"Lutscher"-Interview Teil 1: Tornadowarnung und Maschinengewehre

Torsten Frings nahm sich ganz viel Zeit für ein ausführliches Interview mit dem WERDER.DE-Team.
Profis
Donnerstag, 27.10.2011 // 18:37 Uhr

"Lutscher", danke für das Exklusiv-Interview. Als Werder-Kapitän warst du nicht so leicht für ein langes Mediengespräch zu gewinnen. Hat dich der Alltag in der MLS abgehärtet. Dort hört man ja von Reportergesprächen direkt in der Kabine.
Torsten Frings:
"Vielleicht. Das ist dort schon eine andere Welt. Die Pressevertreter haben bei uns eine Viertelstunde nach dem Spiel Zutritt zu den Kabinen und den Fitnessräumen. Das ist hier in Deutschland unvorstellbar. Dort gehört es zur Tagesordnung und ich musste mich anfangs auch erst daran gewöhnen."

Seit Montagabend ist Werders ehemaliger Kapitän Torsten Frings wieder in Bremen. Das Abenteuer Kanada, Toronto, nordamerikanische Profiliga MLS, hat bis Mitte März Pause. Am Donnerstagnachmittag schaute der 34-Jährige bei seinem ehemaligen Klub im Weser-Stadion vorbei. Alte Kollegen, Trainerstab und WERDER.DE standen auf dem Besuchsplan. "Lutscher" nahm sich viel Zeit um intensiv über sein neues Leben zu berichten.

Also sitzt Torsten Frings nach dem Spiel mit Handtuch um die Hüfte am Platz und gibt seine Spielanalyse ab?
Torsten Frings:
"Wir machen das bei uns nicht direkt in der Kabine, sondern im Fitnessraum. Da fahren wir nach den Spielen immer Rad, das ersetzt bei uns das Auslaufen und dabei können uns die Journalisten befragen."

Und was kannst du den Medienvertretern dann über den kanadischen Fußball berichten?
Torsten Frings:
"Dass das Niveau sicherlich nicht so hoch wie in der Bundesliga ist, aber auch nicht so schlecht, wie es immer gemacht wird. Es geht sehr professionell zu. Gerade auch bei uns. Bei den Reisen, den Hotelaufenthalten, eigentlich bei allem. Unser Stadion ist ganz neu und momentan wird ein hochmodernes Trainingszentrum für richtig viel Geld gebaut. Der Klub entwickelt sich, er ist erst seit fünf Jahren in der Liga und damit noch am Anfang."

Wo fehlt es noch fußballerisch?
Torsten Frings:
"Das Tempo ist schon sehr hoch. Die Spieler sind physisch alle sehr stark und auch sehr schnell. Es fehlt noch etwas an der Taktik und der Technik, aber ich denke, dass wird in den Jahren immer besser."

Wird sich dann auch die Liga weiterentwickeln. Sie führt ja noch ein Schattendasein neben den Big Four, Baseball, Basketball, Eishockey und Football.

Torsten Frings: "Ein Problem der MLS ist es, die richtig guten Spieler in die Liga zu bekommen. Das liegt vor allem an dem sogenannten „salary cap". Das ist eine Gehaltsobergrenze, nach der es nur drei Spieler im Kader geben darf, die über diesem Gehaltsniveau liegen. Dadurch sind die Löhne im Vergleich zu den europäischen Ligen sehr gering. Für so wenig Geld kommen die richtig guten Spieler da nicht hin und gehen die ganz großen Talente schnell weg. Der Verein hat 3,8 Millionen Euro für den ganzen Kader, also für 20-25 Spieler zur Verfügung. Da verdienst du selbst in kleineren Ligen in Europa deutlich mehr. Es ist schwer Spieler dahin zu bekommen, die nicht in dem Alter sind wie ich und bei denen es nicht mehr auf das Geld ankommt. Das macht es schwierig, das Niveau weiter entscheidend anzuheben."

Wie sieht es mit der Zuschauerresonanz bei euren Spielen aus?
Torsten Frings:
"Die ist überraschend gut. Bei uns passen etwas über 20.000 Zuschauer rein und das Stadion ist immer ausverkauft. Natürlich haben auch viele Vereine kein reines Fußballstadion wie in Toronto oder hier in Bremen und dann spielst du Fußball in den Riesenstadien, wo sonst auch Football stattfindet. Wenn du dann 25.000 Zuschauer in einem Stadion hast, in das 80.000 Leute passen, dann sieht das leer aus. Die Stimmung war aber immer gut."

