. Wir haben also große Namen besiegt, aber keine großen Teams."

In Frankreich werden die Trainer immer sehr kritisch gesehen. Glaust du, dass Laurent Blanc immer noch der Nationaltrainer bei der WM 2014 sein wird?
Johan Micoud: "Es hängt von den Ergebnissen der EM ab. Es gab große Debatte darüber in Frankreich. Der Präsident der Föderation hat erklärt, dass wenn Frankreich sich für die Viertelfinale qualifiziert, dann würde Blanc immer noch Nationaltrainer sein."

Wie stehst du zu dieser Frage? Laurent Blanc war immerhin dein letzter Trainer in Bordeaux.
Johan Micoud: "Ich beteilige Jean-Louis Gasset an seiner Arbeit. Die beiden bilden ein gutes Gespann. Wenn man sich nur die Ergebnisse anschaut, ist die Bilanz gut. Die EM-Qualifikation wurde erreicht. Wenn man aber die Spielausrichtung unter die Lupe nimmt, bin ich der Meinung, dass es ihm noch nicht gelungen ist, das umzusetzen, was er sich vorgenommen hat. Der Zufall ist ein großer Faktor im Spiel. Ich nenne das Ergebnis halbbefriedigend."

Also siehst du die Deutschen am Mittwoch im Weser-Stadion als hohen Favoriten?
Johan Micoud: "Ich sage einen Sieg Deutschlands voraus. Aber wir Franzosen sind zu Überraschungen fähig, wenn wir unter Zugzwang sind. Es wäre aber eine riesige Überraschung, wenn Frankreich Deutschland besiegen würde! (Lachen)"

Aber ist denn die Entwicklung in den letzten zehn Jahren so auseinander gegangen. Vor zehn Jahren haben die Deutschen noch sehr neidisch auf die französischen Erfolge und die tolle Ausbildung geschaut?
Johan Micoud: "Das hat sich einiges bewegt. Deutschland und Spanien sind jetzt gemeinsam EM-Favoriten. Deutschland hat sogar einen Vorteil, weil Spanien die beiden letzten Wettbewerbe gewonnen hat. Es wird bestimmt sehr schwer, so konstant zu sein, um einen dritten Titel zu gewinnen. Das hat noch keine Auswahl geschafft. Frankreich war nach den Titeln 1998 und 2000 in der gleichen Situation. Tatsächlich war es echt schwer, sich alle zwei Jahre für so ein großes Turnier neu zu motivieren."

Aber zurück zur gegensätzlichen Entwicklung in den vergangenen Jahren. Was ist da genau passiert?
Johan Micoud: "Alles hat in Deutschland unter Bundestrainer Klinsmann angefangen, und diese Entwicklung wurde dann mit Löw weitergeführt. Und diese Arbeit strahlte auch in die Bundesliga aus. Es gibt in Deutschland eine Kultur des offensiven Spieles. Alle Spieler der Nationalmannschaft kennen sich sehr gut und seit langer Zeit, sind jung und werden von älteren betreut. Wenn ich nur an Klose denke, der immer noch sehr gut drauf ist und offensichtlich ewig spielen kann. Im deutschen Team herrscht eine Atmosphäre, die es auch jungen Spielern leicht macht, sich in diese Gruppe einzugliedern. So werden auch Automatismen auf dem Feld besser weitergetragen. Alle Spieler haben dieselbe Spieleinstellung. Alle Spieler ziehen am selben Strang und jeder ist auf der richtigen Stelle. Es macht wirklich Spaß, diese Mannschaft so gut spielen zu sehen."

Oh, nach dieser Lobeshymne müssen wir aber erstmal Luft holen. Schauen die Franzosen etwa jetzt neidisch nach Deutschland?
Johan Micoud: "Das weiß ich nicht, aber ich bin der Ansicht, dass der deutsche Fußball insgesamt in Europa unterschätzt wird. Das ist schade, weil der deutsche Fußball einer der spektakulärsten ist. Obwohl Bayern München den anderen Teams vielleicht ein bisschen überlegen ist, ist der Meistertitel jedes Jahr hart umkämpft. Es sind offene Spiele, es geht um einen Fußball, der vorwärtsorientiert ist. Die Deutschen haben alles verstanden! Sie haben verstanden, dass Fußball ein Spiel und eine Show sein muss. Man kann es jedes Wochenende beobachten. Es fallen viele Tore, die Stadien sind voll. Zusätzlich genießen die Deutschen auch ihre Nationalmannschaft, die diese Werte und dieses Prinzip symbolisiert."

 

Interview von Franck d'Agostini, Martin Lange, Michael Rudolph