Besonderer Aufmerksamkeit galt zuletzt dem Spiel zwischen deinem Toronto FC und Red Bull New York, weil es zum Treffen zwischen Torhüter Frank Rost und dir kam. Ihr habt beide eure Profi-Wurzeln bei Werder, habt dort zusammengespielt und euch bis zuletzt heiße Duell in den Norderbys geliefert. Wie war das Zusammentreffen?
Torsten Frings:
"Das war schon eine witzige Situation, dass ich "Fäustel" ausgerechnet in Toronto wiedergetroffen habe, nachdem wir ein paar Monate zuvor noch im Nordderby gespielt haben. So klein ist die Welt. Leider blieb nicht viel Zeit. Wir konnten uns kurz nach dem Spiel etwas austauschen. Er hat auch viel Spaß in New York."

Und wie lief das Spiel?
Torsten Frings:
"Die haben richtig Glück gehabt, in der 90. Minute gelang ihnen der Ausgleich."

Das Spiel galt in den Medien als Derby, obwohl 470 Meilen Fahrtweg zwischen den Städten liegen. Die Reisen in Nordamerika sind schon eine andere Hausnummer, oder?
Torsten Frings:
"Das ist ein richtig großes Problem. Das kostet richtig Kraft. Wenn du für ein Spiel nach Los Angeles fliegst, dann sind das fünf, sechs Stunden Flug und noch die Zeitverschiebung von drei Stunden."

Fliegt ihr dann auch erst einen Tag vor dem Spiel los?
Torsten Frings:
"Wir reisen zu allen Partien, bei denen der Flug länger als drei Stunden dauert, zwei Tage vor der Partie an. Weil sich der Körper an die Zeitunterschiede anpassen soll."

Ist das mit der körperlichen Anpassung auch schon mal fehlgeschlagen?
Torsten Frings:
"Na richtig heftig wird es bei den Reisen zur nordamerikanischen Champions League, für die wir als eines der beiden besten kanadischen Teams qualifiziert sind. Da geht es nach Nicaragua, Panama und Mexiko. Das sind sehr lange Flüge und zum Teil extreme Bedingungen. In Mexiko zum Beispiel da war der Höhenunterschied so extrem, wie ich es bisher noch nie erlebt habe. Man konnte wirklich nicht atmen. Das hatte ich bisher immer nur gehört, dort habe ich es dann auch mal gespürt. Da haben wir auch 0:4 verloren, eine richtige Klatsche bekommen. Die Mexikaner sind abgegangen wie die Hasen und wir wie 80-Jährige.
Wir konnten nicht laufen, das war Wahnsinn. Da muss man wirklich eine Woche früher hin, um sich halbwegs zu akklimatisieren."

Hast noch andere Abenteuer-Geschichten im Angebot?
Torsten Frings:
"Na klar, wir haben Champions League in Nicaragua auf einem Platz gespielt, der schlimmer nicht geht. Der Rasen war fast kniehoch. Man lern einfacht Sachen kennen, über die man sich im ersten Augenblick ärgert, aber mit ein paar Tagen Abstand musst du schon darüber schmunzeln. Du freust dich, dass du bei so etwas mit dabei warst."

Und wie war das jetzt genau in Nicaragua?
Torsten Frings:
"Es war super! Ausverkauft! 2.000 Zuschauer! Aber eine Stimmung wie 20.000 Fans. Zum Warmmachen wurden wir von Jungs begleitet, die Maschinengewehre in der Hand hatten und erst kontrolliert haben, ob der Platz so sicher ist, dass du ihn betreten kannst. Da wird dir schon mulmig. Da fragst du dich: Oh, was mache ich hier?"

Zugabe, bitte noch eine Anekdote!
Torsten Frings:
"Okay. In Toronto ist mal ein Champions-League-Spiel wegen einer Tornadowarnung abgebrochen worden. Nach der ersten Halbzeit lagen wir 0:1 zurück und alles war zu Ende. Die Platzkommission tagte und danach hat der Schiedsrichter die Partie für 10 Uhr am nächsten Morgen angesetzt, weil das noch mit dem Abflugtermin unseres Gegners Dallas passte, der ein paar Tage später in Los Angeles spielen musste. Es ging also am nächsten Vormittag bei 0:0 und mit 20 Zuschauern wieder los. Leider verloren wir trotzdem. So eine spontane Neuansetzung wäre hier unvorstellbar."

Du strahlst bei den Geschichten über das ganze Gesicht. So kennt man dich nicht immer.
Torsten Frings:
"Ach, nach ein paar Monaten bin ich jetzt schon soweit, zu sagen: Ich bin froh, dass alles so gekommen ist. Ich möchte diese Zeit in Kanada schon jetzt nicht missen."

Das Interview führten Michael Rudolph und Dominik Kupilas


Lesen Sie hier den 2.Teil des langen Interviews mit Torsten Frings. Darin berichtet er über seinen Start in Toronto, seine Wohnung im Wolkenkratzer, sein Verhältnis mit dem "Sportgott" Kanadas und seine Glücksträne nach dem Naldo-Comeback